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MV aktuell Waldbrand in Lübtheen: Die dramatische Flucht vor der Feuerwalze
Nachrichten MV aktuell Waldbrand in Lübtheen: Die dramatische Flucht vor der Feuerwalze
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19:31 01.07.2019
Rauchwolken steigen in den Himmel. Wegen des Waldbrandes auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern mussten Hunderte Menschen ihre Wohnungen verlassen. Quelle: Philipp Schulze/dpa
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Lübtheen

Eigentlich will sie nichts sagen, doch dann bricht es aus ihr heraus. „Das hätte alles nicht passieren dürfen“, sagt die Dorfbewohnerin, zieht heftig an ihrer Zigarette und bricht in Tränen aus.

Die 62-Jährige, die ihren Namen nicht in der Zeitung sehen möchte, wartet mit ihrer Familie darauf, in Sicherheit gebracht zu werden. Sie lebt im Dorf Hohenwoos, aus den Nachbardörfern mussten die Menschen bereits fliehen. „Die Freiwillige Feuerwehr allein hat das doch nicht im Griff“, sagt die Frau. Sie hat schon immer hier gelebt, nun droht sie alles zu verlieren. Sie ist wütend – auf die Behörden, die die Gefahr unterschätzt hätten.

Ein erneutes Feuer auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in Lübtheen (Landkreis Ludwigslust-Parchim) hält die Region in Atem.

Schwarzer Rauch steht über dem Wald. Hubschrauber mit Wasserbehältern fliegen hin und her, wenn sie ihre Fracht entladen, wird der Rauch weiß. Auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz nahe Lübtheen wütet der schlimmste Waldbrand der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns. Eine dichte Rauchfahne zieht übers Land, über Brandenburg, Berlin bis nach Sachsen-Anhalt. Vom Feuer betroffen seien 430 Hektar auf dem früheren Truppenübungsplatz bei Lübtheen, sagt Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD). Das Gelände sei hochgradig mit Munition belastet – was die Löscharbeiten erheblich erschwere. Direkt am Brandherd liegt zudem ein Zerlegungsbetrieb des Munitionsbergungsdienstes.

„Es geht um Leib und Leben“

„Die Sicherheit von Leib und Leben hat jetzt oberste Priorität“, sagt Backhaus. Die Feuerwehrleute dürfen sich aus Sicherheitsgründen dem Brandgebiet nur bis auf 1000 Meter nähern. Mit Hilfe von Löschpanzern und Löschhubschraubern werde versucht, das vom Wind immer wieder angefachte Feuer einzudämmen. Die Flammen hätten sich vor allem am Boden ausgebreitet, vereinzelt sind sie aber auch bis in die Baumkronen gekrochen. Eine beängstigende Kulisse. Backhaus und Innenminister Lorenz Caffier (CDU) sehen sich gezwungen, Schaulustige dringend zu warnen. „In diesem Gebiet hat niemand etwas zu suchen. Dort besteht höchste Lebensgefahr“, sagt Backhaus.

Alt Jabel, Jessenitz-Werk und Trebs, das sind Ortschaften, die schon in der Nacht und am Montagmorgen vorsorglich evakuiert wurden. 650 Menschen, die zu nah am Brandherd lebten, mussten ihre Dörfer verlassen, ein Ferienlager mit 100 Kindern wurde geräumt.

„Die Lage ist weiterhin angespannt. Es geht im Moment nicht um das Löschen des Brandes. Es geht um die Sicherung der Ortschaften, um Leib und Leben“, sagt Landrat Stefan Sternberg (SPD), der am Sonntagabend Katastrophenalarm ausgelöst hatte. Weitere Evakuierungen seien nicht ausgeschlossen.

„Die Einsatzführung ist offenbar konfus“

500 Meter vom Wald entfernt steht Bernd Rathje im Garten seiner Nachbarin und streckt die Arme gen Himmel: „Ich habe den Eindruck, dass die Kommunikation nicht funktioniert“, sagt der Rentner. „Die Einsatzführung ist offenbar konfus.“ Und heute hat er im Radio gehört, dass nun evakuiert werde. Gepackt hat der Rentner noch nichts. „Was soll ich denn auf die Schnelle mitnehmen, außer ein paar Papieren?“ Seine Nachbarin, die eine Pension betreibt, hat bereits mehrfach beim Bürgertelefon des Landkreises angerufen, wo man ihr nichts Genaues sagen konnte. Zwei Häuser weiter hat ein Mann bereits mehrere Koffer in sein Auto geladen. Die beiden Kinder seien im Hort, die Frau im Krankenhaus.

