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MV aktuell Suhr: „Die DDR war definitiv ein Unrechtsstaat“
Nachrichten MV aktuell Suhr: „Die DDR war definitiv ein Unrechtsstaat“
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05:00 21.08.2015
Im OZ-Sommerinterview spricht Jürgen Suhr, Fraktionschef der Grünen im Schweriner Landtag, über die DDR, die Flüchtlingspolitik und die nächste Landtagswahl.
Im OZ-Sommerinterview spricht Jürgen Suhr, Fraktionschef der Grünen im Schweriner Landtag, über die DDR, die Flüchtlingspolitik und die nächste Landtagswahl. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Rostock

OSTSEE-ZEITUNG: Das Landesparlament macht Ferien, hatten Sie auch schon Urlaub oder steht er noch bevor?

Jürgen Suhr:  Der Urlaub liegt leider schon hinter mir. Meine Frau ist ja auch berufstätig und mit der Familie muss man das alles gut abstimmen. Wir waren eine Woche im Bergischen Land, wo ein Teil meiner Familie ja lebt. Danach waren wir einige Tage in den Niederlanden bei Freunden. Sie arbeiten als Künstler, da werden die Nächte lang, voller politischer Diskussionen und mit viel Rotwein. Ich mag das sehr. Nach einer Woche Texel an der Nordsee haben wir uns dann wie jedes Jahr noch eine Woche Ostsee gegönnt: Fischland-Darß-Zingst, Rügen, Stralsund, schöne Ausflüge. Wir waren viel mit dem Rad unterwegs.

OZ: Sie sind also mehr der Ostsee- als der Mallorca-Typ?

Suhr: Oh, Mallorca ist auch sehr schön, aber eher im Frühjahr. So wunderbar, wie wir es hier in unserem Bundesland haben, gibt es im Sommer eigentlich keinen Grund woanders hinzufahren.

OZ: Sie sprachen gerade mit dem Bergischen Land Ihre alte Heimat Nordrhein-Westfalen an. Laut Statistik kommen auch die meisten Urlauber aus NRW nach MV. Passen die Bewohner der Bundesländer einfach von den Mentalitäten gut zusammen?

Suhr: Sie sind schon unterschiedlich. Ich komme ja aus dem Rheinland und da übersteht man keine Busfahrt, ohne angesprochen zu werden. Von daher gibt es da schon Unterschiede, die Menschen sind ruhiger hier. Das empfinde ich als angenehm. Aber ich habe mich schon sehr darüber gefreut, wie schnell wir hier einen guten und großen Freundeskreis aufbauen konnten, nachdem wir hierher gezogen waren.

OZ: Über Ihre privaten Reisen haben wir ausführlich gesprochen. Wohin geht denn Ihre politische Reise: Treten Sie wieder als Spitzenkandidat der Grünen für die Landtagswahl im kommenden Jahr an?

Suhr:  Das entscheidet meine Partei am zweiten Oktober-Wochenende. Aber ich habe sowohl in der Landtagsfraktion als auch im Landesvorstand erklärt, dass ich für einen der beiden Spitzenplätze kandidieren werde.

OZ: Mit Silke Gajek in vorderster Linie?

Suhr: Silke Gajek hat ebenfalls erklärt, dass sie für Platz eins, das ist bei uns Grünen immer ein Frauen-Platz, kandidieren wird. Die beiden ersten Plätze bilden bei uns die Doppelspitze.

OZ: Sollte die CDU überraschend die Landtagswahl 2016 gewinnen, können Sie sich dann auch ein schwarz-grünes Regierungsbündnis vorstellen? CDU-Chef und Innenminister Lorenz Caffier hat kürzlich im OZ-Interview gesagt, dass dies für ihn bei den aktuell handelnden Personen schwer denkbar wäre…

Suhr: Ehrlich gesagt: Bei der Innenpolitik oder der Flüchtlingspolitik, die der Innenminister in diesem Land verantwortet, kann ich mir das mit Herrn Caffier auch nicht so gut vorstellen…

