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MV aktuell Zu Besuch: Der Pastor, der „Wir sind das Volk“ erfand
Nachrichten MV aktuell Zu Besuch: Der Pastor, der „Wir sind das Volk“ erfand
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10:00 29.10.2019
Hat die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche verantwortet, aus denen die Montagsdemonstrationen 1989 hervorgegangen sind – und letztlich die Wende: Christoph Wonneberger. Quelle: Bert Strebe
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Leipzig/Engelbostel

An der Wand im Wohnzimmer hängt ein