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MV aktuell Allein auf der „Wilhelm Gustloff“: Wie eine Frau aus Nienhagen den Untergang erlebte
Nachrichten MV aktuell Allein auf der „Wilhelm Gustloff“: Wie eine Frau aus Nienhagen den Untergang erlebte
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20:09 12.08.2019
Eine Szene aus dem „Gustloff“-Film des ZDF. Als Kulisse für Gotenhafen diente der Hafen von Stralsund. Quelle: UFA/Elektrofilm
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Nienhagen

Immer dann, wenn der 30. Januar eines Jahres näher rückt, wird Christel Schriever unruhig. „Ich träume dann schlecht und bin schwer genießbar.“ Denn was sie als junges Mädchen an genau diesem Tag vor 74 Jahren erlebt hat, beschäftigt sie bis heute.

Alleine, ohne Eltern, war sie auf der „Wilhelm Gustloff“ – auf dem NS-Kreuzfahrtschiff, mit dem mehr als 10 000 Zivilisten aus dem heutigen Polen evakuiert werden sollten. Christel Schriever überlebt die Überfahrt, doch 9000 Menschen sterben. Nun redet sie erstmals öffentlich darüber.

Es ist Mai. Christel Schriever schlägt in ihrem Zuhause in Nienhagen wie jeden Tag die OSTSEE-ZEITUNG auf und erblickt einen Artikel mit der Überschrift „Gustloff-Katastrophe 1945: Schrei der Ertrinkenden raubte Rostockern den Schlaf“. Sie liest den Beitrag über Horst Schön und seine Erlebnisse als Passagier auf der „Wilhelm Gustloff“. Anschließend legt sie die Zeitung auf den Papiermüll.

Doch das Gelesene beschäftigt die 81-Jährige – so sehr, dass sie am folgenden Tag ihren Lebenspartner bittet, die Zeitung aus dem Müll zu holen. Abermals liest sie den Beitrag genau. „Da stand, dass es aktuell nur noch zehn Überlebende geben würde. Das glaube ich nicht. Ich glaube, es sind mehr und ich bin eine davon“, sagt Schriever.

Christel Schriever ist als Siebenjährige von ihrer Mutter getrennt worden und anschließend auf das NS-Schiff „Gustloff“ gekommen. Erst zehn Jahre nach dem Untergang des Schiffes hat sie ihre Familie wiedergefunden. Jetzt lebt sie in Nienhagen. Quelle: Moritz Naumann

Zwischen den Gleisen

Christel Schriever ist 1937 in Stolp (heute Slupsk in Polen) geboren und dort mit drei Geschwistern aufgewachsen. Ihre Mutter lernte nach dem Tod des Vaters einen neuen Mann kennen, der mitten in den Wirrungen des Zweiten Weltkrieges zwei Söhne mit in die Familie brachte. „Mit denen habe ich mich nie richtig verstanden“, erinnert sich Schriever. Als die Rote Armee im Januar 1945 immer weiter Richtung Westen vorrückt, müssen alle Zivilisten den Ort im heutigen Polen verlassen – so auch Schrievers Mutter mit den sechs Kindern. „Ich erinnere mich an den Zug, der uns fortbrachte. Unser Waggon war wie ein Viehtransporter, bei dem man die Türen seitlich zuschiebt. Wir fanden das damals noch lustig.“

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Auf der Fahrt Richtung Westen wird der Zug von russischen Tieffliegern beschossen und zum Halten gezwungen. „Immer wieder wurde gerufen: ‚Alle raus, alle raus‘!“ Die Passagiere des hoffnungslos überfüllten Waggons drängen ins Freie. Viele – so auch Schrievers Familie – werfen sich auf den Boden. Dort verbleiben sie, bis der Angriff vorüber ist. „Dann wurde es hektisch“, sagt die heute 81-Jährige. Die Menschen drängen zurück in die Waggons und das kleine Mädchen verliert ihre Mutter und Geschwister aus den Augen. Dann schließen die Türen und der Zug fährt – ohne die damals Siebenjährige – von dannen. „Ich kann bis heute nicht verstehen, dass ich die Einzige aus der Familie war, die zurückgeblieben ist.“

Bildergalerie: Schiffsunglücke auf der Ostsee

Klicken Sie hier, um eine Übersicht über Schiffsunglücke auf der Ostsee, die sich in den letzten Jahren ereignet haben, zu sehen.

Bilder, die im Gedächtnis bleiben

Eine Schwester des Roten Kreuzes nimmt sich des kleinen Mädchens mit dem langen blonden Zopf, dem dunkelblauen Wintermantel und dem weißen Schutzkragen an. Soldaten holen die Verbliebenen mit Militärfahrzeugen ab. „Sie brachten uns an den Hafen in Gotenhagen. Dort stieg ich auf die ‚Gustloff‘“, sagt Schriever. Das Kreuzfahrtschiff des nationalsozialistischen Regimes soll so viele Menschen wie möglich in den Westen bringen und wird dabei überladen. „Eigentlich war es für maximal 3000 Passagiere ausgelegt. Aber es waren 10 000 darauf“, sagt Schriever.