OZ: Aber…

Suhr (schmunzelt): … aber, grundsätzlich ist es meine feste Überzeugung, dass alle demokratischen Parteien miteinander reden und auch zusammenarbeiten können müssen. Und ich stelle fest, dass in Hessen schwarz-grün relativ gut und geräuschlos läuft. Wenn ich mit Tarek Al-Wazir spreche, dem grünen hessischen Wirtschaftsminister, dann höre ich nur positives. Und ich stelle auch fest, dass Rot-rot-grün in Thüringen ebenfalls geräuschlos und sachorientiert läuft. Vor dem Hintergrund sind wir richtig und gut aufgestellt, wenn wir sagen: Wenn sich ein relevanter Teil grüner Politik durchsetzen lässt, dann werden wir eine Regierungsbeteiligung sorgsam prüfen, sowohl in der einen als auch in der anderen Konstellation.

OZ: Und welches Bündnis wäre Ihnen vom Bauchgefühl her lieber?

Suhr:  Mein Bauchgefühl sagt: So viel grüne Politik wie möglich in diesem Land!

OZ: Mit wie viel Prozent für die Grünen rechnen Sie bei den Landtagswahlen?

Suhr: Ich würde mich schon sehr freuen, wenn es uns gelänge, das Wahlergebnis vom letzten Mal zu wiederholen, das lag bei 8,7 Prozent - das historisch beste Wahlergebnis in Ostdeutschland übrigens. Ich glaube, dass das ein anspruchsvolles Ziel ist, aber ich verweise auf die letzte Umfrage im Land, die wurde Anfang des Jahres von der OZ veröffentlicht, da lagen wir bei 9,7 Prozent. Es ist also auch kein unrealistisches Ziel.

OZ: Sie sprachen gerade schon die Flüchtlingspolitik des Innenministers an. Was macht Herr Caffier falsch?

Suhr: Da gibt es eine ganze Reihe von Punkten. Zum Beispiel, dass er befürwortet, dass die Zahl der sogenannten sicheren Herkunftsstaaten ausgeweitet werden soll. Das halte ich für einen fatalen Fehler, denn Lorenz Caffier blendet dabei aus, dass die Erklärung zu sicheren Herkunftsstaaten bisher nicht dazu geführt hat, dass der Flüchtlingszuzug vom Balkan in irgendeiner Form reduziert wurde. Genau das war aber das Ziel der Befürworter. Er führt damit eine Diskussion, die nah am Feuer ist. Solche Diskussionen schüren Ressentiments gegenüber Flüchtlingen. Auch die Debatte um Umwandlung des Taschengeldes in Sachleistungen halte ich für unsäglich. Wir reden hier beim Erwachsenen von 143,-- Euro im Monat, bei Kindern sind es gerade mal durchschnittlich 80,-- Euro im Monat. Davon muss auch die gesamte Bekleidung bestritten werden. Ich rate Herrn Caffier und der gesamten CDU zur Zurückhaltung!

OZ: Ist es denn überhaupt noch sinnvoll in Wirtschafts- und Kriegsflüchtlinge zu unterscheiden, gerade vor dem Hintergrund demografischer Probleme und Fachkräftemangels?

Suhr: Angesichts des Fachkräftemangels brauchen wir unbedingt gut ausgebildete Arbeitskräfte! Dazu benötigen wir dringend ein Einwanderungsgesetz, eine grüne Forderung seit langem, die von der Regierung aber nicht umgesetzt wird. Wer angesichts der Tatsache, dass die bundesdeutsche Bevölkerung bis 2050 um 7 Millionen Menschen schrumpfen wird, weiter verweigert Einwanderung gesetzlich zu regeln, der verschließt die Augen vor den Tatsachen. Wir sind längst ein Einwanderungsland. Völlig unabhängig davon gibt es das individuelle Recht jedes einzelnen Flüchtlings auf individuelle Prüfung ihres Asylantrags, egal ob er aus dem Kosovo kommt, aus Syrien oder aus der Ukraine. Wir müssen dafür kämpfen, dass dieses elementare Menschenrecht nicht immer weiter aufgeweicht wird. Die Prüfungsverfahren allerdings müssen alleine schon im Interesse der Flüchtlinge schnell durchgeführt werden unter uneingeschränkter Wahrung aller Rechte, die ein Asylsuchender hat und dafür brauchen wir das entsprechende Personal bei der zuständigen Bundesbehörde. Ich habe positiv zur Kenntnis genommen, dass dort personell um 1000 Kräfte aufgestockt werden soll.

