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MV aktuell Warum dieser Herr das allererste Windrad an der Ostsee gebaut hat
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Vorreiter für Vorpommern: Klaus-Jürgen Beel hat das erste Windrad an der Ostsee gebaut

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12:10 09.02.2020
Klaus-Jürgen Beel (77) und sein Windrad in Wustrow auf dem Fischland – das einzige, das in der DDR errichtet wurde. Quelle: Gerald Kleine Wördemann
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Rostock/Wustrow

Einen Pionier der Windkraftbranche stellt man sich irgendwie anders vor, aber Idealismus kennt bekanntlich keine Äußerlichkeiten. Klaus-Jürgen Beel, 77 Jahre alt, promovierter Ökonom, Windmüller, ein quirliger Geist – er trägt Fliege und Weste, wenn er jemanden bei sich zu Hause empfängt.

Angesichts dieser Korrektheit würde man nicht damit rechnen, dass Beel einem gleich erzählen wird, wie er 1989 auf dem Boden der damals gerade noch existierenden DDR das erste Windrad zur Stromerzeugung im Arbeiter-und-Bauern-Staat anklemmen ließ. Selbst rund um die Ostseeküste war Beel damals der Erste, der ein Windrad aufstellte, um damit Strom zu produzieren.

Seit 30 Jahren steht die Anlage nun am Strand von Wustrow auf dem Fischland (Kreis Vorpommern-Rügen) und läuft. Wenn’s nach Beel geht, schafft sie noch einmal 30 Jahre. „Generatoren und Getriebe kann man wechseln. Das ist kein Grund, ein Windrad auf den Schrott zu werfen“, sagt Beel. An guten Tagen speist das Rad nach wie vor 200 Kilowattstunden ins Netz ein, auch wenn das kein Vergleich mit den heutigen Anlagen ist, deren Leistung längst im Megawattbereich liegt.

Energie war in der DDR Mangelware

Sein Antrieb, die Mühle aufbauen zu lassen, war der Einfallsreichtum, der gefordert war, um materieller Not in der DDR produktiv begegnen zu können. Mit 25 wurde Beel Direktor des VEB Holzhandel Rostock. „Ich war damals weder verheiratet noch in der Partei. Eigentlich unüblich. Später war ich beides.“

Sein Auftrag: Zur Devisenbeschaffung sollte der VEB Holzhandel Spundbretter in den Westen liefern. Allerdings verwandelten russische Hobelmaschinen das Holz nicht gerade in Premiumware. Vor allem musste es in Trockenkammern energieintensiv von Feuchtigkeit befreit werden, damit die Qualität stimmte. Energie war wie so vieles aber Mangelware. „Wir durften die Kammern weder mit Öl, Gas oder Strom anheizen“, erklärt Beel. Und Heizer zu beschäftigen, die staubige Braunkohle in den Ofen schippten und sich zwischendurch betranken, sei für ihn keine Alternative gewesen.

Mit Flügeln von Hubschraubern herumexperimentiert

1988 entdeckte Beel im Westfernsehen einen Bericht, wie in Dänemark an der Nordseeküste Windkraftanlagen aufgestellt worden sind und fand darin die Lösung für das Energieproblem zur Vorbereitung der Devisenbeschaffung. Sein erster Weg führte ihn daraufhin zur Seewetterdienststelle in Warnemünde, ob der Wind an der Ostsee mit den dänischen Verhältnissen vergleichbar wäre, wollte Beel wissen.

Antwort: Wind sei in der DDR genauso viel vorhanden wie in Dänemark. Beel zog anschließend das frühere Energiekombinat Nord in Rostock auf seine Seite. Dort hatte man bereits mit Rotorblättern von Hubschraubern experimentiert, aber so bislang nicht eine Kilowattstunde Strom ins Netz bekommen. Allerdings stimmten die Energiewerker nicht dem ursprünglichen Plan zu, das Windrad auf der Rostocker Holzhalbinsel aufzubauen, sondern sie schlugen stattdessen wegen besserer Windverhältnisse den Standort am Ostseestrand von Wustrow vor.

Im Sommer 1989 reiste ein Expertenteam des dänischen Windradherstellers Vestas an und baute die Mühle auf. Am 10. Oktober 1989 speiste auf dem Boden der DDR das erste Windrad an der Ostseeküste Strom ins Netz ein, während die Führung des Landes bereits kräftig wankte.

Windrad hatte 30 Meter Nabenhöhe

Wenn er gewusst hätte, dass vier Wochen später die Grenzen fallen, wäre der Stress, den es bedeutete, in der DDR ein Windrad aufzustellen, weniger gewesen. Die neun Unterschriften für die Baugenehmigung holte er in verschiedenen Behörden in Berlin ein – alle an einem Tag. Beel: „Der Bauantrag war ungefähr so dick wie ein Zeigefinger.“

Der Mann besitzt inzwischen zehn weitere Windräder an fünf weiteren Standorten in Mecklenburg-Vorpommern oder ist dort an ihnen beteiligt. „Wenn ich heute eine neue Anlage aufstellen will, nehmen die Anträge so viele Aktenordner ein, dass ich zweimal mit dem Fahrstuhl fahren muss“, sagt er. Die Umsetzung technischer Neuerungen mag in der DDR manchmal flott gegangen sein, wenn sich die Genossen in Berlin erst einmal für die Idee begeistert konnten. Einflussmöglichkeiten von Umweltverbänden, weiteren Institutionen und der Bevölkerung waren gar nicht erst vorgesehen.

Bezahlt worden ist das dänische Windrad über einen Devisenkredit, der aus den höheren Erlösen bezahlt wurde, die sich mit den gut getrockneten Spundbrettern erzielen ließen. 440 000 D-Mark legte der VEB Holzhandel für das Windrad auf den Tisch. Dafür gab’s das, was seinerzeit in der noch jungen Windkraftbranche Stand der Technik war: eine Vestas V 25-200 mit heute fast niedlich anmutenden 30 Metern Nabenhöhe und einem Rotordurchmesser von 25 Metern.

2000 Euro extra im Monat

Die Anlage wurde nicht auf den heute üblichen Rohr-, sondern auf einen Gittermast gesetzt. „Ich hielt das damals für landschaftsverträglicher“, sagt Beel. Die Grundbestandteile wie Gondel, Gitterturm und die Rotorblätter der Mühle sind immer noch die Originalteile, die von den Dänen damals in Wustrow installiert wurden.

Bis heute verdient Beel Geld mit dem Windrad, das nach der Abwicklung des VEB Holzhandel nach der Wende irgendwie übrig war und von ihm privat übernommen worden ist. Im Durchschnitt liefert die Mühle 500.000 Kilowattstunden im Jahr. 2000 Euro extra im Monat bringt ihm das Windrad jeden Monat ein.

Fällt es ab 2021 wie viele andere Altanlagen aus der EEG-Förderung heraus, rechnet Beel damit, dass zumindest 1000 Euro pro Monat hängen bleiben. „Abbauen werde ich das Windrad deshalb nicht. Es steckt einfach viel zu viel Herzblut drin.“

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Von Benjamin Fischer

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