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MV aktuell Tränen der Rührung zum Abschied
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00:00 03.07.2017
In einer emotionalen Rede verabschiedete sich Erwin Sellering von der SPD. Quelle: Fotos: Jens Büttner/dpa; Norbert Fellechner (2)/imago
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Linstow Am Anfang stehen Tränen. Manuela Schwesig (43) kann sie nicht zurückhalten, als der an Krebs erkrankte Erwin Sellering (67) vor ihr am Rednerpult steht. Als sie ihm „für dein Vertrauen und deine Freundschaft“ dankt, versagt ihr die Stimme. Minutenlang klatschen die SPD-Genossen Beifall, nachdem Sellering gestern auf dem Parteitag in Linstow seine letzte Rede als Landesvorsitzender beendet hat. Er hebt die Arme, um das Klatschen zu beenden: „Jetzt reicht es.“

Landes-SPD wählt neue Vorsitzende Manuela Schwesig und macht ihren Vorgänger Erwin Sellering zum Ehrenvorsitzenden

Mit 100 Prozent wird der langjährige SPD-Landeschef und Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns an diesem hochemotionalen Tag zum Ehrenvorsitzenden seiner Partei gewählt. Seine Nachfolgerin als Parteichefin Manuela Schwesig erhält 91 Prozent. Sie soll morgen im Landtag zur neuen Ministerpräsidentin gekürt werden. Die SPD hat sie klar als Kandidatin nominiert.

Der Saal im Van der Valk-Resort ist voll. Neben 89 Delegierten sind viele Gäste da, Mitarbeiter der Regierung, auch Parteilose. Zeitenwende in der Landes-SPD. Wer in Schwerin etwas bleiben oder werden will, ist gekommen. Minister, Staatssekretäre, Referatsleiter. Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider humpelt auf Krücken herein. Sie sei gestürzt, sagt sie. „Nichts gebrochen.“

Als Sellering mit Frau Britta den Raum betritt, richten sich alle Kameras auf ihn. Schwesig, im roten Kleid, rückt für einen Moment in den Hintergrund. Der Noch-Regierungschef ist ergraut. Die Therapie gegen den Lymphdrüsenkrebs läuft seit Wochen.

Den Abschied Sellerings, der zehn Jahre SPD-Chef und fast neun Jahre Regierungschef war, gestalten die Genossen sentimental. Die Bundespartei schenkt ihm ein Bild des Malers Oskar Manigk, ein Favorit des 67-Jährigen. Dann betreten Deutsche Meisterinnen den Saal: die Volleyballerinnen des Schweriner SC, die Sellering gern bei Spielen besucht. Der Regierungschef bekommt ein SSC-Trikot für Sohn Matti (2). In einem Imagefilm danken SPD-Minister ihrem Chef. „Erwins große Stärke ist, dass er gut zuhören kann“, sagt Stefanie Drese, zuständig für Soziales. CDU-Innenminister Lorenz Caffier lobt „seine Verlässlichkeit“. Sellering ist sichtlich gerührt. Einstimmig wählt ihn die Partei zum Ehrenvorsitzenden, was ihn in eine Reihe mit dem früheren Landesvater Harald Ringstorff stellt. Er hoffe, nach der Genesung als Landtagsabgeordneter arbeiten zu können, sagt er.

Sellering hält seine letzte große Rede als Chef. Die SPD könne stolz sein, sagt er: auf fast 20 Jahre an der Regierung im Land, auf den Abbau von Arbeitslosigkeit. „Im Mai lagen wir erstmals unter der Marke von 70000“, so Sellering. Es seien mal „mehr als 200 000“ gewesen. Auf die Absenkung von Kita-Gebühren, die Gründung der anfangs umstrittenen Ehrenamtsstifung, auf „eine solide Finanzpolitik“, die auch spätere Generationen entlasten solle. Zurück blickt er auch auf eine seiner ersten Aussagen als Ministerpräsident, als er sagte, die DDR sei „kein reiner Unrechtsstaat“

gewesen. Die folgende Polarisierung habe ihn überrascht. Es sei ihm nie darum gegangen, „das Unrecht in der DDR kleinzureden“, so Sellering, vielmehr um „Respekt vor ostdeutschen Lebensleistungen“.

Dass es nicht gelungen sei, die Ostrenten schon 2019 anzugleichen, bedauere er sehr: „Die innere Einheit wird erst vollendet sein, wenn es endlich gleiche Renten in Ost und West gibt.“ Schwesig hat angekündigt, dem Rentenkompromiss für 2025 zuzustimmen.

Die neue SPD-Vorsitzende beschwört einen Generationswechsel in Partei und Gesellschaft. Es müsse gelingen, Menschen in ihrem Alter im Land zu halten beziehungsweise zur Rückkehr zu bewegen. Schwesig skizziert, wo sie das Land in Zukunft hinsteuern möchte. Dabei habe sie drei Hauptziele: starke Wirtschaft und gute Löhne, Unterstützung von Familien und den sozialen Zusammenhalt im Land. In Aussicht stellte sie auch einen „Bürgerentscheid“ über das Wahlalter 16 bei Landtagswahlen.

Scharf greift Schwesig die AfD im Land an, die den Klimawandel leugne und Menschen verunsichere. Die SPD sei eine Art Gegenmodell, sie stehe für Frieden auch innerhalb der Gesellschaft. Dazu müsse die SPD aber auch zu den Menschen gehen. Ein Ziel: Sieg bei den Kommunalwahlen 2019. An der Basis kommen deutliche Worte offenbar an: „Ich mag ihre Sprache“, sagt Wolfgang Tautz aus Güstrow. „Das verstehen die Menschen.“ Acht der 89 SPD-Mitglieder stimmen indes gegen die Chefin. Ihr neuer Stellvertreter Julian Barlen aus Rostock, von Schwesig vorgeschlagen, kommt auf 78 Prozent Zustimmung.

Steffen neue Spitzenfrau der SPD zur Bundestagswahl

Zur Bundestagswahl im September wird die Landes-SPD mit neuem Spitzenpersonal antreten, erforderlich geworden durch das Ausscheiden Manuela Schwesigs. Neu auf Platz eins ist jetzt Sonja Steffen (53) aus Stralsund. Sie erhielt 87,4 Prozent der Stimmen. Steffen tritt auch im Wahlkreis von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) an. Auf Platz drei der Liste wählten die SPD-Mitglieder Martina Tegtmeier (59) aus Gadebusch (92,1 Prozent). Gegenüber dem Mai-Parteitag hat die SPD ihre Landesliste erweitert. So sieht sie aus:

1. Sonja Steffen, Stralsund, 2. Frank Junge, Wismar, 3. Martina Tegtmeiser, Gadebusch, 4. Heiko Miraß, Greifswald, 5. Jeannine Pflugradt, Neustrelitz, 6.

Christian Reinke, Rostock, 7. Jacqueline Dejosez, Rostock, 8. Daniel Alff, Schwerin, 9. Sandra Wandt, Rostock, 10. Monique Wölk, Greifswald, 11.

Nancy Seebauer, Schwerin

Frank Pubantz

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