Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Wie die Kirche den DDR-Staat 1989 in Rostock entmachtete
Nachrichten MV aktuell Wie die Kirche den DDR-Staat 1989 in Rostock entmachtete
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:19 09.11.2019
Pastor Henry Lohse (70) aus Rostock vor der Petrikirche, in der im Herbst 1989 die ersten Fürbittandachten stattfanden. Quelle: Bernhard Schmidtbauer
Anzeige
Rostock

Für Henry Lohse, den Pastor der St. Petri-Nikolai-Gemeinde, zeigt das Geschehen rund um den 5. Oktober 1989 vor allem eins – es genügen nur wenige Menschen, um einschneidende Veränderungen anzustoßen. So wie in Rostock: Am 28. September trifft sich Lohse mit Studenten der Universität Rostock, die sich im „Arbeitskreis Umwelt“ zusammengeschlossen hatten. „Mit ihnen war ich schon seit Jahren im Gespräch, beim Kirchenkaffee oder bei Gottesdiensten“, berichtet der heute 70-Jährige.

Einsatz für verhaftete Bürgerrechtler

Die jungen Leute organisieren bereits Anfang 1988 Fürbitten für verhaftete Bürgerrechtler. Die treten am 15. Januar bei der traditionellen Gedenk-Demonstration für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht – ein Heiligtum für die SED-Führung – mit Forderungen nach Veränderungen in der DDR an die Öffentlichkeit. Dabei zeigen sie öffentlich den Luxemburg-Spruch „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Ein Jahr später organisieren die Studenten die Ausstellung „Sackgasse Atomkraft“ und eröffnen sie am 26. April 1989, dem dritten Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe in der Sowjetunion. Die Ausstellung sorgt nicht nur bei den Behörden für großes Aufsehen.

„Ab Anfang September 1989 wurden dann viele Teilnehmer an den Demonstrationen in Leipzig verhaftet“, berichtet Lohse. Da sei es ganz logisch gewesen, dass die Rostocker Studenten etwas für ihre festgenommenen Freunde im Süden tun wollten. „Wir haben gemeinsam für den 5. Oktober die erste Fürbitt-Andacht vorbereitet, sie sollte in der Petri-Kirche stattfinden“, sagt Henry Lohse. An diesem Tag, es ist ein Donnerstag, passiert dann Aufsehenerregendes rund um die Andacht.

Im Herbst 1989 demonstrierten Hunderttausende in der DDR für Reformen und gegen Staatsgewalt. Auch in Rostock, Wismar, Stralsund, Greifswald und anderen Städten im Nordosten protestieren viele Menschen gegen die Zustände im Land.

700 Menschen drängeln sich in der Petrikirche

„Mittags treffe ich Manfred Manteuffel, den Referenten für Kirchenfragen beim Rat der Stadt Rostock“, erzählt Lohse. Der habe ihn gleich angefahren: Wenn die Kirche die Konfrontation sucht, dann soll sie diese haben. Dass er und andere Pastoren die Konfrontation suchen würden, das habe er zurückgewiesen.

Als die Fürbitt-Andacht um 20.00 Uhr beginnt, ist es draußen mittlerweile stockdunkel, rund um die Kirche ist nicht viel zu sehen. Kleine Gruppen von Männern, die in der Nähe herumstehen, erzeugen ein Gefühl der Angst bei denjenigen, die in die Petri-Kirche strömen. „Kommen wir heil wieder nach Hause?“, fragt sich Lohse damals. Im Nachhinein wird bekannt, dass einige Jugendliche direkt vor der Kirche abgefangen und auf einen Lkw verfrachtet werden. Die wollen zu der Andacht und fragen ausgerechnet Stasi-Leute, wo denn die Petrikirche ist. In ihrem Inneren stehen schließlich dicht gedrängt etwa 700 Menschen, die sich an dem Abend auch Informationen über das Neue Forum und andere Bürgerbewegungen erhoffen. „Wir haben aber deutlich gesagt, dass hier keine Gründungsversammlung der Bürgerbewegung stattfindet.“

