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MV aktuell Wasserstoff aus Öko-Strom: MV forscht an der Energie der Zukunft
Nachrichten MV aktuell Wasserstoff aus Öko-Strom: MV forscht an der Energie der Zukunft
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06:17 10.05.2019
Chemielaborant Christian Bergens (24) von der Firma Yara Rostock in Poppendorf analysiert Wasserproben. Quelle: FRANK SÖLLNER
Rostock

Ein leises Zischen, ein Summen – man hört ihn kaum, den Toyota Mirai, als er davonrollt. Hinter dem Lenkrad sitzt Marcus Heinicke, und auf dem Auto steht: „Windkraft im Tank“. Genauer gesagt: Der Wagen tankt Wasserstoff. Und das ist, wenn man Heinickes Worten folgt, nicht weniger als der Treibstoff der Zukunft – zumindest der „grüne Wasserstoff“, der mit Öko-Strom, etwa aus Windkraft, produziert wird.

Heinicke fährt den Wagen nicht nur aus Spaß. Als der Leiter für Energieprojekte Mecklenburg-Vorpommern des brandenburgischen Windenergieunternehmens Enertrag ist er als Botschafter für Windkraft-Wasserstoff unterwegs. Und somit für die sogenannte Sektorkopplung, die, grob gesagt, bedeutet: Öko-Strom wird auch für die Wärmeversorgung und den Verkehr eingesetzt. „Aus der Stromwende kann durch die Sektorkopplung eine wirkliche Energiewende werden“, sagt Heinicke.

„Grüner Wasserstoff“ als Energielieferant der Zukunft

Nicht nur als Antrieb für Autos könnte Wasserstoff künftig dienen, sondern auch für Schiffe, Züge und sogar Flugzeuge. Die Ökostrombranche scheint jedenfalls davon überzeugt zu sein, dass „grüner Wasserstoff“ der Energielieferant der Zukunft sein wird. Auch die Landesregierung von MV macht Druck, die Sektorkopplung voranzutreiben. Nur so lasse sich sicherstellen, dass der Strom verbraucht werde, wenn er da sei, sagte unlängst der SPD-Abgeordnete Philipp da Cunha. Bislang müssen Windräder oft abgeschaltet werden, wenn der Wind besonders kräftig weht, weil das Netz den Strom nicht mehr aufnehmen kann.

Die Sektorkopplung biete „die Chance, aus Wind die regionale Nutzung mit grüner Wärme, grünem Gas und grünem Strom zu ermöglichen“, betont Heinicke. Das Prinzip: Mit Öko-Strom wird in einem Elektrolyseverfahren das Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten und der Wasserstoff als Energieträger genutzt. Der Prozess ist zwar noch energieaufwendig und teuer, gilt laut Experten aber als eine Schlüsseltechnologie zur Energiespeicherung und Umsetzung der Energiewende.

Mehr Wasserstoff im Gasnetz

Im Nordosten wird die Sektorkopplung – auch „Power to X“ genannt – in einigen Projekten erforscht. Etwa mit dem Projekt „Power to Gas“ bei Greifswald. Dort arbeitet Enertrag mit der Gasversorgung Vorpommern Netz GmbH zusammen. Ziel der Kooperation: Der Anteil von Wasserstoff im Erdgas soll von derzeit einem Prozent auf künftig fünf bis zehn Prozent erhöht werden, um „die Umweltverträglichkeit des Brenngases weiter zu steigern“.

Lesen Sie den OZ-Kommentar zum Thema: Menschen müssen einbezogen werden

Auch die Industrie richtet den Blick auf den Öko-Wasserstoff. So will z. B. der norwegische Düngemittelhersteller Yara, der einen Standort in Poppendorf (Landkreis Rostock) betreibt, die Produktion von Ammoniak mithilfe von Wasserstoff künftig „sauberer und nachhaltiger“ gestalten. „Derzeit beteiligen wir uns an der Forschung zum Einsatz von Wasserstoff bei der Ammoniakherstellung“, sagt Yara-Prokurist Donald Höpfner. Yara kooperiert dabei unter anderem mit Enertrag in dem Forschungsprojekt Campfire.

Windstrom wird in der Region vermarktet

Ein weiterer Vorteil: Durch die Sektorkopplung könne der Strom in der Region vermarktet werden, sagt der Vorsitzende des Windenergie-Netzwerks MV, Andree Iffländer. Der Windstrom wird also dort verbraucht, wo er produziert wird, und muss nicht in ferne Regionen transportiert werden. Einen Beitrag, diese neue Technologien zu erforschen, soll das vor Warnemünde geplante Offshore-Testfeld leisten.

Gegenwärtig decken erneuerbare Energien den Bedarf an Strom in Deutschland zu 36 Prozent, bei Wärme 17 Prozent, bei der Mobilität fünf Prozent. Bis zum Jahr 2050 – so das Ziel der Bundesregierung – sollen alle drei Bereiche zu 90 Prozent aus erneuerbaren Energien bedient werden. Um die Energiewende zu erreichen, werde man also „Unmengen an Wasserstoff brauchen“, sagt Iffländer.

Zu hohe Abgaben bremsen Entwicklung

Ein Problem seien jedoch die aktuellen Rahmenbedingungen. Dafür sei eine grundlegende Reform des Abgabesystems notwendig, sagt der Schweriner Energieminister Christian Pegel (SPD). Eine Möglichkeit wäre, auf Strom einen niedrigeren Steuersatz anzuwenden, ergänzt Iffländer.

Es könnte also noch dauern, bis Heinickes Wasserstoff-Toyota Gesellschaft auf den Straßen bekommt. Bislang gebe es in MV erst eine Tankstelle in Rostock, an der man Wasserstoff tanken könne. Rund 500 Kilometer kommt die rund 60 000 Euro teure Limousine mit einer Tankfüllung von fünf Kilogramm Wasserstoff, für die Heinicke etwa 45 Euro bezahlt.

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