OZ: Sind die Kommunen nicht überfordert mit der Zahl der Flüchtlinge?

Suhr: Ich glaube, vielerorts funktioniert das relativ gut. Ich habe mich zum Beispiel gefreut, dass in meiner Heimatstadt Stralsund in relevanter Zahl Familien dezentral untergebracht werden. Ich halte das für den richtigen Weg. Ich halte es für falsch, dass jetzt landesweit davon abgerückt werden soll, weil es angeblich zu aufwändig ist. Denn gerade Familien mit Kindern müssen raus aus diesen großen Unterkünften, das ist auch eine Frage von Menschlichkeit. Ich halte es für gut, dass es jetzt einen Flüchtlingsgipfel gibt, aber ich vermisse eine stärkere Steuerung der Landesregierung. Es geht nicht, und da bin ich bei Innenminister Caffier, dass sich Kommunen ihrer Verantwortung entziehen, indem sie keine Flüchtlinge aufnehmen, während andere Verantwortung übernehmen und das überproportional tun.

OZ: Der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, hat in Anbetracht der bundesweit hohen Flüchtlingszahlen vorgeschlagen, dass der Osten mehr Flüchtlinge aufnehmen solle, da hier Platz sei. Gibt bei so einer Äußerung Knatsch unter Parteifreunden oder ist das für Sie eine ernsthafte Option?

Suhr: Ich bin in vielen Punkten bei Winfried Kretschmann, hier nicht: Es geht nicht nur darum, wo angeblich Platz ist. Die Frage der Unterbringung ist eine gemeinsame Verantwortung aller Bundesländer. Da haben wir einen entsprechenden Schlüssel, nach dem das aufgeteilt wird. Das ist der richtige Weg. Ich halte es grundsätzlich nicht für klug anderen Bundesländern ungefragt Empfehlungen zu geben.

OZ: Wir haben vorhin schon über Prozente bei der Landtagswahl gesprochen. Mit Zahlen hatten Sie auch schon in Ihrem früheren Berufsleben als Devisenhändler bei Mannesmann zu tun…

Suhr: … lang ist's her…

OZ: Und sie waren auch in der FDP. Wie blicken Sie auf diese Tage zurück?

Suhr: Es war politisch eine spannende Zeit. Die FDP war Anfang der 80iger völlig anders aufgestellt, als sie unter Helmut Schmidt noch in der sozialliberalen Koalition mit der SPD war. Da gab es sehr viele bürgerrechtsaffine Protagonisten. Ich war seinerzeit in der FDP-Jugendorganisation, den Jungdemokraten. Nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition und der Abwahl von Kanzler Schmidt bin ich ausgetreten. Damals war ich 23 Jahre alt.

OZ: Und Mannesmann?

Suhr: Das war für mich schon eine sehr prägende Zeit. Ich habe Wirtschaft praktisch kennengelernt und zwar aus einer Innensicht. Das hilft mir bis heute oft sehr weiter. Ich habe als relativ junger Mensch erfahren, wie mit Ellenbogen gearbeitet wurde, wie Profit an der Spitze dessen stand, was man erreichen musste. Meine Aufgabe war es, für Mannesmann die Devisentermingeschäfte abzuwickeln, also Kursrisiken für Großprojekte abzusichern.

OZ: Wie kam der Bruch - quasi vom „Vollkapitalisten“ zum Grünen?

Suhr: Ich war viel unterwegs, oft auch im Ausland und habe regelmäßig bis tief in die Nacht gearbeitet. Das hält keine Beziehung lange aus. Deshalb habe ich aufgehört. Es ist mir damals sehr schwer gefallen. Ich habe dann Wirtschaftswissenschaften studiert und lernte  Menschen kennen, die im Sozialbereich tätig waren. Am Ende meines Studiums bin ich dann Geschäftsführer eines kleinen sozialen Dienstleistungsbetriebes geworden. Meine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse und Erfahrungen halfen mir da sehr. 10 Jahre später hatten wir es gemeinsam geschafft aus einem kleinen Träger einen mittelständischen Dienstleister zu formen.