Anwohner Bernd Rathje Quelle: Juliane Schultz

Für drei Häuser am Dorfrand könnte es besonders ernst werden. Die Kronen der 20 Meter hohen Kiefern ragen hinter ihren Dächern empor, zwischen den restlichen Häusern und dem Wald liegen mehrere Hundert Meter Acker wie eine natürliche Barriere. Nun sitzen hier, drei Kilometer Luftlinie vom Feuer entfernt, etwa ein Dutzend Feuerwehrleute aus dem Landkreis Nordwestmecklenburg im Schatten und warten auf die Flammen. Sebastian Tack (29) aus Wismar lehnt sich müde auf sein Lenkrad. Sein Einsatzzug hat eine Riegelstellung um die drei Häuser aufgebaut. Wenn das Feuer kommt, werden sie mit ihren Schläuchen und Rohren alles tun, um die drei gefährdeten Häuser zu retten. Das Warten macht mürbe.„Das ist ein ungewöhnlich langer Einsatz“, sagt Tack, der seit 16 Stunden auf den Beinen ist.

Sebastian Tack (29) aus Wismar: „Ein ungewöhnlich langer Einsatz. Seit 23:20 Uhr bin ich hier.“ Sein Zug hat eine Riegelstellung zum Schutz der evakuierten Häuser in Hohenwoos aufgebaut. Quelle: JULIANE SCHULTZ

„Es hieß, wir sollten zu Hause bleiben und Fußball gucken“

Am anderen Ende der Kreisstraße geht es hektischer zu. Der Rauch verursacht Kratzen im Hals. Feuerwehr und Katastrophenschutz-Fahrzeuge rasen in Kolonnen vorbei. „Das hätte viel schneller gehen können“, sagt ein freiwilliger Feuerwehrmann, der in dem 150-Seelen-Ort Alt Jabel lebt. Schon am Sonntagvormittag zog dichter Qualm um die Häuser. Die Flammen waren nur noch ein paar Hundert Meter vom Ort entfernt. „Es gab trotzdem keinen Einsatzbefehl. Es hieß, wir sollten zu Hause bleiben und Fußball gucken“, berichtet der 34-Jährige, der seinen Namen nicht nennen will. Natürlich hätten er und seine Kameraden sich nicht daran gehalten und trotzdem schon mal die Schläuche ausgerollt.

Am Montag stehen die Feuerwehrleute von Alt Jabel 800 Meter entfernt von ihren eigenen Häusern und pumpen Löschwasser aus einem Waldschwimmbad in die Feuerwehrfahrzeuge, die im Minutentakt hier eintreffen.

Alle paar Minuten ist an der Wasserentnahmestelle ein dumpfer Knall zu hören. Der Wald war bis vor wenigen Jahren ein Truppenübungsgebiet der Bundeswehr, Panzergrenadiere aus Hagenow nutzen das Areal für Schießübungen, bis zur Wende schoss hier die Nationale Volksarmee der DDR. Der Wald ist voller Munition, Schilder warnen vor dem Betreten. „Handfeuerwehr, Blendgranaten und große Geschosse zur Panzerabwehr, hier liegt alles“, sagt der Feuerwehrmann. Das Problem sei schon lange bekannt, aber keiner habe sich um die Altlasten gekümmert – weder die Bundeswehr noch der Landkreis oder das Land.

Das Land ist extrem belastet

Etwa zehn Prozent der Landesfläche sind laut Innenministerium „hochgradig kampfmittelbelastet“, dazu zählen etwa 28 400 Hektar Wald. Es ist die größte Belastung gleich nach Brandenburg.

Laut Backhaus liegen auf dem Gelände nicht nur Munition und Granaten von Manövern, sondern auch große Mengen an Sprengmitteln aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Bei Lübtheen habe die Marine ihr Munitionshauptlager unterhalten, das 1945 gesprengt worden sei. Nach Tests auf dem Gelände gehe man aber davon aus, dass das Gebiet noch mit bis zu 45,5 Tonnen Munition verseucht sei. Das sei auch der Grund, warum die Einsatzkräfte einen Abstand von 1000 Metern einhalten müssten, was die Löscharbeiten erschwere. „Sie können sich vorstellen, dass uns das handicapt bei den Bekämpfungsmaßnahmen, wenn man dort nicht reinfahren kann, nicht löschen kann oder von oben das Wasser reinbringen kann“, sagte Backhaus. „Wir brauchen jetzt eine Technologie hierher, die in der Lage ist, dieses Thema zu beherrschen. Wir im Lande haben sie nicht.“

2000 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Polizei, Katastrophenschutz, Bundeswehr und Rettungsdiensten waren gestern im Einsatz, vier Löschhubschrauber, ein privater Löschpanzer; zwei Bergepanzer der Bundeswehr wurden erwartet, die Schneisen zum Schutz vor den sich ausbreitenden Flammen ziehen sollten.

Können sie die Gefahr bannen? „Die Lage ist nach wie vor hochbrisant“, sagt ein Sprecher des Landkreises.

Gerald Kleine Wördemann und Juliane Schultz

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