Staatsfunktionäre reagieren nervös

Die Fürbitt-Andacht sei eine schlichte Geschichte gewesen, sagt Lohse. Eine Studentin aus dem erweiterten Kreis der Gruppe Umwelt habe auf ihrer Flöte in der riesigen Kirche gespielt. Man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören können. „Da läuft mir heute noch ein Schauer über den Rücken.“ Dann sei über die Demonstrationen und die verhafteten Menschen informiert worden. Für diese werden Fürbitten gehalten und die Lieder „Sonne der Gerechtigkeit“ sowie „Komm Herr, segne uns“ gesungen. Der Andrang ist so riesig, dass die Organisatoren beschließen: Wir machen weiter und laden eine Woche später erneut in die Petrikirche ein.

Im Rat der Stadt wird das sehr nervös aufgenommen. „Von Manfred Bölkow, Stellvertreter des Rostocker Oberbürgermeisters für Inneres, kommt die Warnung, dass gegen Menschenansammlungen vor der Petrikirche vorgegangen wird“, erinnert sich Henry Lohse. Dazu wäre es sicherlich gekommen, denn es sei mit weitaus mehr Menschen gerechnet worden als bei der ersten Andacht. Viele hätte vor der Petrikirche stehen müssen. Deshalb sei das Angebot aus der Marienkirche angenommen worden, dorthin auszuweichen – sie bietet einfach mehr Platz. Auch diese Entscheidung sorgt für Aufregung. „Da hat der OB-Stellvertreter gesagt: Was, in der Marienkirche, mitten in der Stadt?“, erinnert sich Lohse. Wahrscheinlich hatten die Angst vor der größeren Aufmerksamkeit. Und tatsächlich: Auch die Marienkirche ist am 12. Oktober proppevoll.

Alles zum Thema 30 Jahre Mauerfall finden Sie auf dieser Themenseite

Alle Seiten halten sich an Gewaltlosigkeit

Eine Woche später, am 19. Oktober, werden beide Kirchen geöffnet. Aber: Auch an dem Tag ist der Ansturm der Menschen erneut größer als gedacht. „Wir hatten Joachim Gauck gebeten, die Andacht vorzubereiten und in der Marienkirche zu halten“, sagt Lohse. Nach seiner Predigt und der Fürbitte gehen Zehntausende Menschen auf die Straße – erstmals in Rostock. Jede Woche werden es mehr, die demokratische Veränderungen in der DDR fordern.

„Vor der Fürbitt-Andacht am 26. Oktober haben wir erfahren, dass SED-Parteisekretäre durch die Betriebe gehen und Genossen und Kampfgruppenmitglieder auffordern, am Abend in die Kirchen zu gehen“, berichtet er. Wahrscheinlich, um Präsenz zu zeigen und anderen den Platz wegzunehmen. Er und andere kirchliche Mitarbeiter bitten daraufhin um ein Gespräch im Rathaus. „Der Rostocker Polizeichef wollte uns dabei ,aufklären’, dass für die Zulassung einer Demonstration diese und jene Voraussetzungen zu erfüllen sind“, erzählt Lohse. Da habe sein Kollege, Pastor Fred Mahlburg, ganz trocken erwidert: Wir organisieren keine Demo, die Demo macht das Volk. Stille bei den Funktionären. Während der Andacht appellieren die Organisatoren an alle, gewaltfrei zu demonstrieren. Sowohl von Seiten des Staatsapparats samt Volkspolizei als auch von den Demonstranten wird erklärt: Es wird zu keinerlei Gewalt kommen.

Bürgerkomitee sichert Demonstrationen ab

Um solchen Diskussionen in Zukunft aus dem Weg zu gehen, konstituiert sich Anfang November ein unabhängiges Bürgerkomitee. „Das fungierte gegenüber dem Rat der Stadt und der Volkspolizei als Ansprechpartner“, betont Lohse. Ziel ist es, einen friedlichen Verlauf der Demonstrationen zu sichern.