OZ: Sie kennen durch Ihre Biographie beide Seiten Deutschlands gut. Aus Ihrer Sicht: War die DDR ein Unrechtsstaat?

Suhr:  Aus meiner Sicht war die DDR definitiv ein Unrechtsstaat, weil dieser Staat mit seinen staatlichen Instrumenten vielen Menschen Unrecht angetan hat. Und das schlägt ja bis heute durch. Die Stasi-Verfolgten, die Heimkinder… Bürgerrechtler bei den Grünen haben mir Dinge erzählt, die ich als Mensch, der in einem demokratisch verfassten System aufgewachsen ist, kaum glauben konnte. Von daher denke ich, jeder, der das relativiert, der verharmlost all das, was dieser Staat vielen Menschen angetan hat.

OZ: Ist es Anbiederung für Sie, wenn Ministerpräsident Erwin Sellering eben genau sagt, die DDR war kein Unrechtsstaat?

Suhr: Nein. Ich glaube, dass dahinter politisches Kalkül steht.

OZ: Also um für Koalitionspartner offen und für viele Menschen „wählbar“ zu bleiben?

Suhr: Die Differenzierung, die Herr Sellering vornimmt, er könne mit dem pauschalen Begriff Unrechtsstaat nicht jeden einzelnen DDR-Bürger verurteilen, kann ich ja gut nachvollziehen. Da waren ganz viele, die natürlich nicht Teil dieses Unrechtsstaates waren. Aber nochmal: Wenn ich sage, das war kein Unrechtsstaat, vermittle ich eine Botschaft, die von niemandem verstanden werden kann, der Opfer geworden ist. Und deshalb halte ich das für völlig unangebracht.

OZ: Sie haben Herrn Sellering scharf dafür kritisiert, als er vergangenes Jahr am Russland-Tag festhielt. Ist es nicht notwendig, den Kontakt zu Russland trotz Ukraine-Krise aufrecht zu erhalten?

Suhr: Doch ich halte es für richtig, den Kontakt zu Russland aufrecht zu erhalten. Aber in dem Sinne, wie es die Bundesregierung getan hat. Einerseits wirtschaftliche Sanktionen als Reaktion dafür, dass Putins Russland völkerrechtswidrig die Krim annektiert hat, andererseits weitere Gespräche, insbesondere über den Bundesaußenminister. Das wurde übrigens auch von allen Ministerpräsidenten so akzeptiert bis auf den mecklenburg-vorpommerschen Ministerpräsidenten, der die Dialogschiene noch unterstreichen wollte - aus dem einfachen Kalkül die wirtschaftliche Situation des Landes zu verbessern. Wenn 16 Ministerpräsidenten und Regierende Bürgermeister das gleiche getan hätten, hätte man die Strategie der Bundesregierung und der EU „in die Tonne treten“ können. Man kann eine Annektierung der Krim nicht einfach so hinnehmen, als wäre nichts geschehen. Die Aktion von Herrn Sellering war nicht solidarisch.

OZ: Unter den Sanktionen leiden aber zum Beispiel auch die Werftarbeiter in Stralsund, Wismar und Warnemünde, wo die Werften in russischer Hand sind. Wie vertreten Sie dort Ihre Meinung?

Suhr: Ich kann das gut verstehen, dass jemand, der an der Werft arbeitet, die Dinge anders sieht. Es geht schließlich um seine Lebensgrundlage. Aber ich kann und will nicht wirtschaftliche Argumente über solche, viel grundsätzlichere Fragen stellen. Die Annektierung einer Region fordert eine Reaktion und dass dies negative Effekte hat, ist mir bewusst. Allerdings auch wenn es in den Werften, was den Schiffbau betrifft, derzeit eher mau aussieht, so gibt es ja vielversprechende Perspektiven im  Offshore-Bereich - als Produzent von großen Anlageteilen und Versorgungsschiffen, aber auch bei Wartung und Reparatur.

OZ: Stichwort Energiewende. Sie selbst sind bekennender Zugfahrer. Wie realistisch ist es, dass in MV große Projekte wie Darßbahn, Revitalisierung der Südbahn und Wiederaufbau der „Karniner Strecke“ Berlin-Usedom zeitnah umgesetzt werden?

