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MV aktuell Typ IV, Supertrawler, Neptun-Frachter: Diese Schiffe wurden in der DDR gebaut
Nachrichten MV aktuell Typ IV, Supertrawler, Neptun-Frachter: Diese Schiffe wurden in der DDR gebaut
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09:51 17.08.2019
Das Traditionsschiff „Dresden“ an seinem Liegeplatz im Rostocker Iga-Park. Es ist der letzte „Typ IV“-Frachter. Quelle: Andreas Meyer
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Rostock

Nur ein einziges ist übrig geblieben: Das Schiffbau- und Schifffahrtsmuseum in Rostock wird von einer echten Legende beherbergt. Die „Dresden“ ist das letzte erhaltene von 15 in Warnemünde gebauten Schiffen vom „Typ IV“. 1954 war das erste Schiff dieser Reihe auf Kiel gelegt worden – also vor 65 Jahren.

„Es war die erste Baureihe großer Seeschiffe einer DDR-Werft. Die Schiffe bildeten das Rückgrat des weltweiten Linienverkehrs der damals noch jungen Deutschen Seereederei (DSR)“, sagt Museumsdirektorin Kathrin Möller. Bis heute sind die „Typ IV“-Schiffe legendär und stehen symbolisch für den damals aufstrebenden Schiffbau und die Schifffahrt in der DDR.

Rund 5000 Schiffe wurden in den Werften der DDR gebaut. Die OZ hat einige markante und wichtige Beispiele zusammengestellt.

Vorgesehen waren die 158 Meter langen Schiffe vorwiegend für den Transport von Stückgut und Schwergut. Erstes Schiff und Namensgeber der Serie war die am 23. Juni 1957 an die DSR abgelieferte „Frieden“ mit der Baunummer 301. Außer den ersten beiden Schiffen, der „Frieden“ und der „Freundschaft“, waren alle DSR-Schiffe nach DDR-Städten benannt. Die Reederei erhielt zwölf „Typ IV“, zwei gingen nach China, eins nach Kuba.

Wende bei Windstärke zehn

Hans-Jürgen Mathy diente an Bord der „Leipzig“ und der „Halberstadt“. Heute leitet er den Verein Seeleute Rostock. Er erinnert sich gerne an die gute Seegängigkeit der „Typ IV“-Schiffe: „Man konnte auch noch bei Windstärke zehn eine Wende fahren – da wären andere Schiffe umgekippt.“ Die Schiffe der Nachfolgeklasse „Typ X“ hätten im Vergleich „geschaukelt wie eine Badewanne“, so Mathy. Zu den Mängeln der Klasse zählten laut Museumsdirektorin Möller die Maschinen. „Von den vier Maschinen liefen oft nur drei, weil eine meist repariert werden musste.“

Das Besondere am „Typ IV“ sei die elegante Form gewesen, findet Mathy. „Der Objektkonstrukteur Kurt Heinrich hatte vorher bei Heinkel Flugzeuge entworfen.“ Ungewöhnlich war bei der Klasse auch die große Besatzung von mehr als 50 Männern und Frauen. „Es musste noch sehr viel von Hand gemacht werden. Die recht schwierigen Arbeitsbedingungen haben uns aber auch zusammengeschweißt“, so Mathy.

Aber es gab auch schöne Seiten. So hatten die Schiffe ein Schwimmbecken an Bord. Und die Seemänner konnten manchmal auch ihre Ehefrauen mitnehmen. So waren die Mathys zwei Mal gemeinsam unterwegs, einmal sogar ein halbes Jahr lang.

Kanonen auf das Schiff gerichtet

Zu den spannendsten Erlebnissen zählt für Mathy eine Fahrt nach Vietnam 1975. In das ostasiatische Bruderland lieferte die DDR sogenannte „Solidaritätsladungen“, wie Lkw vom Typ „W 50“, Krankenhauseinrichtungen und Maschinen. „Am 18. Mai liefen wir als erstes DDR-Schiff überhaupt Saigon an“, so Mathy.

Die südvietnamesische Hauptstadt war gerade erst von den Nordvietnamesen erobert worden und war noch im Kriegszustand. „In den Straßen wurde noch geschossen. Unser Kapitän drängte darauf, dass zunächst die Kanonen von uns weggedreht wurden.“ Südvietnamesische Flüchtlinge baten darum, an Bord genommen zu werden – allerdings war die DDR ja mit dem sozialistischen Norden verbündet. „Sie wussten offenbar nicht, dass es zwei deutsche Staaten gibt“, glaubt Mathy.

Von der CIA versenkt?

Von den 15 „Typ IV“-Schiffen ging nur eines durch eine Havarie verloren – und die war nicht selbst verschuldet: Im Oktober 1964 hatte die „Magdeburg“ in London Busse für Kuba an Bord genommen. An der Themsemündung wurde sie trotz mehrfacher Ausweichmanöver von einem japanischen Frachter gerammt und sank. Für Kathrin Möller war das kein Zufall: „Es gab nachweislich Bemühungen des US-Geheimdienstes CIA, diese Lieferung nach Kuba zu verhindern.“ Auch nach Ende der Kuba-Krise 1962 blieb das sozialistische Kuba direkt vor ihrer Haustür den Amerikanern ein Dorn im Auge.

In den siebziger Jahren wurde dann die weltweite Schifffahrt mehr und mehr auf Container umgestellt. Klassische Frachter, wie der „Typ IV“, wurden nicht mehr benötigt. So wurde die gesamte Flotte nach und nach außer Dienst gestellt, verkauft und abgewrackt. Als letzten „Frieden“-Frachter musterte die DSR im November 1980 die „Gera“ aus. Nur die „Dresden“ hält bis heute die Tradition der DDR-Schiffbaulegende hoch.

