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Wirtschaft "Rügener Badejunge" wird Franzose
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09:47 28.12.2018
Ein Camembert in den Farben Frankreichs: Die Marke „Rügener Badejunge“ übernimmt das französische Käseunternehmen Eurial. Quelle: Foto: Charlotte Schröder/Montage:Arno Zill
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Bergen

Vor 65 Jahren gab die Insel Rügen dem Traditionskäse ihren Namen. Mit Deutschlands größtem Eiland hat der „Rügener Badejunge“ künftig allerdings kaum noch etwas zu tun: Die ostdeutsche Kultmarke wird nach Frankreich verkauft. Die französische Molkerei Eurial übernimmt die Rotkäppchen Peter Jülich GmbH Dortmund (Nordrhein-Westfalen), wie deren Geschäftsführer Alexander Kolb bestätigte. Das Kartellamt muss allerdings noch zustimmen. Eurial besitzt 24 Produktionsstätten, davon 3 außerhalb Frankreichs. Jülich hatte sich 1995 die Markenrechte am „Rügener Badejungen“ gesichert.

Der Verkauf des Dortmunder Familienunternehmens umfasst auch die Käserei Altenburger Land in Lumpzig-Hartha (Thüringen), wo bisher Ziegenkäse und Weichkäse der Marke „Rotkäppchen“ hergestellt werden. Mitte nächsten Jahres soll dorthin auch die Produktion des „Rügener Badejunge“ abwandern. Denn: Deutschlands größter Milchkonzern DMK, zu dem die Inselmolkerei in Bergen seit sieben Jahren gehört, will den kleinen Standort stilllegen.

Seit 1953 wird der „Badejunge“ auf Rügen produziert

Als die Schließungspläne 2017 bekannt wurden, hatten dies eine Welle der Empörung ausgelöst. Betriebsrat und Gewerkschaft, Milchbauern, Kommunal- und Landespolitiker setzten sich für den Erhalt des Werkes ein, in dem seit 1953 der Kultkäse entsteht. Nach Firmenangaben hatte sich das Ost-Produkt zu Deutschlands als meistverkaufter Camembert etabliert. Vergebens: Nach OZ-Informationen ist das DMK offenbar bereits seit längerem mit einem potenziellen Käufer im Gespräch, der die Immobilie für Gewerbe und Wohnen nutzen will.

Für die Marke jedenfalls scheint die Zukunft gesichert. Der Verkauf an die Franzosen sei ein positives Signal für die Zukunft, betonte Geschäftsführer Kolb. Die neuen Eigentümer hätten angekündigt, die Produktion in Thüringen und die Geschäfte in Deutschland deutlich ausbauen zu wollen. Laut Kolb hätten sich die Gesellschafter der Familie mit Blick „auf die Nachfolgesituation“ und die Konzentration in der Branche zum Verkauf entschieden.

Französische Genossenschaft ist Marktführer bei Ziegenkäse

Mit der französischen Groß-Genossenschaft arbeitet das Dortmunder Unternehmen nach eigener Aussage „bereits seit mehreren Jahren vertrauensvoll“ auf dem Ziegenkäse-Markt zusammen. In Frankreich gilt Eurial mit der Marke „Soignon“ als Marktführer im Ziegenkäsesegment. Die Jülich-Gruppe beschäftigt in der Thüringer Käserei 80 Mitarbeiter sowie weitere 50 im Rotkäppchen-Markenvertrieb.

Für die Beschäftigten der Bergener Molkerei gibt es dagegen kaum noch Hoffnung auf die Rettung ihrer Jobs. Über eine Einigungsstelle hatte der Betriebsrat Anfang Dezember noch einmal versucht, die DMK-Konzernleitung umstimmen und das Käsewerk mit einem anderen Investor weiterzuführen. Dies scheint jetzt endgültig gescheitert zu sein. Die Vertreter der Belegschaft hätten alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft, sagt Jörg Dahms, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten für die Region Mecklenburg-Vorpommern. Es habe keinen Zweck, „weiter gegen Windmühlenflügel zu kämpfen“. Dahms: „Wir müssen akzeptieren, dass das Deutsche Milchkontor kein Milchwerk in Bergen will.“

In anderen Städten, so in Bützow (Landkreis Rostock) und Hagenow (Ludwigslust-Parchim), hatten Investoren aus der Milchbranche die Chance erhalten, stillgelegte Molkereien weiterzubetreiben. Aktuelles Beispiel: Drei Landwirte übernehmen das ehemalige „Fruchtzwerge“-Werk.

Gewerkschafter Dahms stellt aber klar, dass der Verkauf an einen branchenfremden Interessenten nicht blockiert werden soll. „Wir setzen nun auf einen guten Sozialplan.“

Nach Auskunft der DMK-Pressestelle in Bremen nahmen einige der zuvor 60 Beschäftigten bereits einen Arbeitsplatz an anderen DMK-Standorten an, so in Dargun und Altentreptow (beide Mecklenburgische Seenplatte). „Wir würden begrüßen, wenn weitere Mitarbeiter innerhalb des Konzerns wechseln“, sagt DMK-Pressesprecher Oliver Bartelt. „Wir sind mit mehreren Kollegen im Gespräch, um sie in anderen Werken unterzubringen.“ Außerdem gebe es Interesse aus der Fischwirtschaft, Fachkräfte aus der Lebensmittelwirtschaft einzustellen. Einige seien dorthin bereits gewechselt.

„Wir sind froh, wenn die Kollegen etwas finden“, sagt auch Gewerkschafter Dahms. Für Mitarbeiter, die älter als 50 sind und ihr ganzes Berufsleben in der Bergener Käserei gearbeitete hätten, sei dies aber schwierig.

„Badejunge“ ab Januar nicht mehr aus Milch von Rügener Kühen

Ab 1. Januar wird der „Badejunge“ jedoch nicht mehr aus Milch von Rügener Kühen hergestellt. Die Bauern der Insel haben zum 31. Dezember ihre Lieferverträge mit dem Milchkontor gekündigt. Ab kommender Woche beliefern Rügens Milchbauern die Ostmilch Berlin GmbH, die ihnen einen besseren Preis zahlt. Ostmilch will die Milch von der Insel künftig in Prenzlau (Brandenburg) verarbeiten – unter einer neuen Marke, die die Insel Rügen im Namen trägt.

Hier lesen Sie den Kommentar zum Thema.

Elke Ehlers