Suhr:  Wir stellen als Grüne immer wieder Anträge für diese Projekte. Das schien ja lange hoffnungslos zu sein, inzwischen habe ich wieder Hoffnung. Das hängt damit zusammen, dass die Bahn ihr Grundkonzept offenbar ändern will und bis 2025 die größeren Städte untereinander viel besser anbindet. Das bietet auch Chancen für den andienenden Regionalverkehr insbesondere in den Tourismusregionen. Wenn ich mir die Usedomer Bäderbahn beispielsweise anschaue, wie sie kostendeckend und hochfrequentiert auf Usedom fährt, frage ich mich, warum das für den Darß nicht auch gehen soll. Karnin halte ich ohnehin für notwendig. Wenn man den Raum Berlin mit über 3 Millionen Einwohnern so anbinden kann, dass man im Zug nach Usedom mehr als eine Stunde Fahrtzeit spart, dann sollte man das dringend machen - besonders unter der Voraussetzung, dass so eine Maßnahme Autos von der Straße nimmt.

OZ: Apropos Touristen: Es wird derzeit heiß im Land diskutiert, ob Windräder den Urlaubern nicht die schöne Sicht auf den Horizont vermiesen. Können Sie diese Ängste verstehen?

Suhr: Kurz als Vorbemerkung: Wenn die Landesregierung etwas Positives tut, dann bricht auch der Opposition kein Zacken aus der Krone, wenn sie einmal einen Minister lobt. Das tue ich hier ausdrücklich. Ich finde im Offshore-Bereich hat Christian Pegel einen guten Job gemacht - indem er erst mal alle Eignungsflächen ausgewiesen hat, die möglich sind, sich dann die Rückmeldung vor Ort geholt und dann eine Reduzierung vorgenommen hat, die eine weitgehende Akzeptanz unter den Beteiligten ermöglicht. Das war aus meiner Sicht ein mustergültiger Prozess. Dass jetzt ein Drittel der zunächst ausgewiesenen Flächen zur Verfügung steht, ist ein akzeptables Ergebnis. Wir sind dabei mit den Entfernungen zum Land in Dimensionen von Baltic 1 vor dem Darß. Ich bin hin und wieder in Zingst am Strand und die Windräder stören mich überhaupt nicht. Neulich habe ich dort ein Pärchen aus Sachsen erlebt:  Sie sahen die rot blinkenden Lichter am Horizont vor dem Sonnenuntergang und sagten: Och, ist das romantisch. So kann’s gehen!

OZ: Geschmäcker sind offenbar verschieden.

Suhr: Natürlich. Aber im Ernst: Die zwölf Kilometer Entfernung von Offshore-Windrädern zur Küste empfinde ich nicht als störend, sondern als akzeptabel.

OZ: Den Onshore-Bereich, also Windräder an Land,  sehen Sie differenziert?

Suhr: Auch als vehementer Verfechter der Energiewende denke ich, dass man Argumente von Windkraftgegnern wie die der Initiative „Freier Horizont“ nicht einfach abtun kann. Die breite Akzeptanz der Energiewende ist extrem wichtig, daher müssen wir kommunizieren und vermitteln. Was ich nicht nachvollziehen kann: die Gegner sagen nicht, was die Alternative zu Windrädern sein kann. Wollen sie Atom weiter machen oder Kohleverstromung? Steinkohlekraftwerke bauen? Da gibt es keine Antwort. Und jeder, der sagt: Die Ausbauziele sind zu hoch und wir wollen eine Distanz von Windrädern mit mindestens zwei Kilometern zur Bebauung, was ja letztendlich der Inhalt der Volksinitiative von „Freier Horizont“ ist, der muss auch dazu sagen, dass damit nahezu alle Ausbaupläne vom Tisch sind. Mir hat noch niemand erklären können, wie dann die Energieversorgung sicherstellt werden soll.

OZ: Aber sie sagen weiterhin, es gehört beides dazu: Onshore und Offshore?

Suhr: Definitiv. Wir brauchen alleine schon aus Klimaschutzgründen eine Energieversorgung, die für die nächsten Jahrzehnte trägt, nur aus regenerativen Energien. Und nebenbei: Windkraft ist auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Mecklenburg-Vorpommern.

