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Wirtschaft Gut Darß: Besitzer kaufen Agrar-Holding bei Rostock
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07:30 04.04.2019
Weideauftrieb auf Gut Darß: Jedes Jahr im Frühjahr werden die Öko-Rinder auf die Wiesen geführt. Bis in den Herbst halten Mutterkühe und Kälber auf den zum Teil unter Naturschutz stehenden Flächen das Gras kurz. Quelle: Timo Richter
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Rostock

Mehr Acker in immer weniger Händen: Mit dem Verkauf der Große Seewiesen-Verwaltungs- und Beteiligungs GmbH Lieblingshof (Landkreis Rostock) wechseln weitere große Agrarunternehmen in Mecklenburg-Vorpommern den Besitzer. Neue Eigentümer sind die Inhaber von Gut Darß, Marc Fiege und sein Vater Heinz Fiege. „Wir sind mitten in der Übernahme, das ist ja ein Prozess“, bestätigt Marc Fiege den Besitzwechsel, der vertraglich bereits im Januar. Der Kauf der Holding mit Standorten in Petschow, Lieblingshof, Göldenitz und Groß Lüsewitz (alle Landkreis Rostock) umfasst laut Fiege die Landwirtschafts GmbH Petschow, einen konventionell wirtschaftenden 2100-Hektar-Betrieb mit rund 600 Milchkühen und 150 Mutterkühen, sowie die Lieblingshof Bioprodukt GmbH mit rund 400 Hektar Bio-Grünland und 150 Mutterkühen. Die Seewiesen-Beteiligungsgesellschaft war 1990 von rund 230 Gesellschaftern – zumeist früheren LPG-Mitgliedern – gegründet worden. Anfang 2019 gab es noch 55 Anteilseigner.

Logistik-Konzern aus Nordrhein-Westfalen

Vor rund 15 Jahren hatten Marc Fiege und sein Vater, ein Logistik-Unternehmer aus Nordrhein-Westfalen, das Öko-Gut mit Sitz in Born (Vorpommern-Rügen) einem Agrarinvestor mit bayrischen Wurzeln, der Familie Schneider, abgekauft. Der Biohof auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst gehört mit rund 50 Mitarbeitern, gut 4600 Hektar Land zu den größten Ökobetrieben Deutschlands. Die Tiere – rund 4000 Rinder, 1300 Mutterschafe und eine Herde von mehr als 130 Wasserbüffeln – sind als „natürliche Rasenmäher“ vorrangig zur der Landschaftspflege im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft eingesetzt. Mit Ferienwohnungen und einem Kletterpark hat sich der Agrarbetrieb auch ein touristisches Standbein geschaffen.

Mitarbeiter werden übernommen

Marc Fiege versichert: „Wir wollen die beiden Betriebe bei Rostock weiterentwickeln.“ Die rund 30 Beschäftigten würden übernommen. Der langjährige Geschäftsführer, Friedhelm Thiel (60), führe den Betrieb aktuell in die Frühjahresbestellung. Fiege: „Wir wollen aber auch jungen Mitarbeiter einarbeiten, die dort Verantwortung übernehmen.“ Trotz der schwierigen Lage auf dem Milchmarkt, sollen die Milchkühe bleiben. Wie in den Vorjahren würden Raps und Weizen, aber auch Kartoffeln, Futtergras, Roggen und Zuckerrüben angebaut. Ein „Radikalschlag“ sei nicht zu befürchten, sagt der 42-Jährige. „Wir müssen aber sehen, ob alles so läuft, wie wir es vorhaben.“ Mit dem Kaufpreis für die Holding würden die 55 Anteilseigner ausgezahlt, hieß es aus der Geschäftsführung.

Verkauf an zahlungskräftige Investoren kein Einzelfall

Für Landesbauernpräsidenten Detlef Kurreck kommt die Übernahme der Petschower Holding „nicht überraschend“. Das Unternehmen habe seit längerem zum Verkauf gestanden. Dass zahlungskräftige Investoren sich in Betriebe einkaufen oder sie vollständig übernehmen, sei kein Einzelfall. Kurreck: „Ich bin da relativ leidenschaftslos. Wir haben diese Entwicklung kommen sehen.“ Aus Sicht des Bauernverbandes sei entscheidend, „dass beim Besitzwechsel der Betrieb erhalten bleibt, dass regional produziert wird, die Betriebe breit aufgestellt sind und sich im Dorf engagieren.“ Die Familie Fiege habe sich mit dem Gut Darß im Ökobereich Verdienste erworben und sei inzwischen gut in der Landwirtschaft verwurzelt. Kurreck: „Wir wünschen auch in Petschow viel Erfolg!“

Bekannte Industrielle investieren in Landwirtschaft

In MV gibt viele Agrarbetriebe, in die Geld von Industriellen floß: Der Entsorgungsunternehmer Norbert Rethmann (Remondis, Saria) und seine Söhne kauften mehrere Höfe, darunter in Kobrow, Stieten, Wamckow und Prestin.

Die schwäbische Pharma-Dynastie Merckle, der auch Firmen in der Baustoff- und Zementbranche sowie im Maschinenbau gehört, besitzt seit vielen Jahren das Gut Hohen Luckow (Landkreis Rostock), 2017 übernahm die Familie ihren Nachbarbetrieb, Agrargenossenschaft Jürgenshagen/Hoppenrade bei Bützow, indem sie den Genossenschaftsmitgliedern ihre Anteile abkaufte.

Rodo Schneider, früher Manager in der bayrischen Fleischbranche, sicherte sich Anteile an Gut Borken, Gut Darß und Hohen Wangelin. Gut Darß verkaufte die Familie später an den Logistik-Unternehmer Heinz Fiege. Auch Gut Klockenhagen bei Ribnitz-Damgarten gehört zur Schneider-Gruppe.

Silvio Dornier aus der süddeutschen Industriellenfamilie Dornier kaufte gleich nach der Wende das Gut Brook im Klützer Winkel von der Treuhand.

Möbelfabrikant Steinhoff besitzt unter anderem Gut Bartow bei Demmin. Milliardär Martin Viessmann, einer der großen deutschen Heiztechnik-Hersteller, sicherte sich ein großes Anteilspaket an der Agrargesellschaft Ducherow.

AbL: Bauernland in Bauernhand

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) steht dagegen auf dem Standpunkt: „Bauernland gehört in Bauernhand.“ AbL-Bundesgeschäftsführer Georg Janßen verlangt, „dem Ausverkauf landwirtschaftlicher Flächen an außer-landwirtschaftliche Investoren endlich einen wirksamen Riegel vorzuschieben.“ Ein Agrarstrukturgesetz und die Besteuerung der Anteilskäufe seien seit langem angekündigt – bisher ohne Ergebnis. Janßen forderte Landesagrarminister Till Backhaus (SPD) auf, in der kommenden Woche auf der Bund-Länder-Agrarministerkonferenz in Landau (Rheinland-Pfalz) „bundesweit ein Zeichen zu setzen“.

Backhaus will Gesetz, das solche Verkäufe verhindert

Vor genau einem Jahr hatte Agrarminister Till Backhaus (SPD) im Vorfeld des Landesbauerntages massiv kritisiert, dass sich Großinvestoren immer mehr Flächen in Mecklenburg-Vorpommern sichern. Die Bodenpreise seien Eine Studie des Thünen-Instituts in Braunschweig hatte festgestellt, dass schon mehr als jeder dritte Hektar in der Hand von Großinvestoren sei. Backhaus hatte auch heimische Landwirte scharf angegriffen, die ihre nach 1990 gegründeten Betriebe meistbietend an Interessenten verkaufen, die ihr Geld außerhalb der Landwirtschaft verdienen. Der Minister tritt seit längerem für ein Gesetzesinitiative ein, die solche Verkäufe künftig unterbinden sollte.

Minister: Geburtsfehler der Deutschen Einheit

Im Schweriner Agrarministerium hieß es gestern dazu, dass sich Mecklenburg-Vorpommern „mit Nachdruck dafür einsetzt, rechtliche Möglichkeiten auszuloten, die den Erwerb von Gesellschaftsanteilen durch außer-landwirtschaftliche Kapitalanleger reglementieren“. Die „einseitige Verteilung“ landwirtschaftlicher Flächen hatte Backhaus bereits mehrfach als „Geburtsfehler der Deutschen Einheit“ bezeichnet. Aber: „Das Ganze jetzt zu begrenzen und zurückzuholen, gleicht dem Versuch, Zahncreme zurück in die Tube drücken zu wollen.“ ackhaus meint aber auch, „dass man nicht alle Kapitalanleger über einen Kamm scheren dürfe“. Es gibt viele positive Beispiele, die zeigen, dass es Investoren gibt, die die Bezeichnung Heuschrecke nicht verdienen und sich in den Dörfern engagieren – wie heimische Landwirte auch.

Die Gesetzesinitiative stehe „unter dem Vorbehalt, dass es nicht zu einem Zerwürfnis zwischen der Politik und den Landwirten kommt.“ Es solle ein Gesetz „für und nicht gegen die Landwirte“ sein. Auf dem Bauerntag am Donnerstag in Linstow (Landkreis Rostock) werden die Teilnehmer Backhaus beim Wort nehmen.

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Elke Ehlers

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