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MV aktuell „Unsere Software spricht schon Chinesisch“
Nachrichten MV aktuell „Unsere Software spricht schon Chinesisch“
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06:27 17.06.2014
 Jörg Sinnig, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Siv.AG aus Roggentin (Landkreis Rostock). Quelle: Frank Söllner
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Roggentin

Die Siv.AG aus Roggentin bei Rostock zählt zu den erfolgreichsten IT-Unternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern. Nach jahrelangem Expansionskurs gab die Firma kürzlich Stellenstreichungen bekannt. Chef und Gründer Jörg Sinnig (55) spricht im OZ-Interview über die Neuausrichtung, schlechte Verkehrsanbindungen und die Eigenarten chinesischer Geschäftsleute.

OZ: Herr Sinnig, vor knapp einem Monat mussten Sie 44 Mitarbeiter entlassen. Außenstehende waren überrascht. Noch Anfang des Jahres hatten Sie Neueinstellungen und einen Ausbau angekündigt. Wieso dieser Umschwung?

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Sinnig: Wir haben unsere gesamte Organisation in den vergangenen zwei Monaten neu aufgestellt. Einzelne Bereichen, insbesondere die Softwareentwicklung, haben wir von einer zentralisierten Strukturen zu eigenständigen Geschäftsbereichen mit eigener Budget-, Personal- und Umsatzverantwortung entwickelt, die sich den Aufgaben stellen müssen, die der Markt bereithält. Aus meiner Sicht sind wir jetzt auf einem hervorragenden Weg und gut für die Anforderungen der Zukunft aufgestellt.

OZ: Wo sehen Sie neue Märkte?

Sinnig: Nicht nur in Deutschland. Wir haben gerade sehr erfolgreich in der Schweiz ein Projekt umsetzen können, ein Versorger eines Kantons rechnet mit unserer Software ab. Ganz Mazedonien und zwei Drittel von Bulgarien rechnen ihre Stromversorgung bereits mit eine Lösung der Siv.AG ab. Dabei geht es um mehrere Millionen Zähler jeden Monat. Innerhalb von nur acht Stunden müssen diese relativ komplizierten Abrechnungen umgesetzt werden. Das stellt hohe Anforderungen an die Software. Es gibt nicht so sehr viele Unternehmen, die das können. Aber unser Kernmarkt ist nach wie vor Deutschland. Wie alle Unternehmen der Branche muss sich aber auch die Siv.AG umstellen von einem Softwarehersteller und Lizenzverkäufer zu einer kompletten Dienstleistungsorganisation. Der Lizenzverkauf geht tendenziell zurück. Das fangen wir dadurch auf, das wir Geschäftsprozesse von unseren Kunden übernehmen.

OZ: Wo soll die Firma in fünf Jahren stehen?

Sinnig: Ich denke, das wir uns in Zukunft mehr diversifizieren werden, was die ausländischen Märkte betrifft. Es gibt zurzeit interessante Signale aus Mexiko und China. In beiden Ländern haben wir bereits Pilotprojekte mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit umgesetzt. Speziell in China gibt es richtig großen Handlungsbedarf, vor dem Hintergrund der effizienten Nutzung der natürlichen Ressourcen, einem sparsameren Umgang mit Strom, Wasser und Wärme und der daraus folgenden Reduktion der CO2-Emissionen. Wir hoffen auf politische Unterstützung und dass wir am Ende mit dabei sind. Unser Kerngeschäft bleiben aber unsere Heimatmärkte, Deutschland, Bulgarien und Mazedonien.

OZ: Sie sind mit Chinesin verheiratet. Hilft das bei Geschäften in dem Land?

Sinnig: Ein kleiner Vorteil ist es. Die Geschäftskultur hat einige hanseatische Komponenten, im engen Kreis gilt der Handschlag und das gesprochene Wort. Zugleich sind chinesische Manager nach außen hin unglaublich clever, auf den eigenen Vorteil bedacht. Ich denke, wir haben inzwischen genug Projekterfahrungen gemacht, um dort bestehen zu können. Leider kann ich kein Chinesisch. Aber unsere Software kann es.

OZ: Mecklenburg-Vorpommern steht eher für Tourismus und Landwirtschaft, weniger für Hochtechnologie. Sehen Sie das als Nachteil?

