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MV aktuell „Stur, wortkarg, verlässlich“ – Harald Ringstorff feiert 80. Geburtstag
Nachrichten MV aktuell „Stur, wortkarg, verlässlich“ – Harald Ringstorff feiert 80. Geburtstag
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08:02 25.09.2019
„Seinen Überzeugungen treu bis zur Sturheit“: Harald Ringstorff in Schwerin. Der frühere Ministerpräsident, schwer erkrankt, feiert am Mittwoch seinen 80. Geburtstag. Quelle: OZ
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Schwerin/Weiße Krug

Als stur und verlässlich haben Wegbegleiter Harald Ringstorff oft beschrieben. Am Mittwoch wird der frühere Ministerpräsident (1998 bis 2008), der Tabu-Brecher, der die erste rot-rote Landesregierung in Deutschland schmiedete, 80 Jahre alt. „Hol ju fuchtig!“, würde Ringstorff, studierter Chemiker, wohl wünschen. Bleib gesund. Dabei geht es ihm nicht gut. Eine offizielle Feier gibt es laut Landes-SPD nicht.

„Alles Gute, vor allem Gesundheit“, wünschte Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) dem Jubilar vorab. Sie werde Ringstorff besuchen und sei sicher, „dass ich Glückwünsche im Namen vieler Menschen in MV ausspreche“. Schwesig preist Ringstorff als „großen Mecklenburger und starken Ministerpräsidenten“. Er habe mit seiner ruhigen und geradlinigen Art viel Gutes für das Land erreicht. Ohne seine Sparpolitik zu Beginn des Jahrtausends gäbe es heute keine beitragsfreie Kita.

Holter (Linke): Mit Ringstorff auf Russisch unterhalten

Helmut Holter (Linke), von 1998 bis 2006 Koalitionär und Arbeitsminister Ringstorffs, würdigt: „Analyse und Synthese gehören zum Handwerkszeug eines Chemikers, welche Harald Ringstorff in der Politik zielsicher anwendete.“ Mit der ersten Koalition von SPD und Linken „ging er mutig eine neue politische Beziehung ein, die 1998 noch jenseits der Vorstellungen vieler lag“. Was viele nicht wüssten: Ringstorff spreche nicht nur perfekt Plattdeutsch. „Seine Russischkenntnisse sind so gut, dass wir gelegentlich ins Russische verfielen.“

Bildergalerie: Impressionen aus dem Leben von Harald Ringstorff

Am Mittwoch wird der ehemalige Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns 80 Jahre alt. Ein bildlicher Überblick über seine Karriere.

Harald Ringstorff war als Politiker geradlinig, echt, seinen Überzeugungen treu bis zur Sturheit“, sagt Erwin Sellering (SPD), Nachfolger als Regierungschef. Er verkörpere „den Ur-Mecklenburger“. Sellering lobt einen „sicheren politischen Instinkt und große Beharrlichkeit“. Kein Mensch vieler Worte. „Ein neu hinzugekommener Minister hat mich einmal gefragt: ‚Wo finden denn die Diskussionen zur Festlegung der politischen Strategie statt?‘“, so Sellering. „Und ich habe ihm wahrheitsgemäß geantwortet: Die politische Strategie findet der MP in sich vor.“

Diagnose Parkinson führte zum Rückzug aus der Politik

Seinen letzten großen Auftritt in der Öffentlichkeit hatte Harald Ringstorff bei der Vorstellung einer Biografie vor einem Jahr in Schwerin. Seiner Biografie. Des promovierten Chemikers, der zu DDR-Zeiten beim VEB Schiffbau in Rostocker arbeitete, des Gründungsmitglieds der SDP 1989, des SPD-Landesvorsitzenden, Volkskammerabgeordneten, gewieften Oppositionsführers im Landtag, Ministers, Regierungschefs.

Die Bildung der ersten rot-roten Landesregierung sichert Ringstorff einen Platz in den Geschichtsbüchern. 2008 schließlich hat er von seiner Parkinsondiagnose erfahren. Der Grund für den Rückzug vom Regierungsamt, wie seine Frau Dagmar später verriet.

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Geschichten und Anekdoten zu Ringstorff gib es viele. Wenn der Regierungschef in der Fraktion geredet habe, sei es still gewesen, ist zu hören. Legendär seien seine Kopfstand-Wettbewerbe gewesen. Denkwürdig die Begrüßung des US-Präsidenten George W. Bush 2006 in MV: „Gauden Dach, Mr. President“.

Innenminister Caffier und die „Kleinigkeit G-8-Gipfel

Erinnerungen hat auch Lorenz Caffier (CDU) an Ringstorff. „Man musste nie, mit welchem Ergebnis man die Staatskanzlei verließ.“ Als der MP ihn 2006 zum Innenminister ernannte, habe er ihn aufgefordert, im Anschluss zu Finanzministerin Sigrid Keler (SPD) zu gehen.

Es gebe da „eine Kleinigkeit zu klären“, erinnert sich Caffier. „Kleinigkeit war nett. Es war die Finanzierung des G-8-Gipfels, eine anstrengende Beratung. Am nächsten Tag fragte er mich verschmitzt, ob ich ein nettes Gespräch gehabt hätte.“ Wofür er dankbar sei: In Ringstorff habe er stets einen Unterstützer für das NPD-Verbotsverfahren gehabt.

Juso Brodkorb schnitt sich die Haare und steckte das Hemd rein

Der frühere MP sei schuld daran, dass er mit Hemd in der Hose auftritt, erklärt Mathias Brodkorb, bis vor kurzem MV-Finanzminister. Als früherer Juso-Chef in MV und Vertreter der „jungen Wilden“ in der SPD sei er Ringstorff offenbar suspekt gewesen. Die Haare seien dann im Landtagswahlkampf gefallen.

„Ich traf Harald Ringstorff, und er sagte: ‚Langsam wirst du mir sympathisch‘“, so Brodkorb. Zur ersten Landtagssitzung mit Sakko blieb das Hemd draußen. Dafür gab’s einen Rüffel vom Chef. „Ab dem Tag steckte ich natürlich das Hemd rein“, so Brodkorb. Er hebt die „mecklenburgische Sturheit“ des früheren MP hervor. „80 Prozent ging es ihm um die Sache, nur 20 Prozent um Vermarktung“, so Brodkorb. Die Sparpolitik Ringstorffs sei eine „Großtat“ gewesen. „Ohne diesen Mann und seine Finanzministerin wären wir heute pleite.“

Am See fühlte er sich am wohlsten

Die Angespanntheit Ringstorffs kann Thomas Krüger gut beschreiben. Der heutige Chef der SPD-Landtagsfraktion war 2006 mit Ringstorff im Wahlkampf. „Wir brauchten etwas für ein neues Plakat, etwas, das Drive hatte“, so Krüger. Problem: Ringstorff sah auf Fotos meist verbissen aus. Die Partei heuerte den Promi-Fotografen Jim Rakete an. Der habe gefragt, wo sich der MP am wohlsten fühle. Antwort: „Am See.“ Doch auch in Retgendorf passte das Ergebnis nicht.

Also fuhr man an den Groß-Labenzer See, Ringstorffs Wohnsitz. Es entstand ein Foto, das ihn gelöst und zufrieden zeigt. Fotograf Rakete habe es geschossen, „nachdem Harald Ringstorff Grimassen ziehen sollte“, so Krüger. Der Moment der Entspannung danach.

Von Frank Pubantz