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MV aktuell USA: Öl- und Gasboom am Golf von Mexico
Nachrichten MV aktuell USA: Öl- und Gasboom am Golf von Mexico
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09:00 04.06.2019
Die Stadt Houston in Texas ist Sitz vieler Öl-, Gas- und Energieunternehmen Quelle: Pixabay
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Houston

Wer mit dem Auto von Süden nach Houston fährt, kommt auf dem Weg ins Zentrum an einer riesigen Autobahnbaustelle vorbei. Wie die Arme eines Kraken greifen die Betontrassen über mehrere Etagen ins Umland. Hebt man den Blick, fällt die imposante Skyline der Millionenstadt ins Auge: Zahlreiche glänzende Wolkenkratzer aus Glas und Stahl recken sich in den texanischen Himmel. Dieses Wachstum in Breite und Höhe versinnbildlicht den Boom bei Öl und Gas in den Bundesstaaten am Golf von Mexiko: Er treibt den Aufstieg der Metropole Houston zu einer der größten Städte der USA an. Aber auch kleinere Städte, wie Baton Rouge oder Lake Charles in Louisiana, verändern gerade ihr Gesicht. Der Süden ist im Aufbruch.

Pro Jahr 100 000 neue Arbeitsplätze

„Wir haben dramatische Veränderungen erlebt. Gemessen an der Zahl der Unternehmen und Beschäftigten der Branche ist Houston die Energiehauptstadt der Welt“, sagt Andy Icken, Chef des Bereichs Stadtentwicklung im Houstoner Rathaus. „In den letzten Jahren wurden in der Region pro Jahr 100 000 neue Arbeitsplätze geschaffen.“ Die Bevölkerung der Metropolregion wuchs dadurch seit 1990 um fast die Hälfte auf heute rund sechs Millionen. Houston selbst ist mit etwa 2,4 Millionen Einwohnern bereits die viertgrößte Stadt der USA, hinter New York, Los Angeles und Chicago.

Die 500 größten Konzerne der Welt

Nach New York hat Houston die meisten Unternehmenssitze der 500 größten Konzerne der Welt, etwa der Energieriesen Phillips 66, Plains GP oder Halliburton. In der Stadt selbst und in ihrer Umgebung werden zwar kaum Gas und Öl gefördert, sagt Icken. „Dennoch haben wir hier die höchste Dichte an Ingenieuren in den gesamten Vereinigten Staaten.“ Sie arbeiten unter anderem daran, den Energieträger Kohle durch das vermeintlich sauberere Erdgas zu ersetzen.

Obwohl die Stadt dank Öl und Gas prosperiert, setzt die Stadtverwaltung auf Wind- und Solarstrom: „90 Prozent unseres Stroms kommen aus erneuerbaren Energien“, so Icken, der früher Topmanager beim Ölkonzern Exxonmobil war. Bis Ende des Jahres will das Rathaus einen Klimaplan vorlegen, der unter anderem den verstärkten Einsatz von Elektrofahrzeugen vorsieht. Auch die Verkehrsprobleme sollen gelöst werden: „Wir haben ein Zehn-Milliarden-Dollar-Programm für Umgehungsstraßen aufgelegt.“

Die schmutzige Seite des Öl- und Gasbooms

Während die Manager und Ingenieure in Houston in ihren sauberen Büros sitzen, sieht man in Lake Charles (Louisiana) die schmutzige Seite des Öl- und Gasbooms. Bei einer Fahrt über die Hochbrücke an der Autobahn Interstate 10 bietet sich in 40 Metern Höhe ein atemberaubender Blick auf ein riesiges Industriegebiet: Überalle raucht und dampft es, immer wieder schießen aus den Schornsteinen Flammen in die Höhe. Wer europäische Maßstäbe gewohnt ist, kann kaum fassen, dass in Lake Charles nur rund 80 000 Menschen leben sollen.

Die Stadt profitiert von einer geografischen Besonderheit: Denn neben dem namensgebenden Lake Charles liegt sie auch am Lake Calcasieu, der früher nur durch eine schmale Landzunge vom Golf von Mexiko getrennt war. Seitdem diese mit einem Kanal durchbrochen wurde, hat der geschützte Binnenhafen einen Zugang zum offenen Meer. „Der Hafen von Lake Charles ist der am schnellsten wachsende in den USA“, sagt Gus Fontenot von der Südwest-Louisiana-Wirtschaftsentwicklungsvereinigung SWLA. Derzeit machen dort pro Jahr 1000 Schiffe fest, 85 Prozent davon sind mit petrochemischen Produkten beladen.

27 weitere Milliarden stehen in Aussicht

Und es sollen deutlich mehr werden: „44 Milliarden Dollar wurden seit 2009 in der Region investiert“, sagt Fontenot. „Jetzt stehen wir vor einer zweiten Welle: Alleine in diesem Jahr werden Projekte mit einem Investitionsvolumen von 35 Milliarden Dollar gestartet, 27 weitere Milliarden stehen in Aussicht. Das sind über 100 Milliarden – und wir erwarten noch mehr“, so Fontenot. Vor allem Flüssiggas (LNG) treibt das Wachstum an. Viele Pipelines aus den Förderregionen laufen in Lake Charles zusammen, die das Gas an den Golf bringen. Es gibt Pläne für insgesamt acht Exportterminals rund um den Lake Calcasieu. „Wenn alle Projekte realisiert werden, könnten bald 2000 Schiffe pro Jahr unseren Hafen anlaufen.“

Region war von Arbeitslosigkeit und Abwanderung geprägt

Fast 20 000 Jobs könnten so in der Region entstehen, die noch vor einigen Jahrzehnten von Arbeitslosigkeit und Abwanderung geprägt war. Ausgerechnet die Krise der Ölindustrie in den achtziger Jahren hatte Lake Charles hart getroffen. Waren damals 15 Prozent der Menschen arbeitslos, sind es heute nur noch drei Prozent. Inzwischen werden sogar wieder Arbeitskräfte von außerhalb gebraucht: „Die demografische Entwicklung wird sich verschieben: Statt vom Süden in den Norden werden wieder Menschen vom Norden in den Süden kommen“, glaubt Eric Cormier, zuständig für die strategische Entwicklung bei der SWLA.

Durchschnittseinkommen sind so hoch wie noch nie

Auch in Louisianas Hauptstadt Baton Rouge ist der Aufschwung angekommen. „Bis 2013 war die Zahl der Arbeitsplätze immer weiter zurückgegangen. Seitdem erleben wir eine Phase der massiven Expansion“, sagt Adam Knapp, Präsident der Handelskammer von Baton Rouge. „Alleine in unserer Stadt haben sich 60 Industrieunternehmen angesiedelt.“ Tausend neue Häuser wurden gebaut, die Durchschnittseinkommen sind so hoch wie noch nie.

Größte Anhäufung von Kapital

Im Umland soll am Mississippi auf fast 700 Quadratkilometern das größte Gewerbegebiet der USA entstehen – fast so groß wie Berlin. Hundert Betriebe arbeiten dort bereits, vor allem Chemieunternehmen. „Die Chemieindustrie wird in den nächsten 25 Jahren dominieren“, glaubt Knapp. Und Louisianas Wirtschaftsminister Don Pierson legt noch ein Superlativ drauf: „Wir erleben derzeit die größte Anhäufung von Kapital in der Geschichte unseres Staates.“

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