Sinnig: Bezogen auf die Einwohnerzahl gibt es in Mecklenburg-Vorpommern viele IT-Unternehmen. Die meisten sind aber eher klein und müssen um Märkte und Finanzierung kämpfen. Bundesweit gibt es sicher ein Problem mit der Akzeptanz von Lösungen, die von hier kommen. Grundsätzlich haben aber alle Firmen das Problem mit der Erreichbarkeit unseres Bundeslandes. Das fällt uns stark auf die Füße. Flugverbindungen zu den Wirtschaftszentren in Deutschland spielen bei weitem nicht die Rolle, die spielen sollten. Aus Sicht der Wirtschaft gibt es hier deutlich andere Anforderungen als in der Tourismusbranche. Mitunter ist es schwierig, den Reiseaufwand, den wir betreiben, unseren Kunden verständlich zu machen. Wir fühlen uns der Region sehr verbunden. Aber manchmal ist es wirtschaftlich nicht vernünftig, hier zu sein.

OZ: Hatten Sie schon mal überlegt, den Sitz zu verlagern?

Sinnig: Die Idee gab es noch nie. Wir hängen an unserem Standort, trotz der Widrigkeiten bei der Verkehrsanbindung. Übrigens: In China gibt es das Sprichwort: Wenn du reich werden willst, bau eine Straße. Das steht für die einfache Erkenntnis, dass wirtschaftlicher Erfolg mit Erreichbarkeit zu tun hat.

OZ: Wie sehen Sie ihre Rolle als Unternehmen in der Region?

Sinnig: Verantwortung habe wir vor allem für unsere 350 Mitarbeiter, die das Unternehmen in den vergangenen 24 Jahren mit aufgebaut haben oder dazugekommen sind. Darüber hinaus engagiert sich das Unternehmen sozial, insbesondere für Kinder.

OZ: Wie binden Sie gute Fachkräfte an ihr Unternehmen?

Sinnig: Ich denke, dass wir als anspruchsvoller, kreativer und gut bezahlender Arbeitgeber in der Region bekannt sind. In der Vergangenheit hatten wir kaum Probleme, die richtigen Leute zu finden, egal ob Entwickler, Betriebswirte, Techniker oder Wirtschaftsinformatiker.

OZ: Sie haben die Firma vor 24 Jahren allein gegründet. Haben Sie je geplant, dass daraus ein großer, international tätiger Arbeitgeber wird?

Sinnig: Am Anfang spielt immer der Zufall mit, man braucht aber auch Glück und den richtigen Riecher für potenzielle Geschäftsfelder. 1990, als wir angefangen haben, nach elementaren Regeln Marktwirtschaft zu lernen, gab es keinen Plan für irgend etwas. Es gab nur die Welt, die plötzlich offen war und die Frage: ,Was machst du jetzt damit?’ Um Geld zuverdienen, haben wir am Anfang Software von westdeutschen Firmen verkauft und implementiert. Dann haben wir uns gesagt: Das können wir doch selbst machen. Heute hört sich das nach Strategie an, in Wirklichkeit war es auch Zufall. Und der bestand darin, dass bei den Versorgungsunternehmen großer Erneuerungsbedarf bestand, und wir die Branche mehr oder weniger zufällig kennen lernten. Wir wollten unbedingt Software entwickeln, und auf der Suche nach jemanden, für den wir das machen konnte. So sind wir auf einen Zweckverband aus Bad Sülze getroffen, der uns nach einem Verwaltungsprogramm für seine Kleinkläranlagen gefragt hat. Wir haben dann eine eigene Lösung für ihn entwickelt und einen Blick für die Versorgungswirtschaft bekommen. Die befand sich damals in einer Art Dornröschenschlaf. Die eingesetzte IT-Technologie stammte teilweise noch von Anfang der 1980er-Jahre. Ein weiterer Vorteil für uns in Ostdeutschland war, dass die großen Versorgungskombinate zerschlagen wurden. Es bildeten sich kleinere, dezentrale Strukturen heraus. In dieser Umbruchsphase waren viele offen für neue Lösungen. Das konnten wir für uns nutzen.



Gerald Kleine Wördemann