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MV aktuell Die Kolosse von der Öhe: Wie auf einer kleinen Insel bei Rügen Wasserbüffel gehalten werden
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Wasserbüffel auf der Öhe: Wie die Tiere auf die kleine Insel bei Rügen kamen

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18:00 25.12.2021
Die schwarzen Kolosse sind neugierig und mögen Streicheleinheiten: Mathias Schilling hält 23 Wasserbüffel auf seiner Öhe. Das 75 Hektar große Eiland liegt gegenüber von Schaprode, das sich auf Rügen befindet.
Die schwarzen Kolosse sind neugierig und mögen Streicheleinheiten: Mathias Schilling hält 23 Wasserbüffel auf seiner Öhe. Das 75 Hektar große Eiland liegt gegenüber von Schaprode, das sich auf Rügen befindet. Quelle: Christian Rödel
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Schaprode

In den langen Greifarmen des Traktors steckt ein gut 250 Kilo schwerer Strohballen. Langsam senkt René Kenzler (41) die Fuhre auf der schneebedeckten Weide ab. 23 große Augenpaare verfolgen jede Bewegung. Kenzler muss sich beeilen, um das Netz vom Ballen zu ziehen: Denn die bis zu eine Tonne schweren Wasserbüffel fangen an zu spielen: Mühelos schleudern sie die Strohladung umher. Die Kolosse sind auf der Öhe – das Mini-Eiland liegt direkt gegenüber von Schaprode auf Rügen – in ihrem Element.

Respekt vor den Kraftpaketen

Mathias Schilling (40) beobachtet seinen Mitarbeiter und das Toben der schwarzen Kraftpakete. Er lächelt. „Die Büffel lieben morastige Flächen. Im Sommer sind sie häufig bis zum Kopf im Wasser verschwunden“, erklärt der studierte Landwirt. Selbst Kälte und Schnee scheinen die Tiere kaum zu beeindrucken. Statt sich in den Stall zu begeben, sind sie auf der Wiese zu finden.

René Kenzler (41) befreit einen Strohballen vom Netz. Dann toben sich die Wasserbüffel auf der Öhe an der Fuhre aus. Quelle: C. Rödel

Seit gut einem Jahr halten er und seine Frau Nicolle (44) in ihrem Bio-Betrieb diese robusten Vierbeiner mit den imposanten Hörnern. Sie sind eine besondere Facette des rund 120 Tiere zählenden Nutztierbestandes auf dem 75 Hektar großen Mini-Eiland.

Angst vor den intelligenten Kolossen hat er nicht. Aber Respekt, wie er sagt. Trotz ihres Gewichtes seien Wasserbüffel erstaunlich schnell. Um sie zum Beispiel in bestimmte Bereiche des weitläufigen Koppelgeländes zu treiben, brauche es eine Menge Geschick. 

Auf den Salzwiesen der Ostseeinsel, die sich seit 700 Jahren in Familienbesitz befindet, grasen seit mehr als zehn Jahren unter anderem Rinder und Schafe. Weitere insgesamt 180 Rinder sind beispielsweise auf Hiddensee zu finden.

Die Insel Öhe (l. u.) ist nur durch den etwa 30 Meter breiten Strom von Schaprode (r.) auf Rügen getrennt. Vom Mini-Eiland blickt man auf die Insel Hiddensee (M.). Quelle: Christian Rödel

Gut 1000 Tiere leben im Nordosten

Noch sind Wasserbüffel auch im Nordosten etwas Besonderes. Doch allmählich verlieren die wertvollen Nutztiere ihren Exoten-Status. „Bundesweit werden bereits mehr als 8000 Tiere gehalten“, erklärt Peter Biel (78) aus Hatten (Niedersachsen). Alljährlich wachse deren Zahl um gut 1000, erläutert der Präsident des Internationalen Förderverbandes zum Einsatz des Wasserbüffels.

Bundesweit bereits mehr als 8000 Wasserbüffel

Aktuell werden in Deutschland laut Internationalen Förderverband zum Einsatz des Wasserbüffels bereits mehr als 8000 Tiere gehalten. Tendenz steigend.

Bereits vor gut 20 Jahren begann Peter Biel (78) aus Hatten (Niedersachsen) mit der Haltung der robusten Tiere. Während seine ersten Büffel aus dem Berliner Zoo stammten, kommen die Pflanzenfresser nunmehr auch aus klassischen Büffelzucht-Ländern wie Italien, Rumänien und Bulgarien.

Nach Gründung der Büffel-Farm im Jahre 2001 stand für den Präsidenten des Förderverbandes nicht die Produktion von Büffelfleisch oder Büffelmilch für die Mozzarella-Produktion im Vordergrund. Vielmehr ging es um die Zucht der Tiere. Denn sie eignen sich besonders gut für die Landschaftspflege.

Die Tiere der Rasse Bubalus bubalisbewahren unter anderem vernässte Flächen und Moorgebiete vor der Verbuschung und Verwilderung. 

