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MV aktuell Umbruch 1989 in Rostock: Wie eine Studentin ihre Stimme erhob
Nachrichten MV aktuell Umbruch 1989 in Rostock: Wie eine Studentin ihre Stimme erhob
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20:20 09.11.2019
Änne Lange (51), Aktivistin des Herbstes 1989 in Rostock. Quelle: Bernhard Schmidtbauer
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Rostock

Als Änne Lange mit Johann-Georg Jaeger – sie studiert Medizin an der Universität Rostock, er Theologie – am 5. Oktober 1989 den Hügel zur Rostocker Petrikirche hinaufgeht, wissen beide nicht, wie der Abend ausgehen wird. „Wir hatten mit einigen anderen Studenten und Pastor Henry Lohse die erste Fürbittandacht für in Leipzig verhaftete Demonstranten organisiert“, berichtet die heute 51-Jährige.

Wie viele Menschen kommen werden, ist ungewiss. Ebenso, ob Bereitschaftspolizei und Staatssicherheit gegen die Teilnehmer vorgehen werden. In den Seitenstraßen sind Grüppchen von Männern zu sehen, dazu etliche Lkw. Dann die große Überraschung: Bis zu 700 Menschen drängeln sich in der Kirche, kein Platz ist mehr frei. Und: Die befürchtete Gewalt vonseiten der Staatsmacht bleibt – bis auf wenige Ausnahmen – aus. „Das war Gänsehaut-Stimmung an dem Abend“, erinnert sich die damalige Studentin.

„Koordinatorin“ der Vorbereitungsgruppe

Schon Ende September sprechen Änne Lange, Johann-Georg Jaeger und weitere Studenten aus dem „Arbeitskreis Umwelt“ der St.-Petri-Nikolai-Gemeinde mit Lohse und dem Kirchgemeinderat über Fürbittandachten. Dessen Mitglieder stimmen der ersten Fürbittandacht am 5. Oktober zu. Unterstützung kommt auch aus den Kirchenkreisen Rostock-Stadt und -Land. In den folgenden Wochen wird Änne Lange zu einer Art „Koordinatorin“ der Vorbereitungsgruppe. Viel ist zu bedenken: Welches Thema soll im Mittelpunkt stehen? Worüber soll informiert werden? Wie lauten die Fürbitten? Viele Seiten müssen vervielfältigt werden. „In diesem halben Jahr habe ich nicht sehr viel studiert“, erzählt sie. Kurz zuvor habe sie das Physikum absolviert, die Prüfungen in der bürgerbewegten Zeit habe sie aber alle abgelegt.

Im Herbst 1989 demonstrierten Hunderttausende in der DDR für Reformen und gegen Staatsgewalt. Auch in Rostock, Wismar, Stralsund, Greifswald und anderen Städten im Nordosten protestieren viele Menschen gegen die Zustände im Land.

Sommer 1989 mit dem Fahrrad durch Osteuropa

Beinahe hätte der Umbruch in ihrer Heimatstadt Rostock ohne sie begonnen: „Im Sommer 1989 waren zwei Freunde und ich sechs Wochen lang mit dem Fahrrad etwa 4000 Kilometer durch Osteuropa unterwegs“, erzählt Änne Lange. Mitte Juli starten die drei Studenten ihre große Abenteuer-Tour in die sozialistischen Nachbarstaaten. „Wir fuhren durch Polen bis in die Ukraine in der Sowjetunion, von dort nach Rumänien und Ungarn sowie über die Tschechoslowakei zurück nach Hause“, berichtet sie.

Zwischen den Ländern habe es große Unterschiede gegeben. In der Ukraine beispielsweise hätten vor jedem Ort Wachposten gestanden. In Rumänien sei nichts von Veränderungen zu spüren gewesen. Am meisten sei damals in Ungarn in Bewegung geraten. In all den Wochen haben Änne Lange und ihre Freunde keinen Kontakt zu ihren Familien. „Wir haben die ganze Zeit nicht gewusst, was in der DDR und in Ungarn los war“, sagt sie. Bis ihr im ungarischen Debrecen endlich ein Anruf bei ihrer Großmutter gelingt. Die habe zuerst gefragt: „Bist du im Westen?“ – und ihr dann alles erzählt.

Grenzsoldaten wundern sich über Rückkehr in die DDR

„Da haben wir uns entschieden, nach Budapest zu fahren“, erinnert sich Änne Lange. Wenn sie in den Westen gewollt hätte, dann wäre das jetzt wohl möglich gewesen. „Ich hätte aber in der Botschaft der BRD meinen DDR-Pass abgeben müssen, das wollte ich aber nicht, ich wollte zurück nach Hause und dort etwas verändern“, erklärt sie. Als die Gruppe zurückfährt und in Schmilka die Grenze zwischen der ČSSR und der DDR passiert, „da waren die Grenzsoldaten total müde und total verwundert“, sagt sie. Denn die Masse der Menschen bewegt sich zu der Zeit in die Gegenrichtung, nach Ungarn, um von dort aus die DDR zu verlassen.

