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02:34 28.07.2018
Renate und Werner Schönbeck aus Berlin-Wilmersdorf sind seit 60 Jahren begeisterte Anhänger der Freikörperkultur. Quelle: Foto: Timo Richter
Prerow/Ückeritz

„Ich soll mich ausziehen? Nee, lieber nicht.“ Beim ersten Kontakt mit der Freikörperkultur gibt sich Renate Schönbeck bedeckt. 60 Jahre ist das jetzt her. Heute hat die nun 80-Jährige überhaupt keine Probleme mehr damit, sich zu entblößen. Damals ziert sich die Berlinerin, immerhin ist eine halbe Fußballmannschaft mit von der Partie. Und die Männer, darunter ihr späterer Ehemann Werner, ziehen ohne Umschweife blank. Renate Schönbeck braucht eine Woche. Dann ist auch sie begeistert, spürt auch sie das nackte Vergnügen, textilfrei am Strand zu liegen oder auf dem Campingplatz zu sein. Sie und ihr Mann Werner Schönbeck zählen heute zu den Urgesteinen der FKK-Anhänger auf dem Regenbogen-Camp bei Prerow – dort, wo schon seit Jahrzehnten nackt gebadet wird.

Sie waren populär in der DDR und sind es noch heute: FKK-Strände / Doch die Zahl der Nacktbader scheint seit Jahren zu schrumpfen / In MV findet jeder Zweite hüllenloses Baden vollkommen natürlich

Derzeit sind die beiden wieder da. Eine Fahne mit dem Berliner Bären flattert träge im heißen Wind, im Vorzelt kocht es vor Hitze. Bar jeglicher Bekleidung schwitzt das Paar unterm Sonnenschirm.

Früher, erinnern sie sich, waren die meisten Camper in Prerow FKK-Anhänger. „Alle waren nackt“, sagen Renate und Werner Schönbeck unisono. Und wer nicht nackt war, musste sich von der FKK-Gemeinschaft deutliche Sprüche anhören.

Heute ist das ganz anders. Nur noch ein kleiner Teil des riesigen Campingplatzes an der Grenze zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft ist FKK-Anhängern vorbehalten. Und selbst da glänzt immer seltener Haut in der Sonne, sondern glitzern Bikinis im Wettstreit mit der Ostsee. Die Zahl der FKK-Camper ist seit langem rückläufig, sagt Resort-Leiter Mario Schünemann. Und die FKK-Gäste werden immer älter. 80 und 81 Jahre alt sind Renate und Werner Schönbeck. Sie trauern den alten Zeiten nicht nach. Sie sind ja wie einst auch heute überall, wo es geht, nackt unterwegs. Zum Einkaufen auf dem Campingplatz oder beim Besuch einer Gaststätte tragen sie aber Kleidung.

Für die Berliner ist FKK keine Religion, keine Philosophie, sagen sie. „Man fühlt sich einfach frei, nicht von Bekleidung eingezwängt“, meint Renate Schönbeck. Deutlich widerspricht sie Darstellungen, dass die Nackten in Prerow zu DDR-Zeiten auch völlig entblößt einkaufen gegangen seien, wie von der Schauspielerin Katrin Sass in einer Talk-Show berichtet. „Wir sind keine Nudisten.“

Als die Wende kam, habe sich aber etwas verändert in Prerow. Camper aus dem Westen hätten über die Nackten gestaunt, „als ob sie nun bei den Hottentotten gelandet seien“, wie sich Renate Schönbeck erinnert. Dennoch blieb die Ostseeküste bis heute die FKK-freundlichste Region in Deutschland. Nach Angaben des Reiseportals Expedia empfindet in Mecklenburg-Vorpommern jeder zweite Einwohner Nacktbaden als „vollkommen natürlich“. 17 Prozent der Menschen in MV gehen demnach „grundsätzlich oder häufig“ nackt baden – mehr als in jedem anderen Bundesland.

Dass FKK „immer noch angesagt“ ist, hat auch Toni Schulz festgestellt. „Es gibt genügend Urlauber und Einheimische, die Fan der Freikörperkultur sind“, sagt der Kurdirektor des Seebads Ückeritz auf Usedom. „Deshalb werden auch die FKK-Strandabschnitte keinen Zentimeter kleiner.“ Doch leider kann es schon mal zu Konflikten kommen. „Leider treten vermehrt Probleme dadurch auf, dass sich textilbadende Menschen zwischen die FKKler legen“, sagt Nadine Riethdorf, Leiterin der Kurverwaltung in Koserow auf Usedom. „Wir versuchen dann aufzuklären, dass bitte jeder seinen Bereich nutzen soll.“

Echte FKK-Fans lassen sich aber durch kaum etwas von ihrer Leidenschaft abbringen, wie die Geschichte des Campingplatzes in Prerow zeigt. 1956 wurde der Platz offiziell eröffnet. Die Nackten waren aber schon viel früher da. Mit Schildern wollten die DDR-Offiziellen die FKK-Freunde damals in die Grenzen weisen. Die Nackedeis jedoch versetzten die Begrenzungen Nacht für Nacht, bis sie fast den ganzen Platz innehatten. Die Staatsmacht platzierte daraufhin Kinder-Zeltlager mitten in die FKK-Zone – mit dem Appell an die Moral der Nackt-Camper. Am Ende waren es die Kinder, die ohne Badebekleidung in die Ostsee sprangen.

Timo Richter, Hannes Ewert, Dana Frohbös, Thomas P

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