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MV aktuell Zum Glück zu spät: Wie ein Usedomer knapp dem Todesdampfer „Gustloff“ entgangen ist
Nachrichten MV aktuell Zum Glück zu spät: Wie ein Usedomer knapp dem Todesdampfer „Gustloff“ entgangen ist
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19:43 14.08.2019
Die Versenkung der „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945 durch ein russisches U-Boot forderte nach Schätzungen rund 9000 Todesopfer. Quelle: Archiv
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Karlshagen

Das NS-Kreuzfahrtschiff „Wilhelm Gustloff“ sollte 1945 nahezu 10 000 Zivilisten aus Gotenhafen (heute Gdynia in Polen) über die Ostsee Richtung Westen bringen. Bei der Überfahrt wird das Schiff von drei Torpedos getroffen. Nahezu 90 Prozent der Passagiere sterben in den kalten Fluten. Das Unglück ereignete sich kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Die Ostsee-Zeitung hat in der Vergangenheit das Schicksal einiger Überlebender aufbereitet. Zuletzt erschien die Geschichte von Christel Schriever, die als Siebenjährige – getrennt von ihrer Familie – alleine auf dem Kreuzfahrtschiff war, überlebte und über Umwege im mecklenburgischen Nienhagen gelandet ist.

Die letzte Möglichkeit zur Flucht?

Nachdem Jürgen Rosenthal aus Karlshagen auf Usedom die Geschichte Schrievers in der Ostsee-Zeitung gelesen hat, meldete er sich per Mail in der OZ-Redaktion. Wie er und seine Familie dem Unglück entgangen sind, schildert er mit seinen eigenen Worten.

Jürgen Rosenthal hatte als zweijähriger Junge Glück, mit seiner Familie zu spät am Gustloff-Kreuzfahrtschiff angekommen zu sein. Quelle: Jürgen Rosenthal

Ende Januar 1945, ich war gerade zwei Jahre alt, versuchte meine Familie das fast eingeschlossene Danzig zu verlassen. Sie war seit dem 18. Jahrhundert dort heimisch. Die „Gustloff“ schien eine Möglichkeit zu sein, aus der belagerten und bombardierten Stadt herauszukommen. Andere Versuche auf dem Landweg – mit der Bahn oder zu Fuß – waren bereits gescheitert.

Ohne Männer nicht an Bord

Unter Führung meiner Mutter machte sich die Familie – bestehend aus zwei Frauen, zwei Babys (Zwei und knapp ein Jahr alt), zwei Männern (beide schwer krank) und ein paar Verwandten auf den Weg zum Hafen, um die Evakuierungsschiffe zu erreichen. Wir waren schon fast an Bord, da wurde jedoch plötzlich verfügt, dass nur noch Frauen und Kinder an Bord durften. Meine Mutter brach die Aktion ab und hielt die Männer und somit die Familie zusammen. Das war keine leichte, aber offensichtlich gute Entscheidung.

Es wurde der Weg über Land, zu Fuß, teilweise mit der Bahn oder anderen Mitfahrgelegenheiten angetreten. Mutter und Großmutter haben übermenschliches geleistet, da die beiden kranken Männer nicht mehr in der Lage waren zu helfen. Mein Bruder Manfred, geboren im Juli 1944, starb mit sieben Monaten, in einer kalten Nacht bei Schievenhorst an Lungenentzündung.

Bildergalerie: Schiffsunglücke auf der Ostsee

Klicken Sie hier, um eine Übersicht über Schiffsunglücke auf der Ostsee, die sich in den letzten Jahren ereignet haben, zu sehen.

Ein langer Weg nach Binz

Die Familie erreichte irgendwann und nach vielen Umwegen die Oder bei Stettin, danach ging es am Ostufer weiter Richtung Süden. Das Ziel: Berlin. Bei Küstrin ging es über die Oder und dann wurde der Treck nach Norden abgeleitet, sodass irgendwann und irgendwie Stralsund erreicht wurde. Von dort setzten wir nach Rügen über.

Bei Binz wurden die Flüchtlinge zuerst im Jagdschloss Granitz und dann nach und nach in Binz in den leerstehenden Hotels und Pensionen untergebracht. Wir erhielten mit mehreren Familie einen Raum im Kaiserhof des Kurhauses. Als die Rote Armee das Haus übernahm wurden wir ausgewiesen und in der ehemaligen Post im Haus Zeppelin untergebracht. Die mehrmonatige Flucht war endlich zu Ende.

Lebensabend auf Usedom

Wir haben dann noch bis 1978 dort in Binz gelebt, gearbeitet und geheiratet und Nachwuchs gezeugt. Bis heute bleiben viele gute Erinnerungen an diese Zeit. Andere aus der weiteren Familie hatten weniger Glück und kamen auf der Flucht ums Leben. Nur eine Tante und deren Sohn überstanden die Strapazen und kamen über Thüringen nach Stuttgart.

Meine Mutter (* 1906), mein Vater (*1891), meine Großeltern (*1882/1884) sind dort auch verstorben. Wir sind dann aus beruflichen Gründen nach Berlin verzogen und beschließen nun unseren Lebensabend auf der Insel Usedom, mit Blick auf Thiessow und die Greifswalder Oie.

Eine Rückkehr nach Jahren

Ich habe Danzig zum ersten Mal 1962, anlässlich einer Flottenfahrt der Volksmarine, gesehen und bin dann nochmals mit meiner ganzen Familie zu meinem 65. Geburtstag für einen mehrtägigen Ausflug dorthin gefahren – um ihnen diese schöne und wieder aufgebaute Stadt zu zeigen.

Sie wissen etwas über die Gustloff?

Haben Sie vielleicht selber etwas im Zusammenhang mit der Wilhelm Gustloff erlebt und möchten darüber reden? Dann wenden sie sich per Mail an rostock@ostsee-zeitung.de. Alternativ können Sie uns auch per Brief schreiben (Ostsee-Zeitung, Richard-Wagner-Straße 1A, 18055 Rostock) oder uns telefonisch erreichen (0381 365 0).

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Von Jürgen Rosenthal / Moritz Naumann

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