Änne Lange fährt gleich nach Leipzig weiter. In der Großstadt gärt es seit Monaten. „Ich war dort bereits im Juni bei Freunden, wir haben in der Innenstadt gegen das Massaker an den Studenten in China protestiert. Wir haben uns auf den Boden gelegt und die Umrisse unserer Körper gezeichnet, als ob es die von Toten wären.“ Mögliche Konsequenzen seien ihnen klar gewesen. Bei den Demonstrationen am 11. und am 18. September in Leipzig sei sie dabei gewesen. Auch am 2. Oktober, „da habe ich erlebt, wie Polizisten die Demonstranten zusammengeknüppelt haben“.

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Herbst 1989 beweist: „Wir können etwas ändern“

Abschrecken lässt sie sich von der wachsenden Gewaltbereitschaft der „Staatsorgane“ nicht. „Ich wollte hierbleiben und etwas verändern, wollte eine demokratisierte DDR“, betont sie. „Wir sind das Volk!“, das ist ihre Losung im Herbst 1989. „Die friedliche Revolution hat bewiesen: Es muss nichts so bleiben, wie es ist. Wir können etwas ändern.“ Mit der Losung „Wir sind ein Volk!“ kann sie damals nicht viel anfangen. Im Nachhinein jedoch gibt es für sie keine Alternative zur Vereinigung.

Sie sei damals auf die Straße gegangen, um ein diktatorisches System zu stürzen. Dies sei friedlich gelungen, sogar weitgehend ohne Gewalt. Der weitere Weg sei mit dem Ergebnis der Volkskammerwahl am 18. März 1990 klar gewesen. „Heute bin ich froh, in einem demokratischen Staat zu leben“, erklärt Änne Lange. „Wir sollten dankbar sein, dass wir ein Westdeutschland an unserer Seite hatten.“ Es sei zwar nicht alles genial verlaufen, aber im Gegensatz zu den anderen ehemaligen sozialistischen Ländern weitaus besser. Viele Menschen vergessen, dass Frieden, Meinungs- und Reisefreiheit nicht immer selbstverständlich seien. Kein Eiserner Vorhang trenne mehr den Kontinent. „Ich fühle mich als Europäerin.“

Dankbar für neue Lebensmöglichkeiten

Das für sie bestimmende Gefühl sei Dankbarkeit. „Dankbar dafür, was ich und meine Kinder für Lebensmöglichkeiten haben.“ So sei ihre Entscheidungsfreiheit seit 1990 deutlich größer als zu DDR-Zeiten. Stichwort Abitur. „Obwohl ich die Beste in meiner Klasse war, durfte ich zuerst nicht auf die Erweiterte Oberschule“, erzählt Änne Lange. Ihr Vater ist Pastor. Erst als er sich beim Staatsrat, an dessen Spitze Erich Honecker steht, beschwert, bekommt sie einen Platz. Der wird keinem der anderen zukünftigen EOS-Schüler weggenommen, sondern neu geschaffen.

Auch beim Studium läuft es nicht nach ihren Vorstellungen. „Ich wollte Biologie studieren, als Zweitfach habe ich Medizin angegeben“, sagt sie. Für letzteres erhält sie schließlich eine Zulassung. „Ich war darüber todunglücklich, wollte unbedingt Biologie studieren.“ Sie nimmt an, dass Ökologie/Biologie nur Leute studieren sollten, auf die sich der Staat verlassen konnte. „Umwelt war ein Tabuthema in der DDR.“

Nach dem Umbruch 1989 und der Vereinigung 1990 kann sie ihr Traumfach dann endlich doch studieren: Anfang der 1990er Jahre wechselt sie vom Medizin- zum Biologiestudium. Die Wissenschaft der Lebewesen lässt sie seitdem nicht mehr los. 1999 kommt Änne Lange an die Evangelische Akademie in Rostock, arbeitet dort als Studienleiterin für Nachhaltigkeit, Medizinethik und Umwelt.

2012 beginnt sie als Referentin für entwicklungspolitische Bildungsarbeit in der Ökumenischen Arbeitsstelle des Kirchenkreises Mecklenburg. Sie ist dort auch für die Partnerschaften und Projekte in Tansania zuständig.

Klimaschutzgesetz der Nordkirche miterarbeitet

2015 hat Änne Lange das Klimaschutzgesetz der Nordkirche miterarbeitet. Ziel: Bis 2050 soll die Nordkirche klimaneutral sein. Das sei eine große Herausforderung: „Zusammen verbrauchten alle Gebäude der Nordkirche 2015 so viel Energie wie eine Stadt mit 25 000 Einwohnern“, erklärt sie. Bisher sei die Nordkirche die einzige Landeskirche mit einem Klimaschutzgesetz deutschlandweit. Änne Lange findet das gut: „Die Kirche sollte über die Bewahrung der Schöpfung nicht nur predigen.“ Hier schließt sich der Kreis für sie – sein Anfang liegt in der Arbeitsgruppe Umwelt in den 1980er Jahren in Rostock.

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