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MV aktuell Zu wenig Sauerstoff und Überfischung: Bestand des Ost-Dorschs massiv bedroht
Nachrichten MV aktuell Zu wenig Sauerstoff und Überfischung: Bestand des Ost-Dorschs massiv bedroht
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05:00 11.06.2019
Begehrter Speisefisch: Wegen dramatischer Rückgänge des Dorschbestands könnten im kommenden Jahr erhebliche Kürzungen der Fangquote auf die Fischerei zukommen. Quelle: ARCHIV
Rostock

Auf die deutschen Ostseefischer könnten im kommenden Jahr deutliche Kürzungen der Fangquoten zukommen – bis hin zu Fangstopps. Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) empfahl kürzlich, den Fang von Heringen in der westlichen und Dorsch in der östlichen Ostsee komplett einzustellen. Die OZ sprach mit dem Leiter des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock, Christopher Zimmermann, über den Nachwuchs von Heringen und Dorschen, sofortige Fangstopps und Bestandserhebungen.

OZ: Warum greift der ICES zu so einer so drastischen Maßnahme und empfiehlt komplette Fangverbote?

Christopher Zimmermann: Wir müssen eine Schließung der Fischerei empfehlen, wenn sich keine Fangmengen ableiten lassen, die einen Fischbestand in schlechtem Zustand bis Anfang 2021 vom roten wieder in den gelben Bereich bringen. Das haben der ICES und die EU-Kommission so vereinbart. Derzeit gilt dies für den Ost-Dorsch und den West-Hering.

Wie oft ist die EU-Kommission einer solchen Empfehlung gefolgt?

Bei Speisefischen in den letzten 30 Jahren kein einziges Mal. Wir wissen also schon vorher, dass diese Empfehlung ziemlich sinnlos ist. Dennoch dürfen wir aufgrund unserer Erkenntnisse keinen anderen Rat aussprechen. Bei Fischereien für industrielle Zwecke – also die Fischmehlproduktion – gibt es dagegen gelegentlich Fangstopps.

Wurde überhaupt schon einmal der Fang einer Fischart in der Ostsee verboten?

Nein. Der letzte Fangstopp, der eine Fischerei für den menschlichen Konsum betraf, war in den Jahren 1977 bis 1982 für den Nordseehering im Nordostatlantik.

Umweltverbände hatten unlängst sogar einen sofortigen Fangstopp für den Dorsch in der östlichen Ostsee gefordert.

Das war eine verfrühte Reaktion einiger Umweltverbände aufgrund alter Daten. Die ICES-Empfehlung basiert hingegen auf aktuellen Daten, die bis Ende 2018 erhoben wurden. Zudem spricht sich der ICES gegen einen sofortigen Fangstopp in 2019 aus, weil das keine nennenswerte Effekte auf den Bestand hätte.

Wurde der Hering in der westlichen Ostsee überfischt, dass es zu diesen drastischen Bestandseinbrüchen gekommen ist?

Nein, anfangs spielte die Fischerei dabei keine Rolle, es gibt schlicht zu wenig Nachwuchs. Langfristige Temperaturveränderungen zu bestimmten Zeiten an bestimmten Stellen der Ostsee führen dazu, dass die hungrigen Heringslarven immer früher schlüpfen – doch zu dem Zeitpunkt finden sie nicht genug Nahrung. Daher verhungern die Jungheringe offenbar in großer Zahl.

Und was führt zu den Rückgängen beim Ost-Dorsch?

Da spielen Sauerstoffmangel und Überfischung die wesentliche Rolle. Der Sauerstoffmangel wirkt sich in vielerlei Hinsicht auf den Bestand aus: geringere Nachwuchsproduktion, Fehlernährung, dadurch höhere Anfälligkeit für den Befall mit Parasiten und insgesamt eine sehr hohe natürliche Sterblichkeit. Die Salzwassereinströme nach Dezember 2014 sind zwar weiter als bis zum Bornholmbecken vorgedrungen, aber der damit eingetragene Sauerstoff hat sich viel schneller verbraucht, als wir angenommen haben.

Könnten Fangstopps tatsächlich für eine Erholung der Bestände sorgen?

Grundsätzlich ja. Der West-Hering kann sich auch bei fortgesetzter Fischerei und weiterhin schlechter Nachwuchsproduktion erholen, aber das würde vier bis sechs Jahre dauern; zudem würde es 2020 eine weitere deutliche Reduzierung der Fangmenge erfordern. Ein guter Jahrgang könnte die Erholung stark beschleunigen, das ist aber in den vergangenen zehn Jahren leider nicht mehr aufgetreten.

Wie ist die Perspektive für den Ost-Dorsch?

Die sieht schlechter aus. Nach unseren derzeitigen Kenntnissen würde selbst eine komplette Schließung der Fischerei nicht zu einer Erholung in den nächsten sechs Jahren führen. Ein Nullfang ist aber unrealistisch, weil dann alle Fischereien in der östlichen Ostsee und sogar in der Arkonasee – das schließt die Gewässer um Rügen mit ein – komplett geschlossen werden müssten. Denn sogar in den Herings- und Sprottenfischereien werden Ost-Dorsche beigefangen, in der Plattfischfischerei sowieso.

Was müsste also getan werden?

Aus meiner Sicht müsste es also darum gehen, die Fänge von Ost-Dorschen so weit wie möglich zu reduzieren, aber dennoch zu ermöglichen, dass so viel wie möglich anderer Fisch aus der östlichen Ostsee weiter gefangen werden kann. Das wird die Erholung aber weiter verzögern, wenn sich die Umweltbedingungen nicht grundlegend ändern.

ICES erforscht mehr als 100 Fischarten

Der Internationale Rat für Meeresforschung (englisch: International Council for the Exploration of the Sea – kurz: ICES) ist den Angaben zufolge die älteste zwischenstaatliche Organisation weltweit. Das Thünen-Institut für Ostseefischerei mit Sitz in Rostock arbeitet eng mit dem ICES etwa bei der Erhebung von Fischereidaten und wissenschaftlichen Empfehlungen zur Bewirtschaftung zusammen. Der ICES wurde 1902 in Kopenhagen gegründet, heute zählt er 20 Mitgliedsstaaten. Beim ICES werden 110 Fischarten wissenschaftlich überwacht und deren Bestandsentwicklung erforscht.

Auf welche Weise werden wissenschaftliche Bestandsschätzungen vorgenommen?

Sehr vereinfacht gesagt kommen 80 Prozent der Daten wie Fangmengen und Beprobungen aus der kommerziellen und gegebenenfalls der Freizeitfischerei sowie 20 Prozent aus Forschungsreisen, die wir mit unseren Forschungsschiffen durchführen. Diese Daten werden international von allen Ostseeanrainern im ICES zusammengetragen und dann in komplexe mathematische Modelle gesteckt. Am Ende ergibt sich daraus hoffentlich ein einheitliches Bild über den Bestandszustand in der Vergangenheit, aus dem wir dann eine Vorhersage ableiten können. Der Bestandszustand wird also berechnet und nicht geschätzt.

Gibt es dabei Unsicherheiten?

Ja, und die sind unvermeidlich hoch, weil das Meer riesig und unser Stichprobenumfang vergleichsweise klein ist. Wenn sich dann noch die Umweltbedingungen schnell ändern, wie bei West-Hering und Ost-Dorsch, nimmt die Unsicherheit der Vorhersage weiter zu.

Gibt es bei all den Hiobsbotschaften auch positive Meldungen zu anderen Fischbeständen?

Die gibt es in der Tat: In der Ostsee geht es der Scholle richtig gut, außerdem dem kleinen Bestand des Herings im Rigaer Meerbusen. Auch der Nordseehering wächst. Die Fangmengen können ferner für Hering der zentralen Ostsee steigen, auch wenn dort der Fischereidruck noch zu hoch ist.

Axel Meyer

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