OZ: Stichwort Atom. Haben Sie die Befürchtung, dass Lubmin ein heimliches Endlager wird?

Suhr: Lubmin ist definitiv kein sicherer Endlagerstandort, allein schon weil es ein oberirdischer Standort ist. Es darf aber auch kein Zwischenlager mit Endlagercharakter werden. Deshalb ist es sehr wichtig, jetzt dafür zu kämpfen, dass zum Beispiel kein Müll aus dem englischen Sellafield dort gelagert wird. Kurzum: Keine weiteren Transporte und keine weitere Einlagerung in Lubmin. Was die Endlagerfrage betrifft, sage ich aber auch: Die Suche ist eine gemeinschaftliche Aufgabe, der sich alle Bundesländer stellen müssen.

OZ: Gibt aus Ihrer Sicht Erkenntnisse, dass es in MV einen geeigneten Standort für ein Endlager geben könnte?

Suhr: Es gibt ja die unterschiedlichsten Gesteinsformationen, die für eine Endlagerung in Frage kommen und da hat auch MV Vorkommen, die auf den ersten Blick geeignet scheinen, die hat aber nahezu jedes Bundesland. Ich habe großes Vertrauen in die Endlager-Suchkommission, dass sie den richtigen Standort findet. Nochmal zum Thema Verantwortung: Es darf sich kein Bundesland entziehen, übrigens auch Bayern nicht! Ich sage aber gleichzeitig, wenn man sich die Lastenverteilung anschaut: Wir haben schon einen relevanten Teil von Verantwortung mit dem Zwischenlager Lubmin - das ist einer der Standorte mit den meisten Castoren - übernommen. 

OZ: Aber wäre es denn überhaupt zu verantworten, ein Endlager in einem Bundesland zu positionieren, das zu beträchtlichem Teil vom Tourismus lebt?

Suhr: Noch einmal: Die Endlager-Suchkommission muss vorbehaltlos prüfen können, das gilt für jedes Bundesland! Meine persönliche Meinung: Es darf natürlich keinen Endlagerstandort geben, der touristisch relevante Bereiche berührt.

OZ: Anderer Aspekt beim Thema Umweltschutz: Landwirtschaftsminister Till Backhaus hat vor wenigen Tagen das erste Tierschutz-Konzept des Landes vorgestellt. Trägt es weit genug?

Suhr: Es ist ein erster Ansatz. Aber ich kann Tierschutz-Konzepte rauf- und runterbeten, solange ich nicht wirklich etwas gegen Massentierhaltung im Land mache, bleibt es bei der Papierform. Das nutzt niemandem etwas. Wenn ich mir die schädlichen Wirkungen ansehe, die von der industriell betriebenen Landwirtschaft ausgehen, etwa Überdüngung der Ostsee,  Nitratbelastung im Grundwasser, Ammoniakimmissionen, der Antiobiotikaeinsatz - dann nutzt mir ein Tierschutzkonzept herzlich wenig, sondern ich erwarte ein entschiedenes Vorgehen des Ministers gegen Massentierhaltungsanlagen und gegen die schädlichen Folgen der industriellen Landwirtschaft.

OZ: Eine dieser Schweinemassenzuchtanlagen betreibt ja der sogenannte Schweinebaron Adrianus Straathof. Das Land versucht seit Jahren ihn zu sanktionieren. Wird letztlich zu wenig getan, um Praktiken, die gegen den Tierschutz verstoßen, zu ahnden?

Suhr: Ich habe bis heute nicht verstanden, dass man einen Katalog von hunderten Beanstandungen hat, Bußgelder verhängt, aber der Mut fehlt, endlich auch einmal eine Straathof-Anlage stillzulegen, so wie es Sachsen-Anhalt vorgemacht hat - und zur Not stelle ich mich auch einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit Herrn Straathof. Das wäre übrigens auch ein Zeichen für andere, die überlegen derartige Anlagen zu bauen.

OZ: Wie weit sehen Sie MV beim Thema „nachhaltige Landwirtschaft“?

