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MV aktuell Immer mehr Geisternetze werden zur Todesfalle für Meerestiere
Nachrichten MV aktuell Immer mehr Geisternetze werden zur Todesfalle für Meerestiere
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21:01 16.05.2019
Meeresbiologin Gabriele Dederer hält an Bord des Fischkutters „Ecke20“ ein von Tauchern gesichertes Geisternetz aus der Ostsee. Quelle: Jens Büttner/dpa
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Eckernförde/Stralsund

Meter um Meter zieht die Winde des Kutters das Fischernetz aus der Ostsee. Mit Seetang, Rotalgen und Miesmuscheln bewachsen ist das mehr als 80 Meter lange Fischernetz kaum zu erkennen. Immer wieder fallen Steine und Muscheln auf das Deck der „Ann-Christin“. Aktivisten der Umweltstiftung WWF fischen mit Hilfe von Tauchern und Fischern binnen weniger Stunden gleich drei sogenannte Geisternetze aus dem Wasser. „Darin können sich Meerestiere verfangen und ertrinken oder ersticken“, sagt Meeresbiologin Gabriele Dederer.

Das an Bord gehievte vermutlich mehrere Jahre alte Nylongeflecht erinnert mehr an eine 80 Meter lange Wurst mit Algen als an ein Fischernetz. Darin haben sich unter anderem zwei weibliche Krebse verfangen. Mit einem Messer befreit die Meeresbiologin eines der trächtigen Tiere und wirft es über Bord. Nicht mehr zu helfen ist dagegen einem etwa 50 Zentimeter langen Dorsch. Der etwa vier Jahre alte Fisch war bereits in dem Geisternetz verendet.

In der Ostsee landen jedes Jahr tausende Fischernetze

„Schätzungen zufolge landen alleine in der Ostsee jedes Jahr 5000 bis 10 000 Fischernetze oder Netzteile“, sagt Dederer. Gründe dafür seien „illegale Fischerei, schlechte Seemannschaft oder einfach Pech“, wenn Stellnetze im Herbst bei Sturm mitgerissen werden und am nächsten Tag nicht mehr gefunden werden.

Fünf Meter vom Sandstrand der Eckernförder Bucht entfernt schippert das rote Fischerboot von Lorenz Marckwardt. Weite Teile des Decks nehmen große weiße Säcke ein, in denen sich die Geisternetze sowie Algen türmen. Marckwardt hilft bei der Bergung. „Es kommt immer wieder vor, dass auch Netze verloren gehen bei Sturm“, sagt der Vorsitzende des Landesfischereiverbands von Schleswig-Holstein. Er unterstützt die Aktion des WWF. „Denn wir brauchen vernünftige Gewässer, wo wir auch als Berufsfischer für die Zukunft vernünftig Fisch fangen können.“

Kunststoffnetze verrotten nicht

Seit den 1960er Jahren werden Fischernetze nicht mehr aus abbaubaren Naturstoffen wie Hanf oder Sisal hergestellt, sondern aus synthetischen Stoffen, wie beispielsweise Nylon (Polyamid). Diese könnten sich auch in herrenlosem Zustand in der Wassersäule wieder aufstellen und weiter töten, sagt Stefanie Werner vom Umweltbundesamt.

Kommentar zum Thema: Solche Zustände müssen beendet werden

Diese Kunststoffe verrotten nicht im eigentlichen Sinne, „sondern werden durch mechanische Kräfte wie Wind, Wellen und UV-Licht zu immer kleineren Plastikpartikeln zerrieben“. Negative Auswirkungen durch Kunststoffmüll seien für mehr als 800 Meerestierarten dokumentiert – Wasservögel, wie Basstölpel, und Möwen, Fische, Krebse, Meeressäuger.

Nicht nur Gefahr für Meeresbewohner

Doch die Plastiknetze sind nicht nur eine Gefahr für Meeresbewohner. „Die Netze können zu Mikroplastik werden und dann im großen Zyklus irgendwann wieder im Fisch auf unserem Teller landen“, sagt Meeresbiologin Dederer. Seit 2013 geht der WWF – normalerweise von Stralsund aus – aktiv gegen Geisternetze in der Ostsee vor. Seitdem haben Umweltschützer mit verschiedenen Techniken „mehr als sieben Tonnen“ Netzmaterial und Schrott geborgen. 

  Anfangs haben sie direkt an Wracks und anderen Unterwasserhindernissen nach Netzen gesucht, später mit einer Art Harke den Meeresboden nach Netzen abgefischt, erklärt WWF-Sprecherin Britta König. Als ergiebigste Methode habe sich schließlich die Zusammenarbeit mit Tauchern erwiesen. Sie nutzen detaillierte Aufnahmen, die ein Sonar fünf Meter über dem Meeresgrund gemacht hat.

Vor Stralsund getestete Technik erstmals vor Kiel genutzt

Jetzt ist die Technik erstmals vor Kiel und Eckernförde zum Einsatz gekommen. „Allein in der Eckernförder Bucht haben wir im Umkreis von zwei Quadratkilometern drei Geisternetze und drei Leinen gefunden“, sagt Dederer. 2018 entdeckten Umweltschützer in einem 500 Meter langen Geisternetz vor Warnemünde zehn tote Kormorane. Außerdem starben darin Dutzende Flundern und andere Fische.

Der Verband der deutschen Kutter- und Küstenfischer räumt ein, dass der Verlust von Netzen auf See ein Problem ist. „Seitdem es GPS gibt, kommt es aber eigentlich nicht mehr vor, dass Schleppnetze verloren gehen, weil sie an Wracks hängen bleiben“, sagt der Verbandsvorsitzende Dirk Sander. Die Fischer würden bekannte Wrackstellen umfahren. „Da mag aber durchaus noch altes Zeug an Wracks hängen.“

Der 69-Jährige war selbst 45 Jahre lang Nordseefischer in Ostfriesland. Etwas anders ist die Situation aber beim Fischfang mit Hilfe von Stellnetzen. „Es ist möglich, dass Netze durch einen Sturm verloren gehen und anschließend von den Fischern nicht wiedergefunden werden“, sagt Sander. 

Immer wieder neue Hindernisse am Meeresboden

Es kämen zudem weiterhin neue Hindernisse für Fischer hinzu, sagt Meeresbiologin Dederer. „Es gibt immer wieder neue Wracks, es gibt Container, die auf den Meeresgrund absinken.“ Mit dem Ergebnis des Bergungstörns vor Eckernförde ist sie sichtlich zufrieden. Die Gruppe bringt die drei – teilweise mehr als 100 Meter langen – Geisternetze mit an Land. Dort sollen sie nun als Sondermüll entsorgt werden. Denn das Recycling ist aufwendig. Sie enthalten giftiges Blei, das vor der Verwertung der Polyamidfasern entfernt werden muss.

Im Juli werden die Umweltschützer auch wieder vor der Küste von Mecklenburg-Vorpommern nach den tödlichen Netzen fischen, schaut Gabriele Dederer voraus. „Vor der Insel Rügen.“

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