Eine Industrie aus dem Nichts

Insgesamt wurden auf den Werften des DDR-Schiffbaukombinats mehr als 5000 Schiffe gebaut – eine erstaunliche Leistung, wenn man bedenkt, dass es nach der deutschen Teilung im Osten nur einen nennenswerten Schiffbaubetrieb gab: die Rostocker Neptunwerft. „Auf Drängen der Sowjetunion wurde dann die Werftindustrie aufgebaut“, erklärt Kathrin Möller. „Die Sowjets hatten einen riesigen Bedarf an Fischereifahrzeugen.“ Zudem gab es nach dem verlustreichen Krieg viele beschädigte oder gesunkene Schiffe, die repariert werden mussten. So wurde quasi aus dem Nichts eine Industrie von Weltrang aufgebaut, die am Ende mehr als 50 000 Beschäftigte hatte.

Beeindruckende Serie aus Stralsund

Eine der beeindruckendsten Schiffsserien waren die Atlantik-Supertrawler der Stralsunder Volkswerft. 201 davon wurden zwischen 1970 und 1983 gebaut, davon sechs als Ausbildungsschiffe. Ein Großteil ging in die Sowjetunion, aber auch die acht Schiffe des Fischkombinats Rostock stammen aus dieser Serie. Auch Rumänien setzte die Trawler ein. Alle zwei Wochen wurde am Ende einer der 102 Meter langen Neubauten ausgeliefert. Die Schiffe konnten pro Tag 120 Tonnen Fisch verarbeiten. Insgesamt wurden auf der Volkswerft bis 1989 mehr als 1500 Schiffe gebaut.

Erste große Fahrgastschiffe aus Wismar

In Wismar wurde 1946 der VEB Mathias-Thesen-Werft als Reparaturbetrieb für die Sowjetunion gegründet. Ab 1954 wurden auch in Wismar in großem Stil neue Schiffe gefertigt. Schnell erwarb sich MTW eine große Expertise im Bau von Passagierschiffen. Zunächst waren es mit dem Projekt „Tschkalov“ 49 kleinere Flussschiffe. Vielen Menschen in Wismar und darüber hinaus sind aber die Schiffe der „Ivan Franko“-Klasse (1964-72) in Erinnerung geblieben – zumal auf dem namensgebenden ersten Schiff der Reihe der Defa-Film „Meine Freundin Sybille“ (1967) spielt.

„Das waren die ersten größeren Fahrgastschiffe, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gebaut wurden“, sagt Kathrin Möller. Fünf dieser 176 Meter langen Schiffe mit Platz für 750 Passagiere wurden für die Sowjetunion gebaut. Das letzte der Reihe, die „Aleksandr Puschkin“, fährt heute noch als Kreuzfahrtschiff „Marco Polo“ und läuft dabei auch Wismar an.

Neptunwerft Rostock im kapitalistischen Ausland erfolgreich

Die Neptunwerft in Rostock wurde als einzige Industriewerft in der späteren DDR vor 1945 gegründet – sogar fast 100 Jahre vorher (1850). Sie zeichnete sich unter anderem dadurch aus, dass sie ab den 1970er Jahren viele Schiffe für das kapitalistische Ausland fertigte. „Ende der sechziger Jahre wurde versucht, die DDR-Wirtschaft fit für den Weltmarkt zu machen“, erklärt Kathrin Möller.

Das Instrument dazu war das „Neue Ökonomische System Planung und Leitung“ (NÖS). „Den Betrieben wurde mehr Eigenständigkeit gegeben und das Leistungsdenken hielt Einzug“, so Möller. Die Werften waren auf zahlreichen Messen im Westen vertreten. Ergebnis: Auf der Neptunwerft wurden zwischen 1970 und 1985 insgesamt 53 Mehrzweckfrachtschiffe des Typs „Neptun“ in verschiedenen Ausführungen für Auftraggeber in 13 Ländern gebaut.

Eine gewisse Berühmtheit erhielt ein DSR-Schiff der „Neptun“-Reihe 421: Die „Fliegerkosmonaut der DDR Sigmund Jähn“ von 1978 galt seinerzeit als das Schiff mit dem längsten Namen weltweit. Auch das letzte Schiff, das 1991 von der Neptunwerft übergeben wurde, war ein „Neptun“. Wegen der EU-Auflagen zur Umstrukturierung des ostdeutschen Schiffbaus durften auf der Traditionswerft keine neuen Schiffe mehr gefertigt werden. Der Nachfolgebetrieb NIR wurde dann jedoch 1997 von der Papenburger Meyer Gruppe übernommen, die in Rostock vor allem Flusskreuzfahrtschiffe baut.

Schiffe für die Marine aus Wolgast

Die Peene-Werft in Wolgast ist bis heute vor allem für ihren Marineschiffbau bekannt. Eine markante Serie sind die U-Boot-Jäger der Typen 133.1, auch als „Parchim“-Klasse bekannt, nach dem ersten Typenschiff, das 1981 an die Volksmarine übergeben wurde. 16 der 28 gebauten Exemplare gingen an die Seestreitkräfte der DDR, der Rest an die Baltische Flotte der Sowjetmarine. Im Kriegsfall hätten die 75 Meter großen Schiffe mit ihren Wasserbomben Nato-U-Boote in küstennahen Gewässern jagen sollen.

Ein Kuriosum ist die Ankerauswurfanlage, die wegen Konstruktionsmängeln eingebaut werden musste, da sich die Anker nicht selbstständig vom Schiffskörper lösten. Nach der deutschen Wiedervereinigung erprobte die nun gesamtdeutsche Marine fünf der Schiffe. Alle 16 wurden dann aber doch in das diktatorisch geführte Indonesien verkauft, wie viele andere Marineschiffe der DDR.

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