Bis zu 60 Tiere, einige Nachkommen sind auch auf der Insel Rügen zu finden, hielt Biel in Spitzenzeiten. In diesem Jahr gab er aus Altersgründen seine Herde ab.

„Im Nordosten sind aktuell 1008 Tiere registriert. In 25 Betrieben werden Wasserbüffel-Kälber aufgezogen“, sagt Britta Bockholdt, Abteilungsleiterin der Qualitätsprüfungs- und Dienstleistungs GmbH MV in Güstrow (Landkreis Rostock).

Die schwarzen Kolosse werden nicht nur aufgrund ihres außergewöhnlich guten Fleisches und ihrer für die Mozzarella-Produktion nötigen Milch sehr geschätzt. „Sie sind gerade auf moorigen Flächen wichtige Landschaftspfleger, da sie unter anderem Schilf fressen und die Areale vor Verbuschung schützen“, erklärt Biel.

Idee vom geschlossenen Kreislauf

Seit 2006 sind die Schillings die Herrscher auf diesem so zauberhaft anmutenden Flecken, der einst ein Rittergut war. Das Paar lebt hier mit seinen Töchtern Ida (3) und Carlotta (7): „Für uns ist es eine Jahrhundert-Chance!“

Also pure Idylle im Schaproder Bodden? „Es ist jedoch ein großer Unterschied, auf die Öhe zu blicken oder es umgekehrt zu probieren. Nämlich dann, wenn man von der Öhe leben möchte“, verdeutlicht der gelernte Hotelfachmann.

Das einstige Rittergut

Die Geschichte der Insel Öhe, die sich bereits 700 Jahre in Familienbesitz befindet, ist sehr ereignisreich. Laut historischen Überlieferungen begann 1478 mit Curdt von der Oehe die Stammreihe des Adelsgeschlechts.

1876 übernahmen Lauretta und Ida Schilling-Oehe die Insel. Vor 100 Jahren erbte Wilhelm Schilling – Großvater des heutigen Besitzers Mathias Schilling – das Eiland. Er lebte hier mit seiner Frau Wera.

Seit 1956 erfolgte laut Mathias Schilling die „Zwangsbewirtschaftung“ der Flächen durch das Volkseigene Gut Tierproduktion Granskevitz und die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft „Morgenrot“. Nach der Wende bewirtschaftete die Familie Schilling ihr Eigentum wieder selbst. Mathias Schilling, der in Schleswig (Schleswig-Holstein) aufgewachsen ist, übernahm die Insel im Jahre 2006.

Vor genau 100 Jahren hat Großvater Wilhelm die Insel geerbt. Anders als der Mediziner, der das Auskommen der Familie als Landarzt sicherte, setzt Enkel Mathias vor allem auf Bio-Landwirtschaft und Gastronomie. Konkret auf einen geschlossenen Kreislauf. Das, was man auf den hiesigen Salzwiesen produziert, wird von Spezialisten auf Rügen und in Stralsund verarbeitet.

Angeboten werden die Rind-, Büffel- und Heidschnucken-Spezialitäten mittlerweile in zwei eigenen Hofläden und vier Gaststätten auf Hiddensee und in Schaprode. In der Hochsaison im Sommer beschäftigten die Schillings bis zu 50 Mitarbeiter. Und die Produktpalette reicht von Steaks und Braten bis hin zu Rillettes, Burgern, Currywürsten und Salami.

Chefin Nicolle Schilling präsentiert in „Schilling's Gasthof" in Schaprode Wasserbüffel-Delikatessen: Filet (l.) und Burger. Quelle: Christian Rödel

Delikatessen haben ihren Preis

„Wir lassen aus Respekt vor der Kreatur ganze Tiere verarbeiten. Und unser Angebot richtet sich nach der Verfügbarkeit“, sagt Nicolle Schilling. Deshalb stehe etwa Wasserbüffel-Filet in Schilling’s Gaststube in Schaprode nicht immer auf der Karte, so die Chefin.

Die gebürtige Demminerin (Mecklenburgische Seenplatte) macht deutlich: Diese Delikatessen haben ihren Preis. So kostet in diesem urig eingerichteten, im 19. Jahrhundert errichteten Gemäuer das Filet 35 Euro. Ein Wasserbüffel-Burger ist mit 16,50 gelistet. Nicht nur die Einheimischen – sie machen 60 Prozent der Gäste aus – , sondern auch die vielen Touristen ließen es sich trotzdem schmecken, versichert Mathias Schilling.

Die erneuten Corona-Einschränkungen treffen aber auch das Unternehmer-Paar auf der Öhe hart. Die Weihnachtsfeiern wurden fast komplett abgesagt und auch viele Gäste stornieren seit Wochen. Und die Ungewissheit zermürbt. Ihre „Jahrhundert-Chance“ aber wollen sich die Schillings nicht nehmen lassen.

Von Volker Penne