Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Volle Fahrt in Richtung neue Seidenstraße
Nachrichten MV aktuell Volle Fahrt in Richtung neue Seidenstraße
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
05:00 11.01.2019
Der Rostocker Hafen hat Ambitioniertes vor: Noch in diesem Jahr soll ein Shuttleverkehr mit Containern über die Ostsee von und nach Kaliningrad fahren. Quelle: OVE ARSCHOLL
Anzeige
Rostock

Wirtschaftsgigant China streckt die Hände gierig nach Europa aus – und MV bietet sich als Partner an: Die Häfen in Rostock und Sassnitz wollen noch in diesem Jahr Schiffsverbindungen nach Kaliningrad (Königsberg) in Russland schaffen, um Handelsanschluss an die neue Seidenstraße Chinas zu erhalten. Die Idee: Da immer mehr Waren aus Asien nach Europa strömen, der Landweg über Polen aber zunehmend überlastet ist, könnte eine nördlichere Route Alternative sein. Die Landesregierung unterstützt dies.

Hauptakteur ist DB Cargo, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn. „Auf vielfachen Wunsch testen wir eine Seeverbindung von Kaliningrad nach Rostock“, erklärt Alexander Doll, DB-Vorstand für Güterverkehr und Logistik. „Mit ihr werden wir schneller und flexibler Waren vom Ostseehafen in Europa verteilen können.“

Anzeige
Grafik für Online-Nutzung als jpg-Bilddatei. Seidenstraße Quelle: Arno Zill

Profiteur wäre der Rostocker Hafen. „Wir sind guter Hoffnung, dass sich im Laufe des Jahres ein Container-Shuttleverkehr zwischen Rostock und dem Königsberger Gebiet etablieren kann“, erklärt Hafen-Chef Gernot Tesch. Denkbar sei eine Anlandung direkt im Stadthafen von Kaliningrad oder im vorgelagerten Baltijsk. Man trete nicht in Wettbewerb mit bestehenden Handelszentren wie Hamburg, Duisburg oder Leipzig, „sondern wir eröffnen einen neuen Transportkorridor“, so Tesch. Der Rostocker Hafen, vernetzt mit Fährlinien, Bahn und Straße, sehe sich gut gewappnet.

Verkehrsminister Christian Pegel (SPD): „Die fortschreitende Globalisierung im internationalen Handel und Transport wird zu Veränderungen bei globalen Warenströmen führen. Diese bieten potenziell für die Häfen in MV neue Chancen im Skandinavien-Adria-Korridor.“ Quelle: dpa

Eine Anbindung an die neue Seidenstraße Chinas, ein Handelsweg bis Asien, ist seit langem erklärtes Ziel von Landesregierung und Unternehmern in MV. Man begrüße „ausdrücklich Maßnahmen zur Etablierung von interkontinentalen Frachtrouten zwischen MV und der Volksrepublik China“, erklärt Verkehrsminister Christian Pegel (SPD). Das Land sei beim Aufbau der Infrastruktur behilflich. So gibt es seit 2017 einen Logistik-Atlas, der Häfen, Bahnverbindungen oder Unternehmen im Land abbildet. Dort könnten sich Chinesen oder andere direkt informieren. Die fortschreitende Globalisierung führe zum Anstieg von Warenströmen weltweit, so Pegel. „Diese bieten potenziell auch für Häfen in MV neue Chancen im Skandinavien-Adria-Korridor.“ Der Rostocker Hafen etwa könne – mit Partnern - eine wichtige Rolle beim Verteilen von Waren übernehmen, die von China bis Kaliningrad über die Schiene rollen, dann aufs Schiff kommen. „Rostock würde dann das deutsche und kontinentaleuropäische Hinterland per Schiene, das nordeuropäische Hinterland per Fähre bedienen.“

Auch der Fährhafen Sassnitz-Mukran hofft auf Warenströme der neuen Seidenstraße. In Russland würden derzeit neue Schiffe gebaut, die dann zwischen Rügen und Baltijsk bei Kaliningrad fahren sollen. Um unabhängiger vom Nadelöhr Brest an der Grenze zwischen Weißrussland und Polen zu werden. „Wir setzen auch auf Warenströme aus Mittelasien und China“, so Felix Zimmermann, Sprecher von Mukran Port. Geplant sei die Fertigstellung der Schiffe noch in diesem Jahr.