Sie wird wie viele andere in einen Lagerraum unter Deck gebracht. „Ich weinte fürchterlich. Ich wollte doch nur wieder zu meiner Familie.“ Das Schiff legt ab. Nach knapp neun Stunden Fahrt und 23 Seemeilen von der pommerschen Küste entfernt wird es von einem russischen U-Boot beschossen. Drei Torpedos treffen. Schriever erinnert sich bis heute weder an den Angriff noch wie sie in eines der Rettungsboote gelangt ist.

Wrack der „Wilhelm Gustloff“ Quelle: Benjamin Barz

Vom Rettungsboot nach Nienhagen

Doch was sie anschließend sieht, vergisst sie nicht: „Das große erleuchtete Schiff fiel auf die Seite, es schrie und es stöhnte, bäumte sich noch einmal auf und ging dann langsam unter. Überall aus dem Wasser ragten Köpfe, die wimmerten und flehten.“ Aufgrund der eisigen Temperaturen von fast -20 Grad Celsius halten die Wehklagen aber nicht lange an. Knapp 90 Prozent der Menschen an Bord sterben – damit markiert dieser Untergang das Schiffsunglück mit den meisten Toten im 20. Jahrhundert.

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Christel Schriever wird über Wismar nach Nienhagen in ein Heim gebracht. Dort kommt sie mit vier weiteren Kindern in ein Zimmer. „Weil wir viel weinten, schickten uns die Betreuer in den Keller. Dort mussten wir in knöcheltiefen Wasser verharren, bis wir ruhig waren“, sagt Schriever. Mit dem Einmarsch der russischen Armee wird das Heim geschlossen. Etwa 65 der 70 dort untergebrachten Kinder werden von Warnemünde aus nach Dänemark gebracht. Christel Schriever kommt bei der Köchin des Heims unter. „Sie und ihr Mann hatten selber keine Kinder. Sie gaben mir eine neue Familie, waren liebe- und rücksichtsvoll.“

Eine fremde Familie

Erst rund zehn Jahre später, im Alter von 17 Jahren, beginnt sie den Verbleib ihrer biologischen Eltern zu recherchieren. Sie wendet sich an das Deutsche Rote Kreuz in Hamburg und bekommt nach etwa drei Wochen eine Antwort. „Meine Mutter, mein Stiefvater und meine Geschwister lebten mittlerweile im thüringischen Geroda. Und da ich noch nicht volljährig war, sollte ich nun zurück zu meiner Familie.“ Ein halbes Jahr lebt sie dort, doch ein Heimatgefühl will sich nicht einstellen. „Meine Zuhause war nun Mecklenburg. Und meine Familie war mir fremd.“

Kurz vor ihrer Volljährigkeit verlässt sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Elternhaus in Thüringen, ohne sich richtig zu verabschieden. „Ich hatte nie wieder Kontakt zu meiner Mutter. Sie hat mir zahlreiche Briefe geschrieben, die ich anschließend nie geöffnet und weggeworfen habe.“ Schriever kann nicht akzeptieren, dass sie damals am Zug alleine zurückblieb. „Heute bereue ich es, dass ich mich mit meiner Mutter nicht aussprechen konnte, dass es keine Versöhnung gegeben hat.“

Allein unter vielen

Trotz der vielen vergangenen Jahre hat Christel Schriever noch einen Wunsch. „Ich würde gerne wissen, wie ich es aus dem Schiff geschafft habe, wer mir geholfen hat.“ Sie hofft, dass es noch Menschen gibt, die ihr darauf eine Antwort geben können, auch wenn sie aus eigener Erfahrung weiß, dass nicht viele über solche Traumata reden. Sie selbst habe erstmals vor zehn Jahren darüber gesprochen. „Mit meinen Kindern und auch nur weil ich mich verplappert habe.“ Ob sie die Auswirkungen des Erlebten noch heute in ihrem Alltag spürt? „Ja, ich fühle mich in großen Gesellschaften einsam und manchmal unwohl. Vielleicht liegt das daran, dass ich in den schwersten Stunden meines Lebens alleine unter vielen Menschen war.“

Sie wissen etwas oder waren selbst auf der Gustloff?

Christel Schriever erinnert sich nur noch lückenhaft an die Erlebnisse als Siebenjährige. Sie ist davon überzeugt, dass ähnlich wie sie, nicht viele über das sprechen, was ihnen widerfahren ist. In Gustloff-Passagierlisten und -Namenskarteien, die dem Deutschen Roten Kreuz vorliegen, ist ihr Name nicht verzeichnet. Viele Menschen sind jedoch auch unregistriert auf das Schiff gelangt. Haben Sie Informationen, die helfen können, ihre Gedächtnislücken zu schließen? Haben Sie vielleicht selber etwas im Zusammenhang mit der Wilhelm-Gustloff erlebt und möchten darüber reden? Dann wenden sie sich per Mail an rostock@ostsee-zeitung.de. Alternativ können Sie uns auch per Brief schreiben (Ostsee-Zeitung, Richard-Wagner-Straße 1A, 18055 Rostock) oder uns telefonisch erreichen (0381 365 0).

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