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Wirtschaft Pflanzenschutz: Forscher untersuchen in Gülzow Alternativen zur Chemiekeule
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20:40 30.05.2019
Matthias Wuttke trägt Schutzkleidung, wenn er Pflanzenschutzmittel spritzt. Im Versuchsgewächshaus des Landesamtes für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei (Lallf) in Gülzow (Landkreis Rostock) werden alternative Methoden im Pflanzenschutz bei Zierpflanzen getestet. Quelle: Elke Ehlers
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Gülzow

Matthias Wuttke streift die grüne Jacke über. Ruckzuck, Reißverschluss zu. Mit schnellen Griffen zieht er sich die Atemschutzmaske über den Kopf. Arbeitsschutz ist oberstes Gebot. Auch wenn der Diplom-Gartenbauingenieur biologische Mittel, die dem Menschen nicht schaden, oder nur klares Wasser über die Pflanzen spritzt. Die Fuchsien im Versuchsgewächshaus sind von Mottenschildläusen befallen. Allerdings nicht zufällig: Mitarbeiter des Landesamtes für Landwirtschaft haben die beliebten Zierpflanzen sozusagen damit infiziert. Zu Versuchszwecken.

Im Gewächshaus des Landesamtes für Landwirtschaft wird getestet, mit welchen Mitteln und Spritztechniken Gärtnereien die störenden Insekten wieder loswerden können. Denn die Larven der Tierchen saugen den Saft aus den Blättern der in Südamerika beheimateten Nachtkerzengewächse. Dadurch verlieren die Pflanzen ihr frisches Grün, sterben schließlich sogar ab.

Versuchsgewächshaus in Gülzow

Die Versuche mit den Fuchsien, aber auch mit Hornveilchen, Stiefmütterchen und Blauen Gänseblümchen gehören zu den ersten, die die Pflanzenschutzexperten am neuen Standort in Gülzow (Landkreis Rostock) durchführen. Das Landesamt für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei (Lallf) nutzt dort gemeinsam mit der Landesforschungsanstalt einen großen Gewächshauskomplex. Acht gläserne Kabinen konnte das Team von Dr. Robert Schmidt dort beziehen. Rund 800 000 Euro hat die Rostocker Behörde in die Versuchsräume investiert, in denen doppelt so viel Platz zur Verfügung steht wie am früheren, veralteten Standort in Rostock-Diedrichshagen. Nutznießer der Versuche sind Gärtnereien, die Zierpflanzen oder Gemüse unter Glas oder Folie aufziehen. Gärtner müssen sich ebenso wie Landwirte darauf einstellen, dass ihnen ein Großteil der Spritzmittel künftig nicht mehr zur Verfügung steht, weil Wirkstoffe verboten und Neuzulassungen schwieriger werden.

Im Versuchsgewächshaus des Landesamtes für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei (Lallf) in Gülzow (Landkreis Rostock) werden alternative Methoden im Pflanzenschutz bei Zierpflanzen getestet.

Matthias Wuttke benetzt die Fuchsien, deren rote Blüten noch geschlossen sind. Die feinen Tröpfchen fallen von oben auf die Blätter. „So wird bis heute in fast allen Gärtnereien gespritzt“, berichtet der 38-Jährige. Doch das sei wenig effektiv, denn die saugenden Insekten sitzen an den Unterseiten der Blätter. „Wir testen alternative Sprühmethoden“, sagt Dr. Robert Schmidt, Chef der drei Mitarbeiter, die beim Pflanzenschutzdienst des Rostocker Landesamtes für den Bereich Gartenbau zuständig sind. „Wir wollen die Schädlinge direkt treffen. Dann kann weniger Spritzmittel eingesetzt werden“, erläutert der Biologe. Ausprobiert wird zum Beispiel, die Sprühlanze direkt zwischen die Pflanzen zu halten. Nachteil: Dabei können die empfindlichen Pflanzen beschädigt werden. Mit Unterstützung einer Rostocker Biotestfirma wird auch untersucht, wie Insekten auf die Wirkstoffe reagieren, ob sie möglicherweise Resistenzen ausbilden.

Lieber biologisch arbeiten

„Chemischer Pflanzenschutz ist in Verruf geraten“, weiß Robert Schmidt. Viele Gärtner wollen deshalb lieber biologisch arbeiten, „mit Mitteln auf natürlicher Basis“. In der Nachbarkabine wird deshalb untersucht, wie ein Präparat mit Substanzen aus dem tropischen Neembaum wirkt. Testobjekte sind zartlila blühende Gewächse, die der Fachmann „Brachyscome multifida“ nennt. Die ursprünglich aus Australien stammenden auch als Blaue Gänseblümchen bekannten Pflanzen finden sich inzwischen auf vielen Terrassen und Balkonkästen. Auf den Exemplaren im Gülzower „Glaskasten“ schwirren jedoch unangenehme Thripse, die der Volksmund auch Gewitterwürmer oder Fransenflügler nennt. Die etwa einen Millimeter großen Tierchen breiten sich im feucht-warmen Treibhaus schnell aus und befallen auch andere Pflanzen, etwa Rosen, Chrysanthemen und Pelargonien. „Für Gärtnereien ist das ein echtes Problem“, weiß der 63-Jährige. „Doch sie müssen schädlingsfreie Pflanzen ausliefern.“ Deshalb laufe ein groß angelegter Versuch, an dem auch Forscher in Niederachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Bayern beteiligt sind. Neben dem Neembaum-Präparat werden auch neuartige, natürliche Mittel auf der Basis nützlicher Pilze getestet.

Nützlinge können helfen

Mitte Juni beginnt zudem ein Versuch mit Nützlingen. Raubmilben sollen auf die unangenehmen Gewitterwürmer angesetzt werden. Laut Schmidt gibt es etwa 50 Nützlingsarten, die sich als natürliche Feinde zur Schädlingsbekämpfung eignen. Schlupfwespen vertilgen zum Beispiel Blattläuse, auch Florfliegen, Raubmilben und Fadenwürmer (Nematoden) können hilfreich sein. „In Brandenburg, Schleswig-Holstein und Süddeutschland, aber auch in Belgien und den Niederlanden züchten Firmen Nützlinge kommerziell“, erläutert der Experte. Allerdings: Diese Verfahren sind oft teurer als die chemische Keule. Wo Gärtner die Kosten für naturverträgliche Pflanzenschutzmittel auf ihre Produkte umlegen, werden ihre Waren teurer.

Ebenso wichtig wie die praktischen Tests im Gewächshaus sei aber die Beratung, die das Rostocker Landesamt für Profi- und Kleingärtner anbietet, betont Dr. Schmidt. Denn die Branche müsse sich ständig auf Veränderungen einstellen. „Wir informieren, was im Pflanzenschutz erlaubt ist – und was nicht mehr.“ Auch Aufklärung sei nötig, etwa über Schädlinge aus Spanien und Frankreich, „die dem Vormarsch zu uns sind“, meint der Fachmann. Schmidt: „Es birgt immer Gefahren, wenn Touristen Pflanzen mitbringen.“ Sein Tipp: „Exotische Gewächse lieber nach dem Urlaub zu Hause im Fachmarkt bestellen.“

Elke Ehlers

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