Das Geschäft von DB Cargo in Richtung China brummt. 2018 seien rund 90000 Container transportiert worden, so Doll. 2020 seien 100000 geplant. Dafür habe das Unternehmen die neue Einheit „DB Cargo Eurasia“ geschaffen. Über die neue Seidenstraße würden Kleidung, Papier, Konsumgüter aller Art oder Zulieferteile für verschiedene Industrien transportiert.

Wirtschaftsvertreter sind begeistert: „Wer auf sich aufmerksam macht und die entsprechenden Infrastruktur schafft, ist noch im Rennen bei der Globalisierung“, sagt der Rostocker IHK-Präsident Claus Ruhe Madsen. „Mit Blick auf zunehmende Handels-Konflikte weltweit macht es Sinn, sich möglichst breit aufzustellen.“ MV könnte von der Seidenstraße profitieren. Das sieht auch Wolfgang Blank, IHK Neubrandenburg, so: „Die Seidenstraße wird sich ihren Weg suchen, MV sollte sich hier als Drehscheibe im Ostseeraum einbringen.“

China wichtiger Handelspartner

Waren im Wertvon 539 Millionen Euro haben MV und China im Jahre 2017 miteinander ausgetauscht – Platz acht der wichtigsten Außenhandelspartner des Landes. Der Warenwert betrug im Import 306, im Export 233 Millionen Euro. Bis zum Halbjahr 2018 lag der Gesamtwert bei 250 Millionen Euro (143/107).

Für Deutschland war China 2016 und 2017 wichtigster Außenhandelspartner. 2017 lag der Warenwert laut Statistischem Bundesamt bei 188 Milliarden Euro, Platz zwei ging an die Niederlande (175,3), Platz drei an die USA (173,7).

Gegenüber China, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt, hatte die Exportnation Deutschland zuletzt einen Importüberschuss von 15 Milliarden Euro. In diesem Wert kam 2017 mehr herein, als herausging.

China ist schon in zurückliegenden Jahren wichtiger Handelspartner MVs gewesen. Pro Jahr gab es Warenaustausch im Wert von etwa einer halben Milliarde Euro. 2017 etwa waren es 539 Millionen, wobei der Import aus China mit 306 Millionen überwog, heißt es aus der Staatskanzlei. Haken: Der frühere Exportweltmeister Deutschland importiert mehr aus China, als er dorthin liefert. Laut Statistischem Bundesamt lag der Importüberschuss 2017 bei 15 Milliarden. Das Reich der Mitte ist wichtigster Handelspartner für Deutschland; es kauft sich auch hier wie auf vielen Kontinenten in die Wirtschaft ein.

Prof. Jan Körnert, Uni Greifswald: „Der Umgang mit China ist eine Gratwanderung.“ Quelle: Bildredaktion

Genau dort liege auch Gefahr, erklärt Prof. Jan Körnert, Wirtschaftsexperte an der Universität Greifwald: dass China vor allem eigene Waren hier platzieren und Knowhow absaugen wolle. „Wir sind eine Exportnation, unser Wohlstand baut darauf auf. Daher ist der Umgang mit China eine Gratwanderung“, so Krönert. „Das Potenzial, das China besitzt, ist riesig. Dies birgt aber auch Risiken.“ Mit seiner Handelsroute frisst sich das Superreich durch Asien, baut Fabriken, stellt ansässige Arbeiter zu Billiglöhnen ein. Aus seiner Sicht wäre es das Beste, wenn sich die EU-Staaten enger binden und gemeinsame Regeln aufstellen, so Körnert. Nur dann werde Deutschland im Konzert der mächtigen Wirtschaftseinheiten längerfristig „mitspielen können“. Welche Gefahren lauern, verdeutlicht Körnert, der sich an der Uni Greifswald vor allem mit internationalen Finanzmärkten befasst, am Beispiel des Bankensystems in Lettland, Estland und Litauen, das komplett in schwedischer Hand sei. „Stellen wir uns vor, was passiert, wenn die Schweden dies an China oder Russland verkaufen würden.“ Es gelte, vor allem kritische Infrastruktur wie Banken, Wasserversorgung und Elektrizität vom Einfluss ausländischer Investoren zu schützen.

Frank Pubantz