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MV aktuell Zu viel Wild: So machen die Rehe den Wald in MV krank
Nachrichten MV aktuell Zu viel Wild: So machen die Rehe den Wald in MV krank
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16:11 07.12.2019
Forstamtsleiter Andreas Baumgart (56/l.) und Pferdeführer Hartmut Bischoff (67). Im Hintergrund Rückepferd Hans (11). Die Pferde werden in wenigen Wäldern in MV eingesetzt, um den Waldboden nicht weiter zu schädigen. Quelle: Stefan Sauer
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Was für ein wilder Streit: In den Wäldern von MV haben die Wildbestände in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Bäume vermehren sich nicht mehr auf natürliche Weise, weil Rehe die Triebe abfressen, ehe sie sich richtig entwickeln können. Auch der Klimawandel setzt den Wald unter Stress: heiße Sommer, deutlich weniger Niederschläge, extreme Wetterlagen.

Agrar- und Umweltminister Till Backhaus (SPD) hatte zuletzt längere Jagdzeiten für Rehwild angekündigt, damit der Wald trotzdem nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Die Jäger lehnen dies jedoch ab. „Als Anwälte des Wildes lassen wir es nicht zu, dass das Klima nun mit der Büchse gerettet werden soll und dabei Weidgerechtigkeit und Tierschutz auf der Strecke bleiben“, teilt der Landesjagdverband mit.

Je südlicher man kommt, so schlechter ist der Wald

Wie gestresst ist der Wald wirklich? Ein Besuch bei Andreas Baumgart. Er ist Chef des Forstamtes Schuenhagen im Kreis Vorpommern-Rügen, einem von insgesamt 29 Forstämtern im Land. Baumgart, zuständig für 20 000 Hektar Waldfläche, überrascht zunächst mit der Aussage, dass MV nach Schleswig-Holstein das waldärmste Bundesland ist. Lediglich 24 Prozent der Landesfläche sind bewaldet, deutschlandweit liege dieser Wert bei durchschnittlich 33 Prozent, sagt er.

Bildergalerie: Stippvisite im Wald bei Schuenhagen

Der Klimawandel und zu viel Wild setzen dem Wald zu, der sich in den nächsten Jahren stark verändern wird. Fichten und Buchen werden durch andere Arten verdrängt. Wie wird unser Wald in 30 Jahren aussehen?

Der Zustand des Waldes wird, vereinfacht ausgedrückt, von Norden nach Süden schlechter. Den Küstenwäldern hilft die Ostsee, über die Runden zu kommen, selbst wenn die Sommer trockener werden. „Die Nähe zur Ostsee hilft, die für den Wald notwendige Luftfeuchtigkeit zu erhalten“, erklärt der 56-Jährige. In Bereichen um Neubrandenburg und Neustrelitz sowie der Uecker-Randow-Region sehe das Bild schon anders aus.

In den Baumschulen explodieren die Preise

In Bundesländern wie Niedersachsen und Sachsen-Anhalt seien bereits Entwicklungen feststellbar, die dem Nordosten noch bevorstünden. Niedersachsen muss im nächsten Jahr, um keine Waldfläche zu verlieren, allein fünf Millionen abgestorbene Buchen nachpflanzen. Drei Millionen haben sich die dortigen Forstämter bislang auf dem Markt gesichert. Die Preise in den Baumschulen explodieren, während die Holzpreise in den Keller gehen, weil beschädigte oder kranke Bäume in Massen auf den Markt kommen.

Ähnliche Entwicklungen würden Baumgart zufolge langfristig auch Mecklenburg-Vorpommern treffen. Seit 1880 werden von den Förstern viele Wetterdaten erfasst. Demnach hat sich die Durchschnittstemperatur im Land seitdem um 1,3 Grad Celsius erhöht. Die Hälfte dieses Anstiegs sei allein in den vergangenen 30 Jahren erfolgt. Die Anzahl der Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad Celsius hat sich im gleichen Zeitraum verdoppelt.

Die meisten Bäume in den Wäldern von MV sind Kiefern und Buchen, gefolgt von Fichten. Aber: „Die Fichte hat keine Zukunft“, prophezeit Baumgart. Auch Buchen leiden. Andere Baumarten, die bisher weniger verbreitet sind, könnten indes als Sieger aus der Situation hervorgehen. Beispielsweise die Flatterulme. Baumgart: „Sie liefert hervorragendes hartes Holz, was besonders für die Möbelindustrie geeignet ist.“ Zudem überstehe diese Ulmenart trockene Perioden ebenso gut wie plötzliche Überschwemmungen durch extreme Regenfälle. Förster müssen bereits heute entscheiden, welche Bäume mit den Klima-Bedingungen in Jahrzehnten, wenn sie nachgewachsen sind, noch gut zurechtkommen.

Keiner mag jeden Tag Kartoffeln

„Ein gesunder Wald würde sich allein regulieren“, erklärt der Forstamtsleiter. An dieser Stelle kommen die hohen Wildbestände ins Spiel, die das zunehmend verhindern. Draußen im Wald finden sich zurzeit beinahe an jedem Keimling Bissspuren. „Kommen die Buchen eines Tages hier nicht mehr zurecht, würde es, wäre der Wald gesund, andere, vielleicht seltenere Arten geben, die sich dann durchsetzen. Rehe sind allerdings Feinschmecker. Sie fressen zuerst das ab, was sie selten bekommen. Wir essen ja auch nicht jeden Tag nur Kartoffeln.“

Dieses ungute Zusammenspiel von Klimaveränderungen und Wildschäden zerstöre auf die Dauer das Ökosystem Wald. „Wir brauchen eine vernünftige Jagdwirtschaft und keine reine Trophäenjagd“, die besonders bei privaten Jägern beliebt sei. Baumgart: „Die wollen immer nur den dicksten Bock schießen.“

Backhaus kennt diese Zusammenhänge und will den Landesjagdverband zum Gespräch einladen. Die Jägerschaft könne sich nicht verweigern, wenn es um eine der größten gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen der heutigen Zeit gehe, sagte er.

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Von Benjamin Fischer

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