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MV aktuell Mordfall Leonie: Lieber einmal genauer hinschauen
Nachrichten MV aktuell Mordfall Leonie: Lieber einmal genauer hinschauen
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08:03 02.02.2019
Gedenkkreuz an der Wolgaster Chausseestraße für die in Torgelow verstorbene sechsjährige Leonie.
Gedenkkreuz an der Wolgaster Chausseestraße für die in Torgelow verstorbene sechsjährige Leonie. Quelle: Tilo Wallrodt
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Wolgast

Vor drei Wochen starb die sechsjährige Leonie in ihrem Zuhause in Torgelow. Heute wird sie in ihrer Geburtsstadt Wolgast beerdigt. Der Landkreis Vorpommern-Greifswald hat nun erste Konsequenzen aus den Vorgängen der letzten Wochen und Monate gezogen. In einem Bericht ans Sozialministerium kündigt der Kreis an, dass beispielsweise das Kita-Personal verstärkt geschult werden soll, um Kindswohlgefährdungen und Misshandlungen frühzeitig zu erkennen. Leonie und Noah Joel waren demnach seit Mitte Oktober nicht mehr in der Kita.

Das sechsjährige Mädchen war vor drei Wochen in Torgelow ums Leben gekommen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Stiefvater David H. wegen Mord durch Unterlassen. Der 27-Jährige soll das Mädchen so schwer misshandelt haben, dass es später starb. Der Mann bestreitet die Tat, sitzt derzeit in der JVA Bützow in Untersuchungshaft. Der Mutter, die mit ihrem Baby in einer speziellen Einrichtung untergebracht ist, wird unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen.

Kinderärztin: Eine liebevolle Mutter

In dem Bericht schildern die jeweiligen Zuständigen die Vorgehensweisen der Behörden. Das Jugendamt hatte bereits in einer ersten Stellungnahme gegenüber der OZ mitgeteilt, dass in der Familie vor dem Tod Leonies keine Auffälligkeiten festgestellt werden konnten. Das Amt hatte die Familie vor einem Jahr überprüft, weil es aus dem Umfeld des leiblichen Vaters Hinweise auf Misshandlungen und einen Drogenkonsum der Mutter gegeben hatte. Leonies Tante hatte zufällig auf einem Parkplatz diverse Verletzungen an Kopf und im Gesicht beider Kinder festgestellt.

Bei einem Termin mit Großmutter, Mutter und Leonie im Jugendamt hätten sich Sozialarbeiter das Kind angesehen. Verletzungen seien keine zu sehen gewesen. In dem Bericht steht dazu noch: „Die Kindesmutter versicherte in diesem Gespräch, dass sie ihre Kinder nicht schlägt und es den Kindern gut geht. Einen Drogenkonsum verneinte sie vehement.“ Auch die erfahrene Kinderärztin beschrieb die Kindesmutter als liebevoll und einfühlsam, „die sich zuverlässig um ihre Kinder kümmert“. Mitte Juli zog die Familie dann von Wolgast nach Torgelow. Auch in der Zeit habe das Jugendamt keine Hinweise auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung erhalten. Die Kita beschrieb die Kinder als „altersgerecht entwickelt“. Die Kinder waren „ordentlich gekleidet und körperlich in einem guten Zustand“.

Der erste Polizei-Einsatz, die Anteilnahme an dem Tod des Mädchen, die Flucht des Tatverdächtigen und die tagelange Suche nach ihm: Hier finden Sie Bilder zum tragischen Tod von Leonie aus Torgelow.

Im Zuge der Nachforschungen nach dem Tod des Mädchens listen die Behörden aber auch mögliche Verdachtsmomente auf. Unter anderem hatte das Landesgesundheitsamt (LaGuS) das Gesundheitsamt in Anklam Anfang November informiert. Denn Noah Joel (2) wurde trotz Erinnerungsschreiben an die Familie nicht in der Kinder-Vorsorgeuntersuchung U 7 vorgestellt. Daraufhin erfolgte am selben Tag ein unangemeldeter Hausbesuch bei der Familie in Torgelow. Die Mutter gab an, die Untersuchung in Pasewalk vorgenommen zu haben. Ob das auch stimmte, bleibt der Bericht schuldig. „Die beiden jüngsten Kinder wurden durch den Sozialarbeiter des Gesundheitsamtes in Augenschein genommen. Beide Kinder (Noah und das Baby/Anm.d.Red.) wirkten normal und zeigten keine äußerlichen Anzeichen von Gewaltanwendungen.“ Leonie wurde demnach nicht überprüft.

Zunächst hieß es: Inobhutnahme nicht notwendig

Brisanz enthält der Teil der Schilderungen, die den Todestag von Leonie betreffen. Der Stiefvater hatte per Notruf Hilfe wegen des angeblichen Treppensturzes von Leonie gerufen. Eine Reanimation sei erfolglos geblieben. „Nach Einschätzung der Fachkräfte vor Ort war eine Inobhutnahme der beiden anderen Kinder zu diesem Zeitpunkt nicht notwendig“.

Das war offenbar eine Fehleinschätzung, denn Noah Joel hatte ebenfalls Verletzungen. Der leibliche Vater Oliver E. hatte bereits in einem früheren Gespräch mit der OZ beklagt, dass er erst aus der Zeitung von dem Tod seines Kindes erfahren hatte. Niemand hatte ihn informiert. Erst am Montag konnte er Noah Joel zu sich nehmen und stellte diverse Verletzungen an dem Kind fest. Nach einer ärztlichen Untersuchung wurde der Junge dann eine Woche stationär im Krankenhaus behandelt.

Vorgaben nicht eingehalten: Awo in der Kritik

In den Fokus der Kritik geriet deshalb auch die Arbeiterwohlfahrt (Awo) Uecker-Randow, die an dem 12. Januar, in Vertretung des Jugendamtes Bereitschaftsdienst hatte. Vorgeschrieben ist in solchen Notfall-Alarmierungen, dass die Kinder genau begutachtet werden. Außerdem sollen zwei Mitarbeiter die Situation einschätzen. Die zuständige Awo-Mitarbeiterin war jedoch allein und verließ sich auf die Aussage einer Notfallseelsorgerin, dass die beiden anderen Kinder gut versorgt seien. In der Wohnung habe der absolute Ausnahmezustand geherrscht, verteidigte der Awo-Geschäftsführer in einem Medienbericht seine Mitarbeiterin.

Fehler hat es offenbar auch in der Kommunikation zwischen den Behörden gegeben, bemängelt der Landkreis Vorpommern-Greifswald. Aus diesem Grund habe dieser jetzt festgelegt, dass die Integrierte Leitstelle des Kreises sofort den Landrat informiert, wenn es einen Verdacht auf schwere Kindeswohlgefährdung durch körperliche oder seelische Misshandlung oder durch sexuellen Missbrauch gibt. Umgehend soll dann ein Krisenstab die Arbeit aufnehmen.

„Wir ermuntern noch einmal alle Menschen, genau hinzuschauen und lieber einmal mehr als einmal zu wenig den Leitstellen-Notruf unter 112 zu wählen“, betont Kreissprecher Achim Froitzheim. Mitarbeiter der Jugendhilfe und die sozialen Dienste der freien Träger sollen künftig durch gezielte wissenschaftliche Fortbildung für das Thema Kindeswohlgefährdung sensibilisiert werden.

Mädchen wird am Sonnabend in Wolgast beerdigt.

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Virginie Wolfram, Cornelia Meerkatz und Frank Pubantz