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MV aktuell Wie das einzige Windrad der DDR aufs Fischland kam
Nachrichten MV aktuell Wie das einzige Windrad der DDR aufs Fischland kam
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05:00 25.01.2019
Klaus-Jürgen Beel (76) und sein Windrad in Wustrow auf dem Fischland, das einzige das in der DDR errichtet wurde. Quelle: Gerald Kleine Wördemann
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Wustrow

Klaus-Jürgen Beel beugt sich in dem engen Trafohaus über den Tisch, blickt auf die Digitalanzeige und ist enttäuscht. „Nur 0,3 Meter pro Sekunde!“, ruft der 76-Jährige. Es herrscht beinahe absolute Windstille. Neben dem Betonhäuschen ragt das Windrad 30 Meter in den blauen Himmel. Es steht still. „Das kommt nur alle paar Jahr mal vor“, erklärt der Rostocker.

Seit fast 30 Jahren thront die Anlage vom Typ Vestas V25 auf dem Gitterturm am Ortseingang des Ostseebads Wustrow auf dem Fischland. Segler nutzen die Rotoren als Windanzeiger, für Urlauber und Einheimische ist sie eine markante Landmarke. Warum die Vestas V25 ausgerechnet hier steht, wo normalerweise keine Windmühlen sein dürfen, ist eine ganz besondere Geschichte.

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Kohle, Asche, betrunkene Heizer

Rostock, Ende der 1980er-Jahre. Dr. Klaus-Jürgen Beel leitet den volkseigenen Betrieb für Holzhandel im Stadthafen. Er bekommt den Auftrag, möglichst viele Holzbohlen für Spundwände in den Westen zu exportieren, weil das dem klammen Staat Devisen bringt. Um das Holz in gewünschter Qualität liefern zu können, braucht Beel einen Raum, um es zu trocknen – und vor allem viel Energie. Doch woher nehmen, das ist sein Problem. Der übliche Weg wäre Braunkohleverfeuerung gewesen. „Das hätte bedeutet: ein Berg Kohle, ein Berg Asche und zehn betrunkene Heizer,“ sagt Beel. Das wollte er nicht haben.

Im NDR-Fernsehen sieht Beel einen Bericht über Strom-Windräder aus Dänemark. So ein Ding im Stadthafen und alle Probleme wären gelöst. Der gebürtige Potsdamer legt los, erkundigt sich beim Seewetterdienst über Windverhältnisse. Im Energiekombinat Rostock findet er Mitstreiter. Dort experimentiert Otto Jörn mit Windrädern. Nur in den Stadthafen darf die Anlage nicht, entscheidet das Energiekombinat. Sondern nach Wustrow, wo mehr Wind weht. Speist Beel dort Strom ein, darf er in Rostock die gleiche Menge abzapfen.

Minister unterschreibt in der Raucherecke

Um eine professionelle Anlage in Dänemark kaufen zu können, muss Beel tricksen. Am Rande der Leipziger Messe holt er sich in einer Raucherecke vom zuständigen Minister die Genehmigung, die sein Generaldirektor nicht geben wollte. Mit einem Hamburger Holzhändler macht er einen Deal: Der kauft ihm das Windrad, dazu noch eine benötigte Hobelmaschine, und bekommt dafür Holz aus Rostock zum halben Preis. Eine Mauschelei unter dem Radar der strengen DDR-Außenwirtschaftsbürokratie. „Anders hätte das nie geklappt“, sagt Klaus-Jürgen Beel.

Am 12. Oktober 1989 vermeldet die „Aktuelle Kamera“ stolz, das sich in Wustrow eine Windenergierad „im Versuchsbetrieb“ dreht. Es sollte das einzige, industriell gefertigte Windrad bleiben, das in der DDR aufgestellt wurde. Nach der Wende wird das Holzkombinat privatisiert. Die neuen Besitzer aus Bayern können mit diesem neumodischem Gebilde nichts anfangen – und verkauften es Beel. Seitdem dreht es sich. Laut Windenergie-Verband ist es die älteste Anlage in Ostdeutschland, im Westen gibt es noch ein paar ähnlich betagte Geräte. 2000 Euro netto bringt die Wustrower Windmühle im Monat ein. 2020 fällt die feste Einspeisevergütung weg, dann wird es weniger. „Die Mechaniker sagen, die Anlage hält noch einmal 30 Jahre“, sagt ihr Besitzer.

Gerald Kleine Wördemann