Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Wirtschaft Wirtschaft in MV auf dem Weg zur Vollbeschäftigung?
Nachrichten MV aktuell Wirtschaft Wirtschaft in MV auf dem Weg zur Vollbeschäftigung?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
03:05 16.08.2017
Jens Matschenz, Geschäftsführer vom VUMV. Quelle: Cornelius Kettler
Rostock

Jens Matschenz, Geschäftsführer für Wirtschaft und Arbeit bei der Vereinigung der Unternehmensverbände MV (VUMV), spricht im Interview mit der OSTSEE-ZEITUNG über die Zukunft der Arbeit in Mecklenburg-Vorpommern.

OSTSEE-ZEITUNG: Die Arbeitsmarktdaten in MV eilen von einem Rekord zum nächsten. Welche Gründe gibt es für die anhaltend gute Stimmung in der Wirtschaft?

Jens Matschenz: Wir erleben zwar keine wirkliche Wachstumsdynamik, aber eine solide positive Entwicklung verglichen mit unseren europäischen Nachbarländern. Exportstärke, Innovationsgrad und eine starke Binnennachfrage sind die Gründe für die florierende Wirtschaft. Das „Extra-Doping“ durch niedrige Zinsen, den niedrigen Ölpreis und günstige Währungsrelationen bei den außereuropäischen Exportmärkten unterstützen diese Phase zusätzlich. Und wir sehen, dass die konjunkturelle Belebung sich weltweit stabilisiert. Das lässt dann auch verschiedene sozialpolitisch intendierte Belastungen, wie den angehobenen gesetzlichen Mindestlohn, leichter kompensieren. Das geflügelte Wort, dass Wirtschaft mindestens zur Hälfte Psychologie ist, lässt sich derzeit gut belegen. Dennoch: Die gute Konjunktur ist kein Grund zur Euphorie.

Ist die gute Konjunktur ein Selbstläufer? Welche Umstände könnten eine weiter positive Entwicklung bremsen oder gar abwürgen?

In solchen Phasen gibt es immer die Gefahr, dass Politik große Lust hat, aus der gegenwärtig guten wirtschaftlichen Lage die falschen Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Wirkung wäre ein völlig durchregulierter Arbeitsmarkt mit den entsprechend schädlichen Folgen für die Leistungsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft. Die Politik hat gegenwärtig die Spendierhosen an, weil wir es uns vermeintlich leisten können. Dabei wird gern ein Risiko übersehen: Der nächste Abschwung kommt bestimmt. Wenn man beispielsweise beim Drive der Sozialleistungen nicht schnellstens umsteuert, werden die Sozialversicherungsbeiträge von jetzt 40 bis auf fast 50 Prozent der Bruttoarbeitsentgelte steigen. Das wäre ziemlich riskant: Die Arbeitskosten und damit die Produktionskosten würden steigen und die Wettbewerbsfähigkeit sinken, was Jobs in Größenordnung kosten kann. Schon jetzt sind die Arbeitgeber mit über einem Drittel der Sozialbeiträge die größten Finanzierer des Sozialstaats. Und wir dürfen nicht übersehen, dass die deutschen Exportunternehmen im Augenblick verunsichert sind. Es ist zu befürchten, dass sich die jüngsten Sanktionen der USA gegen Russland und den Iran auch auf deutsche und europäische Unternehmen auswirken. Es bleibt abzuwarten, ob die europäischen Regierungen und die USA sich in handels- und sanktionspolitischen Fragen wieder stärker koordinieren. Auch der momentane Vertrauensverlust der deutschen Autohersteller ist gefährlich. Und zwar nicht nur für die Hersteller selbst, sondern auch für alle Zulieferer, von denen es einige auch in Mecklenburg-Vorpommern gibt. Hier hat die Autoindustrie im ureigensten Interesse die Aufgabe, sehr schnell und überzeugend zu reagieren. Die Marke „Made in Germany“ darf nicht beschädigt werden.