Suhr: Die Entwicklung geht in die falsche Richtung. Wir hatten im Jahr 2013 eine ökologische Bewirtschaftung im Agrarsektor von 125.000 Hektar. Die ist im vergangenen Jahr zurückgegangen auf 119.000 Hektar. Warum: Es fehlen die Vermarktungsstrukturen und -konzepte und vor allem die Bodenpreise gehen drastisch in die Höhe. Wir haben riesengroße Strukturen, wo sich Masse rechnet, aber nicht Klasse. Das ist ein Kernproblem, wo es gilt Veränderungen zu schaffen. Eine Lösung wäre eine stärkere Förderung von ökologischem Anbau und Ernährungskreisläufen mit regionalen Produkten. Ein Stichwort wäre regionale Verpflegung in Kitas. Nebenbei: Auch Touristen interessieren sich immer mehr für gute, saubere Lebensmittel. Da gibt es eine Menge interessanter Nischen, wo die Landesregierung sinnvoll fördern könnte.

OZ: Noch zwei Zukunftsfragen: Welche Schlagzeile würden Sie gern über MV lesen in zehn Jahren?

Suhr: MV ist das Musterland für ökologische Landwirtschaft, sanften Tourismus und das Land, in dem es sich gerade auch deshalb wirklich lohnt zu leben

OZ: Und welche Schlagzeile in gut einem Jahr über Jürgen Suhr?

Suhr: Grüne haben sich in Koalitionsverhandlungen mit vielen Forderungen durchgesetzt.

Stichworte für Jürgen Suhr

Vorbild: Mahatma Gandhi. Seine Geschichte und seine Friedenskonzepte faszinieren mich

Familie: Meine Heimat, mein Ruhepol, ohne die alles andere gar nicht gehen würde.

Fußball: Absoluter Fan. Habe früher selbst gespielt. Ein Geständnis: Seit meinem 7. Lebensjahr, als Bayern in die 1. Liga aufgestiegen ist, bin ich Bayern München-Fan. Und ich hege ich auch große Sympathien für Hansa Rostock, auch wenn ich das Verhalten mancher sogenannter Fans als völlig inakzeptabel empfinde. Drei- bis viermal in der Saison bin ich mit meinem Sohn im Ostseestadion.

Vegetarier: Bin selbst keiner. Da ich aus einer Bauernfamilie komme, gehört für mich Fleisch dazu, zweimal die Woche und auch viel Fisch. Ich bin kein Befürworter eines „Veggie Days“. Aber ich bin dafür, dass Menschen in Kantinen oder auch Kinder in den Kitas aus einem guten Angebot wählen können und dazu gehört auch ein gutes vegetarisches Essen pro Tag.

Fraktionsvorsitzender: Mein absoluter Wunschjob.

Radfahrer: Voller Enthusiasmus. Ich liebe es, am Wochenende oder abends nach langen Arbeitstagen auf das Rad zu steigen. Der einzige Sport, den ich momentan schaffe.

Deutsche Einheit: Die Einheit ist dann vollzogen, wenn es niemanden mehr gibt, der sie hinterfragt. Ich würde mir wünschen, dass das politische und gesellschaftliche Engagement in MV weiter zunimmt, das ist mir manchmal noch zu wenig! Andererseits: Wir wachsen immer mehr zusammen. Für die Generation unserer Kinder wird es wunderbarerweise überhaupt keine Rolle mehr spielen, ob jemand in Ost- oder Westdeutschland geboren wurde.

Mecklenburg-Vorpommern: Das genialste und wundervollste Bundesland. Inzwischen meine Heimat. Ich fühle mich pudelwohl hier und ich werde hier alt werden.

Zur Person

Jürgen Suhr (56) stammt aus Remscheid (Nordrhein-Westfalen). 1998 kam der Betriebswirt als Geschäftsführer der Produktionsschulen gGmbH MV nach Stralsund, wo er heute mit seiner zweiten Ehefrau lebt. Seit seinem Beitritt zu den Grünen 1991 bekleidet er wichtige Ämter in der Partei, sowohl auf kommunal- wie landespolitischer Ebene. Seit 1998 ist er im Landesvorstand der Grünen von MV, seit 2011 sitzt er als Fraktionschef der Ökopartei im Schweriner Landtag. Jürgen Suhr hat vier Kinder.



Interview von Thomas Pult und Alexander Loew