Wie notwendig der Appell an die Gewaltlosigkeit auf allen Seiten ist, wird von Woche zu Woche deutlicher. „Am 2. November war ich als Vertrauensperson bei der Demo eingeteilt worden“, berichtet Lohse. Seine Aufgabe: Er steht vor dem Haupteingang der Stasi-Bezirksverwaltung in der August-Bebel-Straße und soll Demonstranten oder andere Leute davon abhalten, mit Gewalt gegen die Stasi-Leute in dem Gebäude vorzugehen.

Eigenständige DDR war nicht umzusetzen

Für Henry Lohse ist der Herbst 1989 eine ganz besondere Zeit. Die Kirche habe damals eine ganz spezielle Rolle übernommen, die keine andere Institution in der DDR ausfüllen konnte. „Wir waren die Geburtshelfer der Demokratie, aber nicht ihr Kindermädchen“, erklärt Lohse. Er sei so, wie viele andere bürgerbewegte Menschen, euphorisch gewesen im Herbst 1989 und bis ins Frühjahr 1990 hinein. „Wir wollten eine andere DDR aufbauen“, sagt er. Einzelne Mitstreiter hatten jedoch bereits im Oktober 1989 gesagt: Es geht auf die Vereinigung beider deutscher Staaten zu. Einer von ihnen ist Joachim Gauck.

An einem guten Jahr, vom September 1989 bis zum Oktober 1990, sei die ungeheure Dynamik der gesellschaftlichen Bewegung in der DDR abzulesen: „Es wurde alles weggespült, wie von einem brechenden Staudamm“, betont Lohse. Aber auch die alte Bundesrepublik habe sich dadurch verändert. Und sukzessive hat sich doch vieles aus der DDR in der Bundesrepublik durchgesetzt.

Leitung der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Florenz

Nach dem Herbst 1989 engagiert sich Henry Lohse in der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt. Er wird aber nicht Mitglied einer Partei, wie so viele seiner Pastoren-Kollegen. „Ein Höhepunkt für mich war die Gründung des Evangelischen Kindergartens in Rostock am 1. April 1994“, berichtet er. Und das die Petrikirche 1994 endlich wieder ihren spitzen Turm erhält, sei ein großer Glücksmoment gewesen.

2012 geht Henry Lohse in den Ruhestand. Unruhestand wäre vielleicht ein besseres Wort für diesen Lebensabschnitt. Im ersten Halbjahr 2014 übernimmt er die Leitung der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Florenz. „Das war ein absoluter Zufall, dass ich das Angebot während einer Italienreise bekam“, erzählt er. In Florenz kann er seinen reichen Erfahrungsschatz aus über 35 Dienstjahren als Pastor nutzen. Und: Seine ruhige und ausgleichende Art, mit der er im Herbst 1989 Konflikte gelöst hat, ist dabei auch von Vorteil.

Lesen Sie auch:

30 Jahre nach dem Mauerfall: Geringe Löhne sorgen für großen Frust in MV

Geburtstag zum Mauerfall: Marias ganz persönliche Freiheit

30 Jahre nach Mauerfall: Vielen in MV geht es besser – Unzufriedenheit aber bleibt

Von Bernhard Schmidtbauer

Prora-Experte Stefan Stadtherr Wolter hat Briefe eines Ehepaars aus 15 Jahren zusammengestellt. Der Autor plädiert an diesem Beispiel für einen sachlichen Umgang mit DDR-Biografien.

09.11.2019

Volker Höffer leitet das Stasi-Unterlagen-Archiv Rostock und engagierte sich im Herbst 1989 in Rostock. Die Antworten des früheren DDR-Staatschefs Egon Krenz im OZ-Interview kann er so nicht stehen lassen. Ein Gastkommentar.

13.01.2020

Kritische Nachfragen unerwünscht: Wie der frühere Vorsitzende des Staatsrates der DDR Egon Krenz versucht, in die Arbeit von Journalisten einzugreifen, als würden die Medien noch immer ihm und seiner Staatsführung untergeordnet sein.

13.01.2020