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Wirtschaft Smart Home findet auch in MV immer mehr Zuspruch
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06:00 16.11.2017
Der Informatiker André Huysmann (37) arbeitet als Projektmanager in der Witeno GmbH im Greifswalder Technolgiezentrum Vorpommern. Quelle: Christian Rödel
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Schwerin

Einbrecher haben beim Greifswalder André Huysmann schlechte Karten: Die Rauchmelder schlagen laut wie Presslufthämmer Alarm, eine Kamera macht Fotos und sendet sie an sein Smartphone. Smart Home nennt sich diese Technik, die in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Vormarsch ist.

Dabei stellt der Schutz vor Einbrechern nur eine Funktion dar. Mit Smart Home lassen sich beispielsweise Fenster, Licht und Heizung steuern, Pflanzen gießen, Haustiere füttern oder Kaffee kochen: „Alles geschieht per App oder komplett automatisch“, erklärt der 37-jährige Informatiker, der als Projektmanager in der Witeno GmbH im Greifswalder Technolgiezentrum Vorpommern arbeitet.

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Bedenken haben Experten und Nutzer bezüglich des Datenschutzes und der Tatsache, dass ein mit dem Internet verbundenes Heim Einbrechern leichtes Spiel ermöglicht. Huysmann verweist darauf, dass die Smart-Home-Technik nach dem Baukastenprinzip gestaltet ist. „Es können individuell gewünschte Sicherheitskomponenten gewählt werden. Wem eine App für die Haustür zu riskant erscheint, kann darauf verzichten.“

Darüber, ab wann ein Haushalt als „smart“ gilt, streiten die Experten. Einzelne Installationen, wie eine per App dimmbare Glühbirne, stehen dabei im Gegensatz zu Komplettlösungen für mehrere Tausend Euro.Beide Extreme gibt es im Nordosten: „In meinem Bekanntenkreis hat fast jeder Smart-Home-Produkte“, erzählt Jan Krog (33), Gründer des Rostocker Smart-Home-Anbieters Naon. Auch Mecklenburg-Vorpommerns Energieminister Christian Pegel (SPD) erklärt: „Da große Wohnungsgenossenschaften bereits mit Smart Home arbeiten, merkt man, wie diese Technik vorankommt.“

Katrin Fischbeck (47) aus Stralsund sieht Smart Home kritisch: „Ich bin zwar nicht technikfeindlich, aber die Heizungsanlage in unserem Haus wird von mir selbst von Hand im Keller programmiert.“ Der 61-jährige Wolfgang Fenske aus Stralsund arbeitet mit der neuen Technik bereits intensiv. „Ich nutze schon seit etwa drei Jahren eine App, um mein Haus aus der Ferne per Smartphone von innen und außen optisch zu überwachen“, erklärt er.

Für Huysmann steht indes fest, dass Vorpommern eine Vorreiterposition in der Branche einnimmt. Schließlich würden derartige Projekte hier seit Jahren realisiert. „Das Thema brennt den Menschen unter den Nägeln“, so der Experte.Dabei geht es nicht nur um Komfort: „Altersgerechtes Wohnen wird durch Smart Home erleichtert. So wird es Sensoren an Teppichen geben, die bemerken, wenn ein älterer Bewohner stürzt“, verdeutlicht Pegel (43). Er prognostiziert: „In zehn Jahren wird es keine Versicherungen für Wohnungsinventar mehr geben, ohne dass Smart-Home-Produkte vorhanden sind.“

Wenn sich Einbrecher Zugang zu einem Haushalt verschaffen wollen, werden sie dies auch tun, meinen die Experten. Auf herkömmliche Weise oder indem sie sich mühevoll durch Hackertools Zugriff zu Daten verschaffen. Positiv sei laut Huysmann aber, dass ein Smart-Home-Haushalt nicht als solcher von außen zu erkennen ist. So haben Einbrecher auch keine Kenntnis über Alarmanlagen.

Von außen können Kameras sichtbar angebracht sein. Michael Ast (29) aus Schwerin sieht darin einen Vorteil: „Kameras wirken auf Einbrecher immer abschreckend. Selbst wenn es nur Attrappen sind.“ Er selbst könne per App auf vier Kameras rund um seinen Haushalt zugreifen.

Bedenken gibt es aber auf der Nutzerseite nicht nur wegen potenzieller Einbrecher: „Wir bezahlen den zusätzlichen Komfort nicht nur mit Geld, sondern auch mit der Preisgabe unserer Daten“, verdeutlicht Krog. „Diese werden genutzt, um uns personalisierte Werbung anzuzeigen.“

Vor Nachlässigkeiten beim Datenschutz warnt der Rostocker Software-Entwickler Tom Jaster (27). Es sei alarmierend, wie wenig sich die Kunden mit ihren gekauften Produkten befassen und so die mitunter mangelhaften Sicherheitsstandards bei einigen Herstellern nicht erkennen. Der in Berlin Gebäude- und Energietechnik studierende Thore Sager (26) dagegen winkt ab: „In Zeiten, in denen Google und Facebook die Daten der Leute – vor allem Standortpositionen – förmlich hinterhergeworfen werden, ist diese Diskussion überflüssig.“

Gute Internet-Verbindung für neue Technik unerlässlich

Die Grundlagen für die Zukunftstechnologie Smart Home sind eine Internetverbindung und ein stabiles Netz. „In den ländlichen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns wird in den kommenden Jahren zunehmend Breitband verfügbar sein“, sagt der Rostocker Software-Entwickler Johannes Karow (29). Während 50 Prozent der Haushalte im Nordosten über Bandbreiten von 50 Mbit pro Sekunden (siehe Kasten) verfügen, liegt die Abdeckung im ländlichen Raum laut Schweriner Energieministerium erst bei knapp 15 Prozent.

Die Lichtsteuerung in einem Haus zum Beispiel ist zwar nicht von Breitband-Internet abhängig. Bei Kameras dagegen, die ein Foto des Einbrechers auf das Smartphone schicken können, ist das anders: „Dafür ist dann eine schnelle und gute Internetverbindung notwendig. Ein HD-Foto ermöglicht die Erkennung des Einbrechers“, sagt Jan Krog, Gründer des Rostocker Smat-Home-Anbieters Naon.

Handelt es sich um einen Haushalt, der über die Technik verfügt, aber keine speziellen Maßnahmen gegen Einbrüche trifft, haben die Fachleute Bedenken: Denn die konstante Internetverbindung ermögliche Hackern Einblicke, wann die Bewohner zu Hause seien. Gestritten wird allerdings über die resultierenden Gefahren. „Mich über das Netz zu observieren, ist aufwendig. Und ein Einbrecher muss das erst einmal können“, betont Krog. „Einfacher ist es, einen Tag lang vor meinem Haus zu parken“, versichert er.

Wie schwierig es ist, illegal an Nutzungsdaten der Bewohner zu kommen, lasse sich laut dem Rostocker Software-Entwickler Johannes Karow nicht generalisieren. Smarte Türschlösser etwa seien in der Regel „geradezu fahrlässig“ gebaut. „Deshalb werden sie regelmäßig geknackt.“ Karow rät: „Man muss vorsichtig sein: Manche Hersteller gehen mit Produkten an den Markt, bevor sie sicher sind.“ Achtung sei auch geboten, „wenn herkömmliche Handwerker smarte Türschlösser anbieten. Unternehmen bauen diese Kompetenz nicht einfach so auf“.

Karolin Hebben

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