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MV aktuell Wunder von Vorpommern: Abgesägter Zeigefinger als Daumen wieder angenäht
Nachrichten MV aktuell Wunder von Vorpommern: Abgesägter Zeigefinger als Daumen wieder angenäht
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17:38 22.08.2019
Unfallchirurg Dr. Adrian Obladen untersucht Christoph Kleemann nach der OP. Der Patient hatte sich mit einer Säge schwer an der Hand verletzt. Quelle: ukb
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Berlin/Greifswald

Ärzte in Berlin haben in einer mehrstündigen Operation die Hand eines Mannes aus Vorpommern gerettet, nachdem er sie sich bei einem Arbeitsunfall mit einer Kreissäge beinahe abgeschnitten hatte. „Die Bewegungsfähigkeit der Hand wird in vier bis sechs Monaten wiederhergestellt sein“, beschreibt Dr. Adrian Obladen, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Unfallkrankenhaus Berlin, den medizinischen Erfolg. Insgesamt habe die OP siebeneinhalb Stunden gedauert, sagt er.

Die Geschichte im Detail: Christoph Kleemann aus Sundhagen (Kreis Vorpommern-Rügen) hat sich mit seinem Bauservice selbstständig gemacht. Bei Holzzuschnitt-Arbeiten für einen Wintergarten geschieht am 7. August gegen 13 Uhr der Unfall: „Ich weiß gar nicht genau, wie es passiert ist, es gab einen Ruck in der Hand und ich hatte mir mit der Kappsäge Daumen, Zeigefinger und die halbe Handfläche abgeschnitten“, sagt Kleemann.

Rettungssanitäter sammeln abgetrennte Finger ein

Eine Kappsäge ist eine spezielle Variante der Kreissäge, die sich von oben nach unten auf das Holz klappen lässt. Der 37-Jährige ist eigentlich gelernter Schweißer: Volkswerft, Neptunwerft, Liebherr. Seit mehreren Jahren arbeitet er als Tischler. In die Selbstständigkeit wechselte Kleemann erst Anfang Juli, fünf Wochen vor seinem Unfall.

Der Schock habe zunächst den Schmerz verdrängt, erst als der Rettungswagen, den sein Kollege alarmiert habe, nach etwa einer Viertelstunde eingetroffen sei, habe Kleemann ein heftiges Brennen dort gespürt, wo zwei Finger noch vor wenigen Minuten Holzbretter gegriffen hatten.

So werden abgetrennte Finger transportiert

Abgetrennte Körperteile gehören zu den häufigen Arbeitsunfällen. Die Chance, ob ein Finger oder ein Arm wieder angenäht werden kann, hängt entscheidend davon ab, wie das Körperteil gemeinsam mit dem Patienten ins Krankenhaus transportiert wird. „Viele Angehörige meinen es gut und legen beispielsweise einen Finger direkt auf Eis. Das ist ein großer Fehler. Dieser Finger ist in 95 Prozent der Fälle nicht mehr für eine Replantation zu gebrauchen, weil das Gewebe durch das Eis sehr stark geschädigt wird“, sagt der Unfallchirurg Dr. Adrian Obladen.

Stattdessen gibt es die sogenannte Beutel-in-Beutel-Methode. Dazu wird der Finger trocken in ein sauberes Tuch gelegt, auch ein Taschentuch kann dafür im Notfall verwendet werden. Der eingewickelte Finger kommt trocken in einen Gefrierbeutel. Dieser Gefrierbeutel wird wiederum in einen weiteren Beutel mit Eiswasser gesteckt. Am besten aufrecht verschließen, so dass Wasser und Eis keinen direkten Kontakt mit dem Finger haben.

Bei abgetrennten Fingern kann die Zeit, in der sie wieder angenäht werden können, zwölf bis 18 Stunden betragen. Obladen: „Je größer das abgetrennte Körperteil ist, desto weniger Zeit steht uns zur Verfügung. Bei einem Arm, der am Ellenbogen durchtrennt wird, haben wir maximal sechs Stunden Zeit.“ Danach sei das Gewebe durch die nicht mehr vorhandene Durchblutung zu stark geschädigt.

Die Rettungssanitäter sammeln die abgetrennten Teile der Hand ein und bringen den Mann in die Universitätsmedizin Greifswald. Dort wird Professor Andreas Eisenschenk, ein Experte für Hand-, Replantations- und Mikrochirurgie, hinzugezogen. Eisenschenk leitet am Unfallkrankenhaus Berlin die entsprechende Abteilung und ist parallel auch in Greifswald tätig, wo er zufällig an diesem Tag Dienst hat. Der Chefarzt weiß, was in Berlin operativ möglich wäre und entscheidet, den Patienten mit dem Hubschrauber sofort dorthin zu bringen. 15.30 Uhr liegt Kleemann bei Obladen in Berlin auf dem OP-Tisch.

Zeigefinger wird zum Daumen

Ein Team aus mehreren Handchirurgen sieht sich den Patienten an. Am Ende fällt die Entscheidung, dass der Daumen nicht mehr zu retten ist. Obladen: „Der Daumen von Christoph Kleemann war für eine Replantation nicht geeignet, weil er durch eine frühere Verletzung vorgeschädigt war. Deshalb haben wir seinen Zeigefinger an die Stelle des Daumens replantiert, um die Daumenfunktion und den sogenannten Gegengriff wieder zu ermöglichen.“

Das Besondere: Die Mediziner entscheiden, den Zeigefinger sofort auf die Daumenposition umzusetzen. „Das ist bei einem akuten Fall relativ selten“, betont Obladen. In den meisten Fällen würde man damit warten, bis die Verletzung von dem Unfall verheilt ist. Bei Kleemann seien die Bedingungen aber so ungünstig gewesen, dass dies die Option mit der langfristig besten Heilungschance gewesen sei.

Bald wieder angeln

Zunächst sind die Knochen durch Drähte miteinander verbunden worden, im Anschluss die Sehnen. Unter dem OP-Mikroskop, das eine bis zu 25-fache Vergrößerung schafft, werden abgetrennte Blutgefäße und Nerven wieder zusammengeführt. Am Ende nutzen die Ärzte Haut und Muskelgewebe von dem nicht mehr zu rettenden Daumen, um die große Wunde besser verschließen zu können.

Etwa sechs Wochen dauert es, bis die Knochen zusammengewachsen sind, erst dann darf Kleemann anfangen, seinen neuen Daumen wieder leicht zu bewegen. „Hauptsache, ich kann dann nach der Arbeit auch wieder mein Lieblingshobby, das Angeln, betreiben“, sagt er.

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