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MV aktuell Vibrionen in der Ostsee: Behörden halten Messwerte geheim
Nachrichten MV aktuell Vibrionen in der Ostsee: Behörden halten Messwerte geheim
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21:17 14.08.2019
Volle Strände in MV: Vibrionen stellen insbesondere für immungeschwächte Menschen mit schweren Vorerkrankungen und offenen Wunden eine Gefahr dar. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa
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Rostock

Die Landesregierung hält konkrete Messergebnisse zur Vibrionen-Belastung entlang der Küste in Mecklenburg-Vorpommern unter Verschluss. „Es wäre nicht gut, wenn wir diese Daten an die Öffentlichkeit geben“, sagte der Chef des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lagus), Heiko Will, auf Anfrage der OSTSEE-ZEITUNG.

Die Landesbehörde ist Gesundheits- und Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) unterstellt. Sein Ministerium will ebenfalls keine Ergebnisse nennen.

Eine ältere Frau, die sich beim Baden in der Ostsee mit dem Erreger infiziert hatte, war Ende Juli an den Folgen der Infektion gestorben. Experten gehen bisher davon aus, dass Vibrionen nur für immungeschwächte Menschen mit schweren Vorerkrankungen und offenen Wunden gefährlich sind. Vibrionen sind ganzjährig auf dem Meeresgrund salzhaltiger Gewässer aktiv. Bei Wassertemperaturen ab 21 Grad aufwärts vermehren sie sich sprunghaft, was Ende Juli sowie im August dieses Jahres der Fall war. Nach Angaben des Lagus hätten sich in MV bisher insgesamt sieben Menschen mit dem Erreger infiziert. Seit dem Jahr 2003 gab es 54 Erkrankte im Land, davon acht Todesfälle.

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Mann infiziert sich und verliert ein Bein

In mindestens einem Fall, bei dem sich ein damals 69-jähriger Patient über einen Mückenstich beim Baden in Warnemünde mit Vibrionen angesteckt hat, soll es aber keine relevanten Vorerkrankungen gegeben haben. Der Mann überlebte, verlor aber ein Bein. „Ich glaube, dass die Gefahr von den zuständigen öffentlichen Stellen zu sehr heruntergespielt wird, um den Tourismus nicht zu gefährden“, sagte Tatjana P. (Name der Redaktion bekannt), die Tochter des Mannes.

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Will zufolge hätte sich die im Juli verstorbene Frau überall in der Ostsee infizieren können, weshalb aus seiner Sicht keine Veranlassung dazu bestehe, Werte einzelner Messstellen zu veröffentlichen. Das Lagus misst zusätzlich zu den Gesundheitsämtern der Landkreise sowie der Stadt Rostock im 14-tägigen Rhythmus an sieben verschiedenen Badestellen im Land die Belastung des Wassers mit Vibrionen – und zwar: in Warnemünde, in Niendorf an der Wohlenberger Wiek, in Karlshagen auf Usedom, in Dranske und Binz auf der Insel Rügen. Zwei weitere Messstellen befinden sich mit Lubmin und Groß Stresow im Greifswalder Bodden. Die ermittelten Werte seien jedoch „zu kompliziert“, um darüber Auskunft zu geben. Will: „Das ist Biologie.“ OZ-Informationen zufolge werden die gemessenen Belastungswerte in einer Online-Datenbank zentral erfasst.

Glawes Ministeriumssprecher Gunnar Bauer teilte auf mehrfache Nachfragen ebenfalls nur mit: „Aus der Anzahl der Vibrionen oder dem Standort kann kein konkretes Risiko für Erkrankungen abgeleitet werden.“ Nach Angaben der Landkreise Vorpommern-Rügen und Vorpommern-Greifswald hat das Lagus angewiesen, keine Orte zu veröffentlichen, wo Menschen baden waren, die später an einer Infektion erkrankt sind. Auch die Messergebnisse der Gesundheitsämter der Kreise dürften nicht weitergegeben werden, hieß es.

Amt räumt Korrekturbedarf ein

Nach dem Fall der an Vibrionen verstorbenen Frau, der nach OZ-Recherchen bekannt geworden war, hatte das Lagus Fragen nach dem Ort, wo die Patientin gebadet hatte, aus Gründen des Datenschutzes abgewehrt. Inzwischen sieht das Lagus Korrekturbedarf. Will: „Wir sind noch auf der Suche nach einem Optimum, einerseits keine Panik zu verbreiten, die Bevölkerung aber andererseits richtig zu informieren. Das ist die Lehre, die wir aus diesem Sommer gezogen haben.“

Experten, wie der Greifswalder Umweltmediziner Professor Axel Kramer, rechnen damit, dass Vibrionen aufgrund des Klimawandels künftig vermehrt an der Ostsee auftreten werden. Obwohl sein Ministerium sowie das Lagus keine konkreten Zahlen nennen wollen, sagte Glawe: „Wir nehmen das Problem sehr ernst. Jeder Tote ist einer zu viel. Deshalb ist es wichtig, die Bevölkerung weiter zu informieren und aufzuklären.“

Wie aus Behördenkreisen verlautete, solle mit der Verdunkelungstaktik eine Fokussierung auf die betroffenen Tourismusorte verhindert werden. Wie aus einer Warnkarte des durch die EU geförderten Online-Geodienstes „E3“ hervorgeht, hat die Belastung der Ostsee durch Vibrionen in den vergangenen Wochen besonders in den südlichen Flachwasserbereichen zugenommen.

Hinter den entsprechenden Berechnungen, mit denen die Werte täglich aktualisiert werden, würden Ministeriumssprecher Bauer zufolge keine Ergebnisse der Wasserproben stehen. Bauer: „Die Karte zeigt die errechnete Wahrscheinlichkeit für das Vorkommen von Vibrionen in der südlichen Ostsee anhand eines entwickelten Algorithmus, bei dem neben der Oberflächentemperatur des Meeres auch der Salzgehalt eingeht.“

In der Tourismus-Branche wird die Debatte um das Vorkommen von Vibrionen in der Ostsee unterdessen mit Sorge betrachtet. „Das Risiko, durch Vibrionen zu erkranken bleibt sehr gering. Man sollte es kennen und benennen, aber in die richtige Relation setzen und nicht dramatisieren“, sagte Tobias Woitendorf, der Sprecher des Landestourismusverbandes.

Mehr zu den Autoren Martina Rathke und Benjamin Fischer.

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