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MV aktuell Schauspieler Ulrich Tukur: „Ich habe George Clooney auf dem Akkordeon vorgespielt“
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Ulrich Tukur erhält Preis beim Filmkunstfest MV – Schauspieler im OZ-Interview

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12:09 30.08.2021
Ehrenpreisträger des 30. Filmkunstfestes MV: Schauspieler Ulrich Tukur.
Ehrenpreisträger des 30. Filmkunstfestes MV: Schauspieler Ulrich Tukur. Quelle: Manfred Thomas
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Schwerin

Dienstag startet in Schwerin die 30. Auflage des Filmkunstfests Mecklenburg-Vorpommern. Den Ehrenpreis „Goldener Ochse“ erhält am 4. September der Schauspieler Ulrich Tukur.

Vorab sprach der Wiesbadener-Tatort-Kommissar mit der OZ in einem Interview über gemeinsame Bierabende mit George Clooney, seine Vorliebe für Friedhöfe und seine Angst vor dem flachen Land im Norden.

Bildgalerie: Vom Widerstandskämpfer bis zum Tatort-Kommissar – Ulrich Tukur in Bildern

Das 30. Filmkunstfest MV zeigt diverse Filme als Hommage an den diesjährigen Ehrenpreisträger

Seit 2010 spielen Sie den Tatort-Ermittler Felix Murot im Wiesbadener Tatort. Werden Sie auch privat oft als Kommissar angesprochen?

Ulrich Tukur: Eher weniger, aber als ich neulich total besoffen am Steuer erwischt wurde, hat mich einer der Beamten als Kriminalhauptkommissar erkannt, salutiert und sofort weiterfahren lassen.

Wird man als Schauspieler schnell auf eine Rolle festgelegt?

Ja. Es ist geradezu eine Manie, andere Menschen in eine Schublade zu stecken, um sie leichter zu verstehen. Darum ist es wichtig, immer wieder Haken zu schlagen. Das habe ich mit meinen Tatorten immer wieder versucht. Über Jahre war ich festgelegt auf die Rollen deutscher Offiziere oder Widerstandskämpfer, ich wurde eine Art Biografiendarsteller, aber das ist jetzt glücklicherweise vorbei. Wichtig für meine künstlerische Unabhängigkeit waren auch immer meine Musik und die Schriftstellerei.

„Mich interessieren Figuren mit Abgründen“

Neben den ernsten Rollen haben sie auch in Komödien gespielt. Gibt es ein Lieblingsgenre oder eine Lieblingsrolle?

Figuren, die mir Neues eröffnen, die sich nicht leicht knacken lassen – die interessieren mich. Solche mit Fallhöhen, mit Abgründen.

Gibt es eine Rolle, für die Sie besondere Strapazen in Kauf nehmen mussten?

Der Film „John Rabe“ war so eine extreme Erfahrung. Für die Rolle wurde mein Kopf kahlrasiert. Vier Monate China, nichts lief wie es sollte, das Geld ging aus, die chinesische Crew revoltierte, die Nerven lagen blank, unser französischer Ton-Mann wurde in die Psychiatrie eingeliefert, Shanghai versank im Schnee. Alle Höhen und Tiefen dieses seltsamen Landes bekamen wir mit. Gekämpft haben wir wie die Löwen und am Ende den Film doch noch fertiggestellt.

„George Clooney war ein zauberhafter Kollege“

Sie haben bei „Solaris“ mit US-Regisseur Steven Soderbergh, Produzent James Cameron und Schauspieler George Clooney zusammengearbeitet. Wie war es, an einem internationalen Set zu arbeiten ?

Überall kochen die Menschen mit Wasser. Das ist auch in Hollywood nicht anders. Nur haben sie dort viel mehr Geld. Clooney war ein zauberhafter Kollege. In den Drehpausen sahen wir uns in seinem Trailer die Fußball-Weltmeisterschaft an; wir tranken Bier und ich spielte ihm auf dem Akkordeon vor. Meine Erfahrung war meist die: Je höher das Niveau der Unternehmung und der beteiligten Künstler, desto angenehmer und entspannter die Arbeit.

Sie haben schon viele Auszeichnungen erhalten: Am 4. September gibt es eine weitere – den Ehrenpreis „Goldener Ochse“ des 30. Filmkunstfests Mecklenburg-Vorpommern. Was bedeutet Ihnen der Preis?

Jeder Preis ist eine schöne Anerkennung der eigenen Arbeit, die man ja ins Licht der Öffentlichkeit stellt. Ich bin glücklich, dass ich wahrgenommen und wertgeschätzt werde. Ich weiß aber auch, dass dieser Erfolg ohne die Unterstützung vieler Menschen niemals möglich gewesen wäre.

In der Begründung heißt es: „Wir ehren damit einen der bedeutendsten zeitgenössischen Schauspieler deutscher Sprache“. Wie ist es, so etwas über sich zu hören?

Dieser Satz ist subjektiv, womöglich falsch und auf jeden Fall furchtbar pathetisch. Aber er klingt so gut!

„Das Fernsehen hat mich gerettet“

Wie haben Sie als Schauspieler die Corona-Zeit erlebt?

Bis auf die ersten zwei, drei Wochen der Ausgangssperre habe ich im Fernsehen fast durchgearbeitet. Das hat mich gerettet. Schlimm war der totale Ausfall aller Konzerte, vor allem für meine Rhythmus Boys, die ja ganz anders darauf angewiesen sind.

