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MV aktuell Leonies Tod: Ermittlungen jetzt auch gegen die Mutter
Nachrichten MV aktuell Leonies Tod: Ermittlungen jetzt auch gegen die Mutter
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17:25 17.01.2019
In Torgelow ist ein sechs Jahre altes Mädchen gestorben. Gegen den Stiefvater wird ermittelt. Quelle: Christopher Niemann
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Torgelow/Wolgast

Wo ist David H.? Drei Tage nach seiner Flucht aus der Pasewalker Polizeiwache wird der Stiefvater der getöteten Leonie (6) aus Torgelow noch immer gesucht – bisher ohne eine heiße Spur. Seit Donnerstagnachmittag steht fest: Der bereits vor Tagen beantragte Haftbefehl, der bei einem Pasewalker Richter zur Überprüfung vorlag, ist erlassen.

Gleichzeitig korrigiert auch die Staatsanwaltschaft Neubrandenburg nach Vorliegen neuer Ermittlungsergebnisse nach: Sie ermittelt nun wegen Mordes durch Unterlassen, teilte Oberstaatsanwältin Beatrix Heuer jetzt mit. „Ihm wird vorgeworfen, den Tod des Kindes nach vorhergehenden Verletzungshandlungen erkannt und billigend in Kauf genommen sowie die erkennbar notwendigen Hilfemaßnahmen zur Vermeidung des Todes nicht ergriffen zu haben“, heißt es in der Begründung. Mit anderen Worten: Er habe dem sterbenden Kind nicht geholfen, um seine eigenen Misshandlungen an dem Kind zu decken.

Die Staatsanwaltschaft spricht bisher unkonkret von „Gewalteinwirkungen auf das Kind“. Nach OZ-Informationen zeigt der Obduktionsbericht, dass Leonie sehr schwere – darunter auch ältere – Verletzungen aufweist. Unter anderem soll es sich um mehrere Knochenbrüche und schwere Kopfverletzungen handeln.

Auch ihr Bruder Noah-Joel (2), der jetzt in Obhut seines Vaters Oliver E. ist, hat Verletzungen am Körper und im Gesicht. Der Kleine, der offensichtlich ebenfalls misshandelt wurde, musste am Mittwoch erneut in der Kinderklinik von Greifswald stationär aufgenommen werden. Dort sollen eventuelle innere Verletzungen abgeklärt werden. Die Untersuchungen hat die Rechtsmedizin gefordert, nachdem sie den Jungen begutachtet hatte.

Der Tod eines sechs Jahre alten Mädchens in Torgelow hat weit über die Grenzen der Stadt Bestürzung und Anteilnahme ausgelöst. Nach einer Obduktion ist klar: Es war kein Treppensturz, wie der Stiefvater von Leonie gegenüber der Polizei behauptet hatte.

Im Polizeipräsidium Neubrandenburg wartete man am Donnerstag bereits ungeduldig auf den Haftbefehl. Der Erlass bedeutet nämlich auch, dass die Ermittler eine Stufe hochschalten können bei den Maßnahmen, den 27-Jährigen zu fassen. „Jetzt können wir weitere, neue Möglichkeiten der Fahndung einleiten, die vorher aus rechtlichen Gründen nicht möglich waren“, sagt Polizeisprecherin Nicole Buchfink. Welche genau das seien, könne sie aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen. „Wir hoffen, nun auch mit den neuen strafprozessualen Möglichkeiten den Haftbefehl schnell vollstrecken zu können.“

Dass es drei Tage dauerte, bis der Haftbefehl erlassen wurde, sei in solchen Fällen nicht ungewöhnlich, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Der Haftrichter habe noch Bedenken gehabt und die Vernehmung der Mutter abgewartet. Die ist durch die jüngsten Entwicklungen nun auch in den Fokus der Ermittler gerückt. „Sie wird jetzt als Beschuldigte geführt“, sagt Claudia Tupeit, Sprecherin des Polizeipräsidiums Neubrandenburg. Es werde wegen unterlassener Hilfeleistung ermittelt. Es erscheine nicht plausibel, dass sie von all dem nichts mitbekommen habe.

Flucht aus dem Polizeirevier: „Das hätte nicht passieren dürfen.“

Die Fahndung nach dem Beschuldigten laufe seit Montag mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Dem 27-Jährigen wurde am Montagabend im Polizeihauptrevier Pasewalk durch Anklamer Kriminalbeamte die vorläufige Festnahme verkündet. Er sollte dann in den Gewahrsamsbereich geführt werden. „Dabei nutzte er einen für ihn günstigen Moment im Flurbereich und flüchtete aus dem Revier. Kriminal- und Schutzbeamte eilten ihm hinterher, der Flüchtende konnte jedoch den Abstand vergrößern und in der Dunkelheit verlor sich schließlich der Sichtkontakt“, heißt es jetzt erstmals vom Neubrandenburger Polizeipräsidium. „Das hätte nicht passieren dürfen“, betont die Sprecherin. Innenminister Lorenz Caffier (CDU) hatte die Vorgänge in Pasewalk kritisiert und eine Schwachstellenanalyse gefordert, „um zukünftig ähnliche Situationen vermeiden zu können“. Ein erster Bericht zu den Umständen der Flucht läge vor und werde ausgewertet, heißt es aus dem Innenministerium.

Inzwischen hat die Polizei beim Gericht auch eine Öffentlichkeitsfahndung mit Foto beantragt. Das muss vom zuständige Richter genehmigt werden. Seit Tagen gibt es Verwunderung, aber auch Kritik aus der Bevölkerung, dass David H. nicht intensiver mit Foto gesucht wird. Bislang begründeten Staatsanwaltschaft und Polizei das Vorgehen immer damit, dass erst alle anderen Mittel ausgeschöpft sein müssten.

Foto des Tatverdächtigen im Internet verbreitet

Inzwischen kursiert das Foto des Mannes (mit und ohne Balken über den Augen) allerdings auch ohne Richterbeschluss im Internet, wurde auch von einigen Medien veröffentlicht und wird tausendfach in den Sozialen Netzwerken geteilt. „Das Foto geht im Netz hoch und runter. Die Aufrufe der Menschen verbreiten sich wie ein Lauffeuer“, sagt Buchfink. Sie warnt vor Selbstjustiz. „Wenn Sie den 27-Jährigen sehen oder wissen, wo er sich aufhält, informieren Sie bitte die Polizei.“ Die Ermittler vermuten David H. weiterhin in der Region. Auch Gerüchten, er sei inzwischen in Polen, werde aber nachgegangen, heißt es von der Polizei.

Leonies Vater Oliver E. kann auch fünf Tage nach dem schrecklichen Tod seiner sechsjährigen Tochter Leonie das Geschehene nicht fassen. Der Wolgaster sagte am Donnerstag der OZ: „Ich werde erst Frieden finden können, wenn der Tatverdächtige gefasst ist und rechtskräftig verurteilt wird.“ . Der 27-jährige Vater will nun, dass sein kleiner Sohn dauerhaft bei ihm bleibt. „Ich werde das notfalls auch einklagen. Noah soll nie wieder Leid geschehen“, sagt er.

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