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MV aktuell Zwei neue Rudel: Fast ganz MV jetzt Land der Wölfe
Nachrichten MV aktuell Zwei neue Rudel: Fast ganz MV jetzt Land der Wölfe
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18:32 19.11.2018
Wölfe breiten sich in MV immer mehr aus. Quelle: dpa
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Schwerin

Der Wolf erobert MV. Die Zahl der Rudel ist laut Umweltminister Till Backhaus (SPD) um zwei auf sechs gestiegen – alle mit Nachwuchs. In diesem Jahr habe Isegrim landesweit bereits 112 Haustiere gerissen, weitere 42 verletzt – Rekord. Im gesamten Vorjahr waren es etwa halb so viele. Backhaus schätzt den Wolfsbestand im Nordosten aktuell auf 80 bis 90 Tiere, „die magische Grenze von 1000 Tieren“ sei bundesweit überschritten. Er fordert: Bis Frühjahr 2019 müsse die Bundesregierung rechtssicher festlegen, wann gefährliche Wölfe, die eine Gefahr für Nutztiere sind, getötet werden können.

Mehr Schaden durch Wölfe

112 Nutztierewurden seit Jahresbeginn in Mecklenburg-Vorpommern von Wölfen getötet, 42 weitere verletzt. Vergleich zu Vorjahren: 2008 (29/12), 2010 (0/0), 2012 (15/4), 2014 (36/10), 2016 (48/24).

75 000 Euro hat das Land seit dem Jahre 2017 zum Ausgleich für Schäden gezahlt, seit 2013 wurden Präventionsmaßnahmen (Zäune/Schutzhunde) mit insgesamt 445 000 Euro gefördert, davon in diesem Jahr bereits 136 000 Euro.

Auch die Insel Usedom sei nun offiziell „Wolfsgebiet“. Bis auf Rügen und Poel gilt dies für das gesamte Bundesland. Tierhalter können dort mehr Geld für Schutzmaßnahmen gegen Wölfe wie Weidezäune oder Schutzhunde beantragen. Der Wolf sei für MV „Fluch und Segen zugleich“ so Backhaus. Einerseits sei die Rückkehr des Räubers ein „artenschutzpolitischer Erfolg“. Auf der anderen Seite könnten zu viele Wölfe vor allem in Nutztier-Beständen immer größeren Schaden anrichten. So geschehen erst vor wenigen Tagen in Sternberger Burg (Kreis Ludwigslust-Parchim). Dort haben mit hoher Wahrscheinlichkeit Wölfe zwölf Schafe so schwer verletzt, dass diese getötet werden mussten – das habe ein Gutachter bestätigt. Insgesamt stieg die Zahl der durch Wölfe getöteten Tiere in MV in den vergangenen zehn Jahren auf mehr als das Fünffache. Auch die Zahl verletzter Tiere nehme zu. Überwiegend sind es Schafe, aber auch Ziegen, Rinder oder Rentiere.

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Für Detlef Kurreck, Präsident des Landesbauernverbandes, ist das „ein Problem mit Ansage“. Es habe seit Jahren klar sein müssen, dass sich die Zahl der Wölfe erhöht. Aber leider handele Politik zu langsam. „Ich denke, uns werden die Ereignisse überrennen“, so Kurreck. Er fordert eine schnelle Bestandsaufnahme zur Zahl der Wölfe. „Dann müssen wir sagen, wie viele wir wollen und ertragbar sind“, so Kurreck. Heißt: Abschuss. „Bei anderen Tierarten machen wir das ja auch.“

Zwei Wolfsrudel sind neu: im Kaarzer Holz und in der Nossentiner Heide. In beiden Bereichen seien neben Elterntieren auch Welpen nachgewiesen. Bisher bekannt waren Rudel in Kalißer Heide, Ueckermünder Heide, Retzow-Jännersdorfer Heide und Löcknitz, teils grenzübergreifend. Dazu seien ein Wolfspaar im Forstamt Jasnitz sowie zwei Einzelwölfe (Müritz-Nationalpaark, Pritzier) bekannt. Unklar scheint dagegen die Lage in der Rostocker Heide. Ein Video, das gerade unter Jägern kursierte, zeigt mehrere Tiere (die OZ berichtete). Offiziell gebe es „bislang keine Belege, die Wölfe in der Region um Rostock bestätigen“, so eine Sprecherin des Umweltministeriums. Wolfsbeobachtungen habe es auch bei Schildfeld, Grabow, Wokuhl, Anklam und Torgelow gegeben.

Schlupp (CDU) fordert Abschuss von „Problemwölfen“

Hier solle nun verstärkte Analyse helfen. Dafür hat Backhaus zwei Wolfsmanager eingesetzt. Aufgaben: Beurteilung von Rissen, Schulung, Beratung von Landwirten. Neu sei auch eine Schadenshotline für Wolfschäden: 0170/7658887. Zwei weitere Berater sollen sich um die Interessen der Tierhalter kümmern. Tierhalter, die Schafe oder Ziegen an den Wolf verlieren, können künftig mit mehr Förderung rechnen. Ab Mitte 2019 solle eine neue Richtlinie greifen, die mehr Landesgeld vorsieht. Allein für Prävention habe das Ministerium in diesem Jahr 136000 Euro ausgereicht.

Ungeduldig ist die Landtagsabgeordnete Beate Schlupp (CDU): „Weitere Managementpläne, Ausgleichszahlungen oder Rissgutachter lösen die wachsende Probleme nicht.“ Stattdessen werde es „höchste Zeit, den Abschuss von Problemwölfen rechtlich sinnvoll zu regeln. Vermeintliche Hemmnisse aus Brüssel oder Berlin sind kein Argument dafür, die Hände in den Schoß zu legen“.

Corinna Cwielag, Bund für Umwelt und Naturschutz MV, spricht sich klar gegen eine Obergrenze und die Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht aus. Sollten die Räuber aber lernen, gezielt geschützte Nutztier-Herden anzugreifen, sei auch ein Abschuss unter bestimmten Regeln denkbar.

Wenn Menschen in Gefahr sind, könnten Wölfe übrigens jetzt schon getötet werden, erklärt Backhaus. „Kommt Wolf 30 Meter an eine Siedlung heran, dann wird er erschossen“, so der Minister.

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Frank Pubantz