Sie haben sich im April 2021 an der kontrovers diskutierten Aktion #allesdichtmachen beteiligt, bei der mehr als 50 Schauspieler die Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie in Videos ironisch-satirisch kommentierten. Was war Ihre Intention?

Ich wollte die oft unlogischen Entscheidungen einer Politik, die sich stets als alternativlos hinstellte, einmal bis ans Ende durchdeklinieren und satirisch auf die Spitze treiben. Die Existenz einer Pandemie habe ich nie infrage gestellt, den Umgang damit fand ich allerdings fragwürdig. Nicht nur in den Krankenhäusern starben die Menschen, auch außerhalb wurden ohne Not Existenzen vernichtet, die Basis unseres Lebensgefühls, die Kultur ausgeschaltet und demoliert und Kindern und Jugendlichen der Lebensstart vermasselt. Die unverhältnismäßige Reaktion auf unsere eher harmlose Aktion, verriet viel über die seelische Schieflage unseres Landes.

„Die älteste Boygroup der Welt“

Sie sind leidenschaftlicher Musiker und haben 1995 die Formation Die Rhythmus Boys gegründet, mit der Sie am 31. August beim Filmkunstfest auftreten. Sie nennen sich die „älteste Boygroup der Welt“?

Irgendwer hat diesen doofen Satz irgendwo, irgendwann in die Welt gesetzt und jetzt klebt er an uns wie ein Preisschild von Ikea, das sich nicht mehr entfernen lässt. Wir sind die einzige Kapelle, die noch besser aussieht, als sie spielen kann. Der Satz gefällt mir besser, obwohl wir inzwischen viel besser spielen, als wir aussehen.

Stimmt es, dass Sie Ihre ersten Musikerfahrungen als Straßenmusiker sammelten?

O ja! 1978 habe ich mit Ulrich Mayer, der auch heute noch die Gitarre spielt, damit angefangen. Wir studierten in Tübingen und haben einfach ein paar Tucholsky-Chansons auf dem Marktplatz der Stadt geschmettert. Wir hatten kein Geld, aber sofort Erfolg. Über die Straßenmusik kam ich ans Theater.

Infos zum Filmkunstfest MV

Das 30. Filmkunstfest MVfindet vom 31. August bis 5. September in Schwerin statt. Gezeigt werden 61 Lang- und 67 Kurzfilme, darunter elf deutsche Erstaufführungen und fünf Uraufführungen.

Rund 150 Gästeaus der Filmbranche werden erwartet, darunter der Preisträger des „Goldenen Ochsens“ Ulrich Tukur, Axel Prahl, Anja Kling, Jörg Schüttauf, und Karoline Schuch.

In vier Wettbewerbskategorien, Spiel-, Dokumentar-, Kurz- sowie Kinder- und Jugendfilme, werden zwölf Auszeichnungen im Wert von 46 000 Euro vergeben.

Sechs Open-Air-Vorführungenfinden zudem vom 30. August bis 5. September im Schweriner Schlossinnenhof statt.

Pandemiebedingt können die sechs Kinosäle im Festivalkino Filmpalast Capitol Schwerin, im Kino unterm Dach und im Bürgerzentrum Campus am Turm lediglich zur Hälfte belegt werden. Jeder der Festivalspielorte verfügt über ein eigenes Hygienekonzept. Zurzeit gilt in den Schweriner Kinos Abstands- und Masken-, aber keine Testpflicht. Sollte sich dies während des Festivals ändern, gibt es Infos unter: filmland-mv.de

Karten gibt unter: capitol.filmpalast.de

Wie das?

Auf dem Heimweg rannte ich in einen Akkordeonisten, der vor einem Kellertheater spielte. Ich sprach ihn an, und er machte mich auf die Dreigroschenoper aufmerksam, die am Abend dort aufgeführt würde. Ich kaufte mir die erste Theaterkarte meines Lebens und war hin und weg von der Vorstellung. Die Darsteller machten alles, was ich mir immer gewünscht hatte: Sie spielten und tanzten und sangen. Ich rief meinen Onkel an, der eine Theatergruppe leitete. Er riet mir, mich an der Stuttgarter Hochschule für Musik und darstellende Kunst zu bewerben und probte mit mir drei kleine Szenen. Ich sprach vor, kam in die engere Auswahl und wurde zu meiner Überraschung und zum Entsetzen meines Vaters angenommen.

„Ich sitze an einem Buch, mit dem ich nicht weiterkomme“

Gibt es aktuell Projekte, an denen Sie zurzeit arbeiten?

Ich sitze an einem Buch, mit dem ich nicht weiterkomme, arrangiere für die Band ein paar neue Songs von Cole Porter, renoviere unser Berliner Badezimmer, drehe einen Episodenfilm in München und bereite den ersten paläolithischen Kriminalfilm in der kinematografischen Geschichte unseres Landes vor.

Sie haben mal gesagt, Sie gehen gern auf Friedhöfe und sind kein Küstenmensch?

Friedhöfe wie Kirchen sind stille, poetische Orte, an denen man wunderbar durchatmen und sich vom krachenden Unsinn des Lebens erholen kann. Und was die Küste angeht – ich stamme aus einer schwäbischen Familie und bin groß geworden in der rhythmischen Landschaft Süddeutschlands mit seinen alten Städten, gewundenen Flüssen und Weinbergen. Das flache Land im Norden hat mich immer eher beunruhigt.

Von Stefanie Büssing