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MV aktuell Meyer Werft kämpft um Aufträge: Was bedeutet das für Schiffbauer bei Neptun in Warnemünde?
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Warnemünde: Wenig Aufträge für Meyer Werft - Auswirkungen bei Neptun

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09:41 04.01.2022
Die Neptun Werft in Rostock-Warnemünde
Die Neptun Werft in Rostock-Warnemünde Quelle: Jens Büttner/dpa
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Rostock/Papenburg

Im Januar 2020 feierte die Meyer-Werft in Papendorf, zu der auch die Rostocker Neptun Werft gehört, stolz ihr 225-jähriges Bestehen, dann kam Corona und stürzte Deutschlands größten Schiffbaubetrieb in die schlimmste Krise seiner Geschichte. Die Werft an ist spezialisiert auf die Serienfertigung gigantischer Kreuzfahrtschiffe, nur brauchen die Reedereien derzeit kaum neue Schiffe.

Kreuzfahrten kommen erst langsam wieder in Gang, Corona-Ausbrüche wie über Neujahr auf der „Aida Nova“ oder auf der „Mein Schiff 6“ hemmen den Neustart. „In meinen 48 Jahren auf der Werft habe ich noch nie so existenzbedrohende zwei Jahre erlebt“, klagte Seniorchef Bernard Meyer in einem Brief an niedersächsische Landespolitiker im Dezember.

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Konkurrenz aus Fernost

Dem deutschen Schiffbau geht es angesichts der Konkurrenz aus Fernost ohnehin nicht gut. Corona macht den Betrieb teurer und komplizierter. Am besten läuft noch das Geschäft mit Marine- und Behördenschiffen sowie mit extravaganten Luxusjachten. Doch am schwersten hat die Krise das Geschäftsmodell der Familie Meyer mit ihren bunten Ozeanriesen getroffen. 2020 wurden 180 Millionen Euro Verlust gemacht. Und wenn man auf die Auslastung schaut, stehen dem Betrieb in Papenburg die schwierigsten Jahre erst noch bevor.

Dabei hat die Werft einiges unternommen, um die Probleme abzufedern. Die vorhandenen Aufträge wurden im Einvernehmen mit den Bestellern bis 2025 gestreckt. Stornierungen gab es nicht. Doch auch die Reedereien sind froh, die neuen Schiffe nicht zu früh zu bekommen. Ein Sparprogramm von 1,2 Milliarden Euro wurde aufgelegt.

Weltweit einziger Neubauauftrag

2020 zog die Meyer-Werft den weltweit einzigen Neubauauftrag für ein Kreuzfahrtschiff von der japanischen Reederei NYK an Land. Im Juli 2021 wurde eine Absichtserklärung für die „Njord“ unterzeichnet, ein Appartementschiff mit 117 Wohnungen für gutbetuchte Weltenbummler. Noch steht allerdings die Finanzierung nicht.

Die Meyer-Werft stellte auch die Studie One 50 für eine hypermoderne Luxusjacht vor, die in Fachkreisen Anklang fand. Aufträge gibt es nach Angaben eines Sprechers aber noch nicht. Unter Federführung der Bremer Lürssen-Werft ist Meyer am Bau von zwei Tankern für die deutsche Marine beteiligt. Dies hilft vor allem dem Standort Meyer Neptun in Warnemünde an der Ostsee.

Ungleiche Auslastung

Die neuen Projekte lasten die Gewerke in Papenburg aber sehr ungleich aus. Die technischen Büros haben alle Hände voll zu tun. „Wir schaffen im Engineering über 100 neue und zusätzliche Arbeitsplätze, während wir in anderen Teilen des Unternehmens abbauen“, sagte Geschäftsführer Thomas Weigend. Die neuen Schiffe sind Prototypen oder Einzelaufträge, in die viel Konstruktionsarbeit fließt.

Zudem sind sie technisch fortschrittlich. Sie werden nicht nur mit flüssigem Erdgas (LNG) angetrieben, sondern teils auch mit Batterien oder Brennstoffzellen. Auf dem kleinen Luxusliner „Silver Nova“ für die Reederei Silversea sollen Brennstoffzellen den Hotelbereich versorgen. Das Durchsetzen neuer umweltfreundlicher Technik werde durch die Krise beschleunigt, sagt Firmensprecher Florian Feimann. „Alte Schiffe verschwinden schneller als erwartet vom Markt.“

Leere Dockhallen

In der Fertigung ist dagegen weniger zu tun. Im Rekordjahr 2019 lieferte Meyer aus Papenburg drei Schiffe mit einer Bruttoraumzahl (BRZ/früher Bruttoregistertonnen) von zusammen über 400 000 ab. 2022 sind zwei große Schiffe an der Reihe, deren Rümpfe und Aufbauten aber schon jetzt weitgehend fertig sind. Erst kommt die „Disney Wish“ für Disney Cruise Line mit einem technisch sehr aufwendigen Hotel- und Entertainmentbereich. Zum Jahresende folgt die „Arvia“ für die britische Reederei P&O. Zusammen sind das 324 000 BRZ nach Angaben des Portals Cruise Industry News.

Doch 2023 wird es leer in den zwei langen Dockhallen an der Ems. Nur 238 600 BRZ müssen fertiggestellt werden - die für Meyer-Verhältnisse kleine „Silver Sea“ (54 700 BRZ) und die „Jubilee“ (183 900 BRZ). 2024 sinkt die Auslastung noch weiter: 194 700 BRZ stehen an mit je einem Schiff für Silversea und Disney. Für 2025 sind erst Aufträge über 192 000 BRZ vertraglich unter Dach und Fach.

Wegen der anderthalb Jahre langen Bauzeit eines Schiffs fängt der Rückgang schon jetzt an: Über den Jahreswechsel herrscht Kurzarbeit null im Laserzentrum. Dort werden Stahlbauteile vorgefertigt.

Streit zu Arbeitsplätzen

Was die Krise für die Arbeitsplätze auf der Werft bedeutet, darüber streiten Geschäftsführung und Betriebsrat seit zwei Jahren erbittert. Die Werft teilte Ende Dezember mit, man habe Tausende Jobs sichern können. „Wir haben durch viele Maßnahmen wie beispielsweise Stipendien und Umschulungen erreicht, dass 90 Prozent unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bleiben können“, sagte Geschäftsführer Jan Meyer. Die Stammbelegschaft in Papenburg macht immer noch weit über 3000 Männer und Frauen aus.

Zwar schlossen beide Seiten im Juli 2021 unter Vermittlung der Landespolitik einen Kompromiss: Danach sollen 350 Jobs auf der Werft und weitere 100 Jobs bei der Dienstleister-Tochter EMS wegfallen. Doch die Umsetzung stockt, ein Freiwilligenprogramm fand weniger Anklang als erhofft. Der Betriebsratsvorsitzende Nico Bloem beklagt, Kollegen würden genötigt, an dem Programm teilzunehmen – andernfalls werde mit Kündigung gedroht. Seine Forderung: Die Werft solle weiter auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten und dafür die Arbeit von Werkvertragsfirmen einschränken.

Von OZ