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17:19 26.06.2018
Wegen zehn Euro zum Geldautomaten? Das kommt öfter vor, als man denkt. Für Direktbanken wird das zum Problem. (Symbolfoto) Quelle: Ove Arscholl
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Rostock

Wegen zehn Euro zum Geldautomaten? Das kommt öfter vor, als man denkt. „Wir haben Kunden, die mehrmals täglich zehn oder zwanzig Euro abheben“, sagt Alexander Baumgart, Sprecher der Ing-Diba. Für die Direktbank, die keine Filialen und nur wenige Automaten hat, wird das offenbar zunehmend zum Problem. Bei jeder Abhebung an einem Automaten einer anderen Bank bekommt diese von der Ing-Diba eine Gebühr, im Schnitt 1,60 Euro. Für die Kontoinhaber bleibt das Abheben kostenfrei. Viele Abhebungen von kleinen Beträgen kommen die Direktbanken besonders teuer.

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Nun zieht das Institut die Reißleine und führt zum 1. Juli einen Mindestbetrag von 50 Euro für Abhebungen am Geldautomaten ein. Andere Direktbanken wie die DKB und die Commerzbank-Tochter Comdirect haben den Mindestbetrag von 50 Euro schon vor längerer Zeit eingeführt. Schuldnerberater und Verbraucherschützer sehen das kritisch. „Leute, die wenig Geld haben, sind viel mehr auf Bargeld angewiesen als andere“, sagt Nicolas Mantseris, Schuldnerberater bei der Caritas in Neubrandenburg. Jede Einschränkung erschwere es diesem Personenkreis, erfolgreich zu wirtschaften. „Mit Bargeld ist es viel einfacher zu sehen, wie das Geld wegfließt.“ Der Experte hält für problematisch, wenn Beträge unter 50 Euro nicht ausgezahlt werden – die für Bezieher von Hartz IV oder Grundsicherung einige Tage zum Leben reichen müssen. Die Verbraucherzentralen in mehreren Bundesländern äußerten ebenfalls bereits Bedenken gegen die Einführung von Mindestbeträgen am Geldautomaten.

Weniger als 50 Euro nur gegen Extra-Gebühr

Ing-Diba-Sprecher Baumgart versichert, dass Bankkunden auch künftig noch weniger als 50 Euro abheben können, zum Beispiel im Einzelhandelsgeschäften, die diesen Service anbieten. An Geldautomaten sei es Ing-Diba-Kunden ebenfalls weiter möglich – allerdings nur, wenn sie bereit sind, für diesen „Service“ eine Extra-Gebühr von zehn Euro im Monat zu bezahlen. Wer weniger als 50 Euro auf dem Konto hat, könne kleinere Beträge auch ohne zusätzliche Gebühren abheben, verspricht die Direktbank.

Die großen Institute in Mecklenburg-Vorpommern planen bislang keine 50-Euro-Grenze. „Bei uns können auch weiterhin kleine Beträge abgehoben werden“, sagt beispielsweise Kati Ambrosat von der Sparkasse Vorpommern. Ähnliche Angaben machen die Rostocker Ostseesparkasse (Ospa) und die Deutsche Bank. Bei den Volks- und Raiffeisenbanken im Nordosten steht das Thema zurzeit ebenfalls nicht auf der Agenda, erklärt Dieter Heidenreich, Sprecher der VR-Banken in MV: „Solche Pläne haben wir nicht, bei uns können auch in Zukunft fünf Euro abgehoben werden.“ Es sei wichtig, diese Möglichkeit anzubieten, etwa für Kinder mit dem ersten eigenen Konto. Bei der Sparkassen Mecklenburg-Nordwest sei es an manchen Automaten ebenfalls möglich, nur fünf Euro abzuheben, so Sprecherin Sylvia Peukert. Bei den meisten Automaten gilt derzeit ein Mindestbetrag von zehn Euro.

Weniger als 50 Euro nur gegen Extra-Gebühr

„Die Banken würden das Bargeld am liebsten abschaffen“, sagt Schuldnerberater Mantseris. Der enorme logistische Aufwand, der dafür nötig ist, den Geldkreislauf am Leben zu halten, verursacht riesige Kosten, bietet aber keine Vorteile für die Banken. Länder wie Schweden, wo sogar die Kollekte in der Kirche mit Karte oder Handy gezahlt wird, sind schon einen Schritt weiter – Münzen und Scheine fristen hier nur noch ein Nischendasein. Einen Teil der Bevölkerung würde das überfordern, warnt Mantseris: „Zehn bis zwanzig Prozent der Haushalte haben ein massives Problem, mit Zahlen umzugehen“.

Wird nur noch digital gezahlt, steigt das Überschuldungsrisiko in dieser Gruppe an, so der Experte. Eine Lösung könnten gute Apps für das bargeldlose Zahlen mit dem Handy sein, die dem Nutzer einen guten Eindruck ihrer Ein- und Ausgaben sowie des Kontostands vermitteln.

Aber noch ist bei den meisten Verbrauchern das Bargeld das beliebteste Zahlungsmittel. Nach einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) versorgen sich 88 Prozent damit am Bankautomaten, acht Prozent am Schalter ihres Kreditinstituts. Die übrigen vier Prozent holen sich ihr Bargeld im Einzelhandel. In vielen Läden ist das schon ab einem Einkaufswert von zehn Euro möglich.

Gerald Kleine Wördemann