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MV aktuell „Vegane Ernährung bei Kindern ist Körperverletzung“
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„Vegane Ernährung bei Kindern ist Körperverletzung"

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16:28 12.01.2020
Gehört zu den bekanntesten Kinderärzten in MV: Dr. Sven Armbrust, Chefarzt Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg. Quelle: Benjamin Fischer
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Neubrandenburg

Viele Eltern, viele Fragen: Brauchen Kinder wirklich Fleisch, um sich gesund zu ernähren? Welchen Sinn macht ein Bio-Essen in der Schule? Wir haben Dr. Sven Armbrust, den Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin im Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg gefragt, was Kindern wirklich schmeckt.

Herr Dr. Armbrust, einigen Eltern scheint der Preis des Schulessens egal zu sein. Die sagen: Hauptsache bio.

Das mag ein Anspruch sein, der natürlich erstrebenswert ist, aber es dürfte schwierig sein, dann ein Essen für einen Preis anbieten zu können, der von der Masse akzeptiert wird. Aus meiner Sicht wäre ein gutes regionales Produkt mit einer ausgewogenen Zusammensetzung, die sich gerade bei Obst und Gemüse durchaus an den Jahreszeiten orientiert, der beste Weg, um eine gute und gesunde Ernährung sicherzustellen.

Obst essen Kinder inzwischen völlig anders. Früher gab's einen Apfel, heute steckt das Obst wie bei Raumfahrern püriert im Quetschi.

Das ist leider ein großer Markt geworden. Kinder lieben das natürlich, und es wäre die Aufgabe den Erwachsenen hier gegenzusteuern und der Verführung durch dieses Angebot zu widerstehen. Niemand ist dagegen gefeit und mancher greift natürlich ab und zu selbst nach diesen Dingen. Solange man erkennt, dass man manipuliert wird, spricht nichts dagegen. Quetschis können durchaus ohne zusätzlichen Zucker auskommen, anderen wird dagegen Zucker zugesetzt. Das Problem ist, dass aus den Quetschis, die als solches nicht schlecht sind, weil sie beispielsweise auf Reisen das Leben erleichtern, etwas geworden ist, was viele Kinder jeden Tag haben möchten.

Müsste das Essen in der Schule ein Pflichtprogramm sein, damit alle das bekommen?

Ich bin sogar der Meinung, dass der Staat diese Aufgabe stärker finanziell fördern müsste, um es den Anbietern ermöglichen zu können, ein hochwertigeres Essen zu kochen. Wenn man nur 2,80 Euro ausgeben will und alle noch etwas daran verdienen wollen, wird das schwierig. Für diesen Betrag gibt’s nur qualitativ minderwertige Zutaten.

Wenn es ein gutes Essen für alle gibt, würden sich an der Art der Ernährung zugleich weniger soziale Unterschiede ablesen lassen.

Während es in der DDR die Schulspeisung gab, existierte die im Westen lange nicht. Dort hatten die coolen Kids schon damals immer eine Capri-Sonne dabei und die uncoolen irgendein rechteckiges Tetrapack-Trinken. Damals wie heute ist das aber eine Frage der elterlichen Verantwortung. Es gibt viele Kinder, die morgens alleine aufstehen und sich ihr Frühstück selbst zubereiten müssen, während die Eltern weiterschlafen. Wenn es in dieser Hinsicht an Verantwortung fehlt, ist es schön, dass es eine Schulspeisung gibt, in der jedes Kind gut verpflegt wird.

Zugleich existieren extreme Unterschiede im Anspruch, den Eltern inzwischen an ein Schul- oder Kita-Essen haben. Einige fordern eine rein vegetarische oder gar vegane Versorgung, was noch eher ein Großstadt-Phänomen ist. Aber irgendwann wird das auch in Mecklenburg-Vorpommern ein Thema sein.

Eine vegetarische Ernährung bei Kindern ist völlig sinnlos. Menschen sind gemeinhin Allesfresser. Wir brauchen Fleisch. Eine vegetarische Ernährung bei Kindern wäre nur dann zu verantworten, wenn sie wirklich sehr ausgewogen ist. Selbst dann ist sie aber nicht optimal. Sogar die qualitativ beste Soja-Bohne verfügt nur über ein Fünftel des Eiweißgehaltes wie ein ebenso großes Stück Fleisch. Man bräuchte also im Vergleich zu einem Gramm Fleisch die fünffache Menge der besten Soja-Bohne, um den Bedarf zu decken. Kinder brauchen aber Eiweiß als Baustoff und Energiemittel, weil sie im Wachstum sind. Auch den Anbau von Soja kann man unter Klimagesichtspunkten kritisch sehen. Zudem denke ich, dass ein derart anspruchsvolles vegetarisches Essen in einer Großküche schlecht machbar ist, allein aus Kostengründen. Ein vegetarischer Tag pro Woche, das wäre ein vernünftiges Maß.

Und wer sein Kind vegan ernähren will...

Eine vegane Ernährung bei Kindern ist Körperverletzung. Viele Substanzen, die Kinder brauchen, können sie dann nicht aufnehmen, beispielsweise bestimmte Vitamin B-Gruppen, die für die Bildung des Nervensystems essentiell sind. Auch stillende Mütter, die sich rein vegan ernähren und keine zusätzlichen Vitamin-Präparate zu sich nehmen, fügen ihren Kindern Schäden zu. Ich habe solche vollständig gestillten Kinder veganer Mütter mit Nervenschäden erlebt. Stillende Mütter können einen nicht messbaren Vitamin B-Spiegel kompensieren, weil sie ausgewachsen sind. Kinder können das nicht. Eine vegane Ernährung ist bei Kindern nur dann steuerbar, wenn wir ihnen regelmäßig Blut abnehmen würden, um festzustellen, ob Spurenelemente und Vitamine ausreichend vorhanden sind. Aber eine Ernährung, die darauf abgestellt ist, in regelmäßigen Abständen Blut abzunehmen, kann nicht gesund sein. Auch bei Erwachsenen bedeutet eine vegane Ernährung einen Mangelzustand, der langfristig nur gesund überlebt wird, wenn zusätzliche Vitamin-Präparate eingenommen werden. Vegan ist hipp, aber nicht gesund. In öffentlichen Institutionen wie Kindergärten und Schulen hat das nichts zu suchen.

Früher ging's nach dem Unterricht geschlossen in die Schulspeisung. Heute nimmt dieses Angebot allenfalls ein Bruchteil der Schüler wahr. Alle anderen versorgen sich mittags beim Bäcker oder in der Dönerbude. Stellen Sie deshalb mehr Erkrankungen fest?

Wir haben ein massives Adipositas-Problem, nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern. Die Anzahl dieser Kinder ist in den vergangenen Jahren enorm angestiegen. Gleichzeitig zeigen diese Kinder trotz ihrer Überernährung Mangelerscheinungen. Zwischen Döner und Schokoriegel findet oft keine ausgewogene Ernährung mehr statt. Die Kids haben einen Mangel, obwohl sie eigentlich zu viel Gewicht drauf haben, weil ihre Ernährung vor allem auf Zucker und zu viel Fett beruht. Wir sprechen von leeren Kalorien. Das sind Lebensmittel mit einer geringen Nährstoffdichte. Die machen dick, sonst nichts.

Was sind die Folgen?

Dass Kinder heute deutlich öfter Erkrankungen haben, die wir früher nur von über 60-Jährigen kannten: stoffwechselbedingte Herz- und Kreislauferkankungen, Diabetes, Fettleber. So etwas sehen wir heute bei 11- bis 13-Jährigen. Zudem steigt der Anteil der krankhaft Fettsüchtigen.

Was kann man dagegen tun?

Sport müsste zwingend stärker als eine gesellschaftliche Aufgabe betrachtet werden. Vor allem im ländlichen Raum fehlen hierfür die Möglichkeiten. Wir haben das vor einiger Zeit in einer Studie untersucht und dabei unter anderem erhoben, welche Möglichkeiten Kinder haben, die einen Sportverein im nächst größeren Dorf besuchen wollen, dort überhaupt hinzukommen. Das ist auf dem Land ein echtes Problem.

Kinder auf dem Dorf sind öfter zu dick als Kinder in der Stadt?

Wir haben diese Unterscheidung so nicht vorgenommen. Aber natürlich muss die Frage beantwortet werden, wie man die Teilnahmemöglichkeiten am Sport für Kinder auf dem Land verbessern kann. Beispielsweise könnte man Sportvereinen einen von der öffentlichen Hand finanzierten Kleinbus vor die Tür stellen, allerdings mit der Auflage, dass der Verein damit auch die Kids von den Dörfern abholen und zum Training bringen muss. Dann heißt es eben: Heute ist Montag, alle zum Fußballverein. Es dürfte kaum Sinn machen, dafür den Öffentlichen Personennahverkehr fünfmal am Tag fahren zu lassen, aber dennoch müssen wir den Kindern, die Sport treiben wollen, entsprechende Möglichkeiten bieten.

Auch in den Städten sind Sportangebote für Kinder doch längst ein Problem. Gerade für jüngere Kinder, die zunächst vor allem Spaß an der Bewegung brauchen. Fast alle Sportvereine nehmen sehr früh eine Bestenauslese vor. Alle anderen fallen durchs Raster.

Ja, das sehe ich genauso. Es gibt viele Jugendliche, die nur ein paar Kilo zu viel drauf haben, aber trotzdem Lust auf eine bestimmte Sportart verspüren. Und nur dann machen sie es auch. Wer Lust auf Fußball hat, der geht nicht zum Ballett. Das Aussortieren der Kinder steht aber bisher vor der Förderung der Freude an der Bewegung. Auch übergewichtige Kinder können eine gute Fitness erreichen. Schlank werden die meistens ohnehin nicht mehr. Das wäre ein Irrglaube, aber dicke, sportliche Kinder leben trotzdem gesünder als dünne unsportliche.
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Von Benjamin Fischer