Sie schreiben in einer Mitteilung: „Der Trend zur Vollbeschäftigung in MV scheint nicht mehr undenkbar.“ Undenkbar schien eine solche Einschätzung noch vor einigen Jahren. Bei Vollbeschäftigung denkt man vielleicht an Bayern – aber kaum an MV, wo die Arbeitslosenquote im Jahr 2004 noch bei bei mehr als 20 Prozent lag, aktuell sind es weniger als acht Prozent. Welche Voraussetzungen müssten in der Wirtschaft erfüllt werden, um eine Vollbeschäftigung – also eine Arbeitslosenquote von zwei Prozent – zu erreichen?

In der Tat wären wir bei anhaltender Hochkonjunktur auf bestem Wege zur Vollbeschäftigung. Dass wir dieses Ziel auch in unserem Bundesland für realistisch halten, war doch – ungeachtet unterschiedlicher Begriffsauslegungen – noch vor kurzem kaum vorstellbar! Je nach Betrachtung ist Vollbeschäftigung der optimale Beschäftigungsgrad oder das Gleichgewicht zwischen Unterbeschäftigung und gesamtwirtschaftlicher Nachfrage. Klar ist aber, dass das Ziel der Vollbeschäftigung immer auch die Vermeidung von Langzeitarbeitslosigkeit einschließt. Das ist meines Erachtens gesellschaftlicher Konsens. Die Wirtschaft kann dieses Problem zwar nicht allein lösen. Aber die Unternehmen investieren angesichts immer längerer Vakanzzeiten für offene Stellen, sinkender Absolventenzahlen, unbesetzter Ausbildungsstellen und fehlender Fachkräfte immer mehr in ihr Personal. Neben Maßnahmen zur Bindung der vorhandenen Belegschaft und der Suche nach geeigneten neuen Mitarbeiter gehört dazu auch, sich die Gruppe der Langzeitarbeitslosen anzuschauen. Gemeinsam mit den Agenturen für Arbeit und den Jobcentern identifizieren die Firmen Potenziale und fassen Zeit und Geld an, um längere Einarbeitungen zu ermöglichen oder Qualifizierungslücken zu schließen. Gerade für die vielen kleinen Unternehmen ist die Integration Langzeitarbeitsloser eine riesige Herausforderung. Nicht selten sind alle Bemühungen vergeblich. Ein Zehn-Mann-Unternehmen kann nicht immer die jahrelang gewachsenen „multiplen Vermittlungshemmnisse“, wie es so schön im Fachjargon heißt, beheben. Ich glaube auch, dass wir klare Prioritäten setzen müssen. Neben der Aktivierung und Integration vieler motivierter Arbeitsloser muss eines ganz klar im Zentrum stehen: die Vererbung von Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Und ich wähle bewusst nicht den schwächeren Begriff „vermeiden“. Denn hier gilt es, aktiv, klug, koordiniert und gezielt zu handeln. Es ist nicht hinnehmbar, dass sich Bedarfsgemeinschaften dadurch dauerfinanzieren, indem die eigenen Kinder und Volljährigen von Schule, Ausbildung und Berufstätigkeit abgehalten werden. Beispiele für das süße Gift der sozialen Hängematte gibt es – ich hoffe nicht allzu viel. Die jungen Leute sind die Zukunft unseres Landes. Ihnen müssen die besten Chancen gewährt werden und sie müssen sie nutzen können. Deshalb sind wir als Arbeitgeberverbände mit eigenen Förderprojekten aktiv dabei, wie zum Beispiel Nordmetall mit „Nordchance“ und „Nordchance Plus“. Und wir führen ständig den Dialog mit der Landesregierung und der Bundesagentur für Arbeit, um gemeinsam mehr zu erreichen beim Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit. Ob das neue Instrument der sogenannten Bürgerarbeit zum Abbau von Langzeitarbeitslosigkeit effektiv und nachhaltig beitragen kann, werden wir sehen. Ich hoffe, dass auch Unternehmen dies als Chance sehen und Langzeitarbeitslose dauerhaft in Arbeit halten können.

Welche positiven Folgen hätte eine Vollbeschäftigung für die Wirtschaft in MV?

Das liegt auf der Hand: Vollbeschäftigung bedeutet, dass möglichst viele Menschen in Arbeit sind und über mehr Einkommen verfügen. Das würde natürlich auch die Binnennachfrage stärken und im volkswirtschaftlichen Maßstab die Sozialkassen entlasten. Gesellschaftspolitisch trägt Vollbeschäftigung zum sozialen Frieden bei. Das wichtigste aber ist, dass sie einen Schub für die Zukunft bedeutet. Berufliche Perspektiven legen Potenziale frei, die sich auf betrieblicher als auch volkswirtschaftlicher Ebene durch einen höheren Qualifikationsgrad, niedrigere Gesundheitskosten, verstärktes Innovationsvermögen, mehr Wettbewerbsfähigkeit und viele weitere positive Effekte bemerkbar machen würden.

Und die Kehrseite der Medaille? Welche Risiken birgt eine Vollbeschäftigung?

Ich sehen keine Kehrseite. Der Wandel zum Bewerbermarkt ist jetzt schon Realität bei Azubis und in Engpassberufen. Vollbeschäftigung ist gesellschaftlich und wirtschaftlich ein wünschenswerter und vorteilhafter Zustand. Ob in einer Abschwungphase der demografische Faktor ausreichend wirken würde, um auch dann noch in der Nähe der Vollbeschäftigung zu bleiben, kann man schwer beurteilen. Ich wäre zumindest skeptisch. Deshalb ist es wichtig, dass die Bundesagentur für Arbeit bei ihren Kernaufgaben bleibt, ihr Geld nicht verplempert und eine ausreichende Reserve von mindestens 20 Milliarden Euro für schlechtere Zeiten anlegt. Die letzte Wirtschaftskrise kostete mit Kurzarbeit und anderen Maßnahmen die Beitrags- und Steuerzahler rund 30 Milliarden Euro. Damals reichten die Reserven der Bundesagentur für Arbeitnicht einmal aus, und der Staat musste zusätzlich unterstützen. Für solche Fälle muss künftig besser vorgesorgt werden.

Viele Branchen klagen bereits seit geraumer Zeit über einen immer stärker zunehmenden Fachkräftemangel. Welche Branchen sind davon besonders betroffen? Und welche Folgen hat der Fachkräftemangel für die Wirtschaft?

Sie haben Recht. Der Fachkräftemangel wird von den Unternehmen derzeit als Hauptproblem benannt. Er ist aber immer spezifisch und konkret auf bestimmte Berufe bezogen, die sogenannten Engpassberufe. Der Wettbewerb um Köpfe und Kräfte ist bereits im vollen Gange. Die Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit zeigt, dass die Situation sich in Mecklenburg-Vorpommern nicht grundlegend von der in anderen Bundesländern unterscheidet. Berufe mit besonders langen Vakanzzeiten zwischen 123 und 42 Tagen sind: Medizinische und nicht medizinische Gesundheitsberufe, Fertigungstechnische Berufe, Fertigungsberufe, Bau- und Ausbauberufe, Sicherheitsberufe, Lebensmittel- und Gastgewerbeberufe, Verkehrs- und Logistikberuf, Handelsberufe, Reinigungsberufe, Unternehmensbezogene Dienstleistungsberufe, IT- und naturwissenschaftliche Dienstleistungsberufe, Land-, Forst- und Gartenbauberufe sowie Berufe in der Unternehmensführung und -organisation. Die Folgen des Fachkräftemangels sind erheblich. Produzierende Firmen mit Wachstumschancen können ihr Potenzial nicht umsetzen. Aufträge im Servicecenterbereich müssen aufgrund von Personalmangel abgelehnt werden. Leistungen im Tourismus müssen eingeschränkt werden und Qualitätsmängel drohen als schlechte Erfahrungen bei den Gästen in Erinnerung zu bleiben. Im öffentlichen Sektor müssen sich Bürger für zahlreiche Dienstleistungen mit langen Wartezeiten abfinden. Diese Beispiel ließen sich beliebig fortsetzen. Die Innovationsfähigkeit, das Wachstum und sogar die Existenz vieler Unternehmen in der Fläche ist bedroht, wenn es ihnen nicht gelingt, Fachkräfte zu finden. Und es geht ja nicht nur um Mitarbeiter. Auch die Nachfolge für Unternehmer entwickelt sich zu einem massiven Problem. Auch da wirkt der demografische Wandel als eine wesentlicher Faktor.

In der Gastronomie mussten wegen fehlender Mitarbeiter bereits Angebote eingeschränkt werden. 70 Prozent der Gastronomen geben an, der Personalmangel bremse ihre Entwicklung. Was müsste die Wirtschaft tun, um die Engpässe beim Personal zu beseitigen?

Viele Unternehmen tun bereits schon viel. Sie erweitern ihre Suchmethoden, professionalisieren sich im Personalthema deutlich mehr als früher und profilieren sich als Arbeitgeber. Die Palette der Leistungen und Angebote an potenzielle Mitarbeiter wird dabei immer breiter und ausgefeilter. Neben leistungsgerechter Bezahlung können dazu Dinge zählen wie Schulung und Weiterbildung, Vielfahrer-Fahrzeuge, Zuschüsse zu Verpflegungskosten und Verpflegungsmehraufwand, betriebliche Altersvorsorge, flexible Arbeitszeiten, berufsbegleitendes Studium, Zahlung einer freiwilligen Gratifikation, Arbeitgeberzuschüsse für Kinderbetreuungskosten für nicht schulpflichtige Kinder oder Sabbatical. Ganze Branchen bemühen sich, ihre Berufsbilder und Tätigkeitsfelder bekannter zu machen. Sehen Sie sich die Imagekampagnen der Handwerkskammern an oder die Initiativen der unterschiedlichen Branchen. Der häufig zitierte Begriff „war for talents“mag sich spaßig anhören. Aber dahinter steckt der Wettbewerb um die besten Nachwuchskräfte und Fachleute. Um so begrenzter die Auswahl, desto höher die Anforderungen an die Arbeitgeber. Gute Leute suchen sich heute das Unternehmen aus, nicht mehr umgekehrt. Deshalb verstehe ich den wetteifernden populistischen Ruf der Politik nach höherer Tarifbindung überhaupt nicht. Die Firmen kennen die Preise für Leistung und Kompetenz ihrer Mitarbeiter. Natürlich wirkt der Tariflohn noch als Vergleichsmaßstab und in tarifgebundenen Unternehmen als ein wichtiges Argument für künftige Beschäftigte. Aber insgesamt wirkt der Personalmarkt selbst viel mächtiger. Lebenswünsche potenzieller Mitarbeiter müssen zu den Möglichkeiten des Unternehmens passen. Wenn das gelingt, kommen beide zusammen. Und dieses Aushandeln ist nicht Sache des Staates, sondern im kollektiven Falle die der Sozialpartner und im individuellen die des künftigen Mitarbeiters und dessen Arbeitgebers. Wer gut qualifiziert ist, hat dabei natürlich bessere Chancen. Aber selbst um weniger Qualifizierte bemühen sich viele Firmen. Auch wenn sich die Wirtschaft nicht als Reparaturbetrieb für mangelnde Bildungsqualität versteht. Letztlich beißen viele Unternehmen doch in den sauren Apfel und geben Nachhilfe in Mathe und Physik, um Jugendliche mit schlechtem Schulabschluss ausbildungsfähig zu machen und letztendlich zu guten und dauerhaften Mitarbeitern zu entwickeln.

Axel Meyer

Der Nordosten hat großen Nachholebedarf bei Investitionen in Forschung und Entwicklung. Das besagt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

15.08.2017

Angesichts des Wetters ist die Nachfrage nach Mitfahrerplätzen etwas verhaltener als in den Vorjahren.

11.08.2017

Vor allem Windräder werden exportiert. Firmen in MV sind dennoch besorgt.

08.08.2017