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MV aktuell Wat soll dat? Kopfschütteln in MV über Dialektverbot in Bayern
Nachrichten MV aktuell Wat soll dat? Kopfschütteln in MV über Dialektverbot in Bayern
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20:35 05.06.2019
„Moin“ sagt Christianne Nölting, Geschäftsführerin des Länderzentrums für Niederdeutsch in Bremen. Quelle: Carmen Jaspersen/dpa
Rostock

Sollen in der Kita oder in der Schule alle hochdeutsch sprechen, damit auch wirklich jeder jeden versteht? Eine Erzieherin in Bayern hat jetzt einem Kind verboten, „Wurschtbrot“ in ihrem Dialekt zu sagen. Es heiße „Wurstbrot“. In MV löst dieses Dialektverbot nur Kopfschütteln aus. „Bei uns im Land empfinden die Menschen die niederdeutsche Sprache als Teil ihrer Identität“, betont Mathias Hoffmann, Landesbeauftragter für Niederdeutsch.

Die Tendenz, Hochdeutsch als gemeinsame Sprache durchzusetzen, gebe es nicht nur in Bayern, sondern etwa auch in Berlin oder Sachsen, erklärt Hoffmann. „Ich finde, das ist Quatsch. Wir machen uns ärmer, wenn wir uns so vereinheitlichen.“ In manchen Grenzregionen zu Nachbarländern trügen Dialekte sogar zur Verständigung bei, etwa zwischen dem deutschen Niederrhein und den Niederlanden.

Niederdeutsch voll im Trend

In MV sei das Niederdeutsche seit vielen Jahren wieder voll im Trend, so der Landesbeauftragte. „Als 2017 Niederdeutsch als Unterrichtsfach eingeführt wurde, haben sich im ersten Jahr schon rund 500 Schüler dafür angemeldet.“ Sogar Eltern, die aus anderen Bundesländern nach MV ziehen, wollen, dass ihre Kinder platt lernen – auch aus Bayern.

Christel Quade, 86 Jahre, aus Rostock " Ich selbst spreche kein Wort Plattdeutsch, aber meine Tochter hat mit Kindern im Kindergarten plattdeutsche Lieder gesungen. Ich würde es gut finden, wenn es an Schulen angeboten werden würde." Quelle: Lilly Hantusch

Hoffmann, der selbst Lehrer ist, erlebt an seiner Crivitzer Schule, dass manche Begriffe aus dem Niederdeutschen tatsächlich auch im Alltag gebraucht werden: „Die Kinder sagen etwa: ,Tüdel nicht rum!‘ für ,Lüg nicht so!‘ oder ,Bist du mall?‘ für ,Bist du verrückt?‘“, berichtet er. Zum Sprachgebrauch gehöre auch das „wat“ für „was“ oder die „Bangbüx“ für einen Angsthasen. Hoffmanns Lieblingswort up Platt ist „oeverstraken“ – sinngemäß: „über den Kopf streicheln“.

Vielfältige Sprachkultur

Rolf Petersen, Direktor der niederdeutschen Fritz-Reuter-Bühne in Schwerin, verurteilt das bayrische Dialektverbot: „Das ist ja unmöglich, das geht schon in Richtung Gleichschaltung. Die Vielfalt der Sprachen und Dialekte macht doch unsere Kultur aus.“ Auch Petersen sieht das Niederdeutsche im Aufwärtstrend: „Es gibt eine breite Akzeptanz, geradezu einen Boom.“

Thorsten und Christel Pahl, beide 75 Jahre, aus dem Ruhrgebiet "Wir mischen im Ruhrgebiet gerne mal mit Plattdeutsch auf. Kiek mol wedder in sagen wir heute noch gerne." Quelle: Lilly Hantusch

Kinder hätten auch keine Probleme, dem Alltagsplatt in den Theaterstücken des Ensembles zu folgen. „Wir sprechen ja keine Sprache, die man nicht versteht“, betont Petersen. Zur Alltagssprache gehören für ihn unter anderem „lütt“ für klein oder „Deern“ für Mädchen. Zu seinen Lieblingsworten im Niederdeutschen zählen „Pogg“ (gesprochen „Poch“) für Frosch und „Schietbüdel“ für Hosenscheißer.

Den ganzen Tag plattdeutsch

Während in Bayern Kindern der Dialekt offenbar ausgetrieben werden soll, wird das Niederdeutsche in MV sogar besonders gefördert. „Wir verbieten das nicht, wir wünschen uns, dass die Kinder platt sprechen“, sagt Johanna Bojarra, die beim Heimatverband MV die „Heimatschatzkiste“ mit betreut. Bei dem Projekt soll Kindern in MV Heimatkunde und Regionalsprache vermittelt werden. „Viele Kitas bieten Plattkurse an oder laden jemanden ein, der mit den Kindern platt redet. In manchen Kitas sprechen die Erzieherinnen sogar den ganzen Tag platt“, erklärt Bojarra.

Thomas Keil, 69 Jahre, aus Rostock "Plattdeutsch ist eine schöne Sprache, die leider am Aussterben ist, doch genau wegen des niedrigen Gebrauchs ist es nicht notwendig es in der Schule zu lernen. Ich persönlich gebrauche im Alltag Wörter wie Schietwedder." Quelle: Lilly Hantusch

Die Kinder nehmen das begierig auf. „Manche fragen selbst, wie etwas auf Platt heißt, etwa ,Pierd‘ für ‚Pferd‘ oder ,Dör‘ für ‚Tür‘.“ Der Ehrgeiz werde noch dadurch befeuert, dass die Kinder stolz sind, etwas zu können, das die Eltern nicht beherrschen, wenn sie etwa vom „Kiekschapp“ sprechen und den Fernseher meinen. Bojarras Lieblingswort ist „Mangkatäten“ für Eintopf („mang“ für zusammen, „kat“ für kochen und „äten“ für Essen).

Kinder mit Leib und Seele dabei

Eine der Einrichtungen, in denen Niederdeutsch vermittelt wird, ist die Kita „Klaukschieter“ (Klugscheißer) in Rostock. „Wir bekommen einmal die Woche Besuch von einem Herrn, der mit den Kindern auf Platt Lieder singt, Gedichte lernt oder Zahlen mit ihnen übt“, erklärt Leiterin Denise Lange. „Die Kinder sind mit Leib und Seele dabei.“ Die Eltern und vor allem die Großeltern fänden das gut. „Das ist doch unsere Kultur und die sollte erhalten werden“, findet Lange.

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