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MV aktuell Tierschützer und Bauern in MV lehnen staatliches Tierwohllabel ab
Nachrichten MV aktuell Tierschützer und Bauern in MV lehnen staatliches Tierwohllabel ab
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06:37 15.02.2019
Ein Schwein in einem Abferkelstall in Mecklenburg-Vorpommern. Quelle: Norbert Fellechner
Rostock

Etikettenschwindel, Mogelpackung, teure Verordnung: Das von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) verkündete staatliche Tierwohl-Label stößt in Mecklenburg-Vorpommern bei allen Seiten auf Kritik. Das Logo soll voraussichtlich ab 2020 für Schweinefleisch in den Handel kommen. Schon die erste der drei Stufen soll „eindeutig über dem gesetzlichen Standard“ – in den Bereichen Platz für jedes Tier, Schwänzekürzen, Ferkel-Kastration und Transport – liegen, kündigt die Ministerin an. Die zweite und die dritte Stufe sollen dann für jeweils höhere Tierwohl-Anforderungen stehen.

Tierschützer: Das Label ist eine Mogelpackung für die Verbraucher

Eine „Mogelpackung“ ist das „Tierwohl-Label“ für die Tierschützer im Land. „Für das Wohl der Tiere passiert bei diesem Label nichts“, kritisiert Kerstin Lenz, Vorsitzende des Deutschen Tierschutzbundes in MV. Die 30 Quadratzentimeter mehr Platz im Stall pro Schwein gegenüber dem jetzigen Mindeststandard seien „lachhaft“. Und: „Durch dieses offizielle Label werden die Verbraucher getäuscht und in die Irre geführt. Problematisch sei auch, dass dies Verordnung nur freiwillig sei. „Das ist doch gar nicht notwendig, denn viele bauern wollen ja die Bedingungen für ihre Tiere verbessern.“ Deshalb fordern die Tierschützer ein Tierwohl-label, das seinen Namen auch verdient. „Es muss verpflichtend sein. den Tieren müssen Stroh und deutlich mehr Platz geboten werden“, zählt Kerstin Lenz auf. Ebenso wichtig sei eine umfassende Information der Verbraucher über die Haltungsbedingungen. „Bei Eiern funktioniert die Kennzeichnung ja bereits sehr gut“, sagt gut.

Backhaus kritisiert das neue System als Schnellschuss

Das sieht Agrarminister Till Backhaus (SPD) ebenso. „Das freiwillige Label ist unzureichend und nicht zu Ende gedacht“, meinte er. Anders als zwischen den Koalitionspartnern in Berlin ausgehandelt, erfasse es nur Teile des Frischfleischsortiments und sei „eben nicht verpflichtend“. Für die Verbraucher ergebe sich kein echter Nutzen. „Dabei liegt bei den Eiern ein funktionierendes Kennzeichnungssystem vor, das Orientierung hätte geben könne“, erklärt Backhaus. Auf ihn wirke das Tierwohllabel wie ein „Schnellschuss“, um nicht gänzlich von den Initiativen aus Industrie und Handel abgehängt zu werden.

Bauern fordern ein verbindliches Label

Auch der Landesbauernverband sieht das Tierwohlkennzeichen kritisch. „Wir haben jetzt ein Label, brauchen aber ein System“, sagt Verbandspräsident Detlef Kurreck. Derzeit sei noch nicht klar, wie das Tierwohl-Label durchgesetzt werden soll. Dafür fehle eine Rechtsverordnung. Zurzeit sei noch einiges unklar. So etwa, wer die Einhaltung der Vorgaben kontrolliert und wer welchen Anteil an den Kosten trägt. „Wer mehr Tierwohl will, muss sich für mehr Investitionen in den Ställen einsetzen und diese Veränderungen im Baurecht regeln“, fordert Kurreck. Die Landwirte dürften nicht auf den Kosten sitzen bleiben, während andere daran verdienen. Die Bauern in MV seien bereit, mehr für das Tierwohl zu machen. Das zeige die Initiative „Tierwohl“ zwischen Handel und Bauern. Jedoch: Es gebe zu viele freiwillige Tierwohllabels, die den Verbrauchern die Orientierung erschweren. „Wir brauchen ein einheitliches, verbindliches Label“, fordert Kurreck. So könne der Verbraucher für sich entscheiden, welches Produkt er kauft.

Hart ins Gericht mit dem Klöckner-Label gehen die Umweltschützer in MV. „Freiwilligkeit und lasche Anforderungen an das Tierwohl werden der Notwendigkeit des Themas nicht gerecht“, erklärt Burkhard Roloff, Agrarexperte beim Bund-Landesverband. „Ministerin Klöckner zementiert mit dem Label den Status Quo von Vollspaltenböden in der Schweinemast und verhindert Investitionen in den Umbau zu artgerechten Stallsystemen“, sagt Roloff. Hintergrund seien die viel zu schwachen Kriterien der Einstiegsstufe, die Verbrauchern bessere Haltungsbedingungen vorgaukeln, als sie tatsächlich in den Ställen vorherrschen. Das Schwänzekupieren sowie das Abschleifen der Eckzähne seien in der Einstiegsstufe erlaubt, obwohl dies nach Vorgaben der EU bereits seit 2008 nur in absoluten Ausnahmefällen zulässig sein soll. Schon bei der Kennzeichnung mit der Stufe Eins müsse es den Tieren merklich besser gehen. „Für ein Mastschwein, das bis zu 110 Kilogramm wiegt, sind in der ersten Stufe nur 0,90 Quadratmeter eingeplant. Das ist viel zu wenig.“ Die bislang geplanten 20 Prozent mehr Platz seien keineswegs ausreichend. Deutlich mehr Platz, also mindestens 40 Prozent mehr und ausreichend Stroh, müssten vorhanden sein, damit es den Tieren besser geht.

Linke: Tierwohl-Label ist „ein Witz“

Für Wolfgang Weiß, agrarpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Schweriner Landtag, ist das Tierwohl-Label „ein Witz“. Wer ein x-tes freiwilliges Label neu auf den Markt bringen will, meine es nicht ernst mit der tiergerechten Haltung aller unserer Nutztiere, sagt der Agrarexperte. Deutschland brauche dringend bessere gesetzliche Standards für die Tierhaltung und Schlachtung. „Wir fordern eine verpflichtende und klar nachvollziehbare Tierwohl-Kennzeichnung, und das nicht nur für Schweine“, erklärt er.

Bereits ab 1. April dieses Jahres wollen die Supermarktketten Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Penny und Rewe einheitliche vierstufige Packungsaufdrucke mit der Aufschrift „Haltungsform“ für Rinder- und Schweinefleisch sowie Geflügel in die Läden bringen.

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Bernhard Schmidtbauer