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MV aktuell Wendelstein: Rost bremste Spitzenforscher aus
Nachrichten MV aktuell Wendelstein: Rost bremste Spitzenforscher aus
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07:27 21.12.2018
Prestigeprojekt der Plasmafusions-Forschung: Wendelstein 7-X in Greifswald hatte ein Problem mit Rost im Kühlsystem. Quelle: dpa
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Greifswald

Das weltweit bekannte Forschungsprojekt Wendelstein 7-X in Greifswald ringt mit einem Rost-Problem im Kühlsystem. Die Spitzenforscher ahmen in der Plasmafusionsanlage Energiegewinnung nach dem Vorbild Sonne nach. Dafür zahlen Land, Bund und EU pro Jahr rund 60 Millionen Euro – inklusive des Standorts Garching/Bayern etwa das Doppelte. Was bisher geheim blieb: Ein Teil des Kühlsystems musste wegen Mängeln an Schweißnähten erneuert werden.

Bei Inspektionen am ersten von drei Bauabschnitten seien vor zwei Jahren „Oberflächenmängel an den Verbindungen“, Schweißnähten, an Rohren und Armaturen festgestellt worden, bestätigen Prof. Thomas Klinger, Projektleiter von Wendelstein 7-X, und Prof. Sibylle Günter, Wissenschaftliche Direktorin des Instituts. Verantwortlich sei die beauftragte Firma – die nach OZ-Informationen mittlerweile in Insolvenz ist.

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Rückstände im Kühlwasser

Die Mängel könnten zu Rückständen im Kühlwasser führen, sodass innerhalb der Maschine Rost entsteht. Klinger und Günter versichern: Es habe „keinerlei Gefahren für Personen und Umwelt“ gegeben. Günter: „Es bestand keine Gefahr für den Betrieb der Anlage.“ Gesamtkosten der Kühlung: 17 Millionen Euro. Sie habe „keine sicherheitsrelevante Funktion“.

Nach Instituts-Angaben hat das Auswechseln von Teilen des Kühlsystems rund 180 000 Euro gekostet. Nachteile für das Experiment Wendelstein 7-X gebe es nicht. Das zweifeln Insider an.

Kühlung erstreckt sich tief ins System

Auswirkungen auf das Experiment seien „nicht abschätzbar“. Denn die Kühlung erstrecke sich tief ins komplexe Gesamtsystem. Herzstück ist ein eine Art Riesen-Spule, in der über ein Magnetfeld Energie erzeugt wird. Weiterer Kritikpunkt: Ausgerechnet der Nachfolger der Firma, der die Mängel im ersten Bauabschnitt der Kühlung verursacht habe, sei jetzt auch beim dritten Abschnitt wieder im Boot. Klinger und Günter bestätigen: „Wirtschaftliche Randbedingungen“ hätten zur Vergabe „eines kleinen Teils“ des Auftrags an die Firma geführt.

Die Arbeiten würden „konsequent überwacht, um Mängel wie beim ersten Bauabschnitt auszuschließen“. Die Mängel seien im Sommer 2016 bemerkt worden; damals erklärte Klinger allerdings auf OZ-Anfrage: „Schweißverbindungen sind durchgängig qualifiziert.“ Gelegentlich könnten Fehler auftreten.

Bildungsministerium weiß von Problemen

Das Bildungsministerium in Schwerin wisse von den Korrosionsproblemen, so Sprecher Henning Lipski. Er verweist auf ein mehrstufiges Kontrollverfahren. Ein Projektrat habe Kenntnis erhalten und die Lösung gebilligt. Das bestätigt auch das Bundesministerium für Forschung. Wendelstein 7-X sei ein „herausragendes Forschungsprojekt, das Wissenschaftler aus der ganzen Welt anzieht“, so Lipski.

Seit 1996 sei eine Milliarden-Summe in das Projekt geflossen, erklärte Klinger kürzlich. Allein zehn Jahre habe die Montage gedauert, das erste Plasma wurde im Dezember 2015 erzeugt. Im Sommer 2018 vermeldete das Institut einen Weltrekord bei Temperaturen und Dichte des Plasmas. Vorbild ist die Sonne, wo bei der Fusion von Wasserstoffkernen zu Helium unter hohem Druck und hohen Temperaturen gigantische Mengen Energie freigesetzt werden. Auf diese Weise soll in Zukunft in Kraftwerken das Energieproblem der Menschheit gelöst werden. Das Institut hat 450 Mitarbeiter in Greifswald.

Mehr zum Thema: Mehr Transparenz, bitte! – Ein Kommentar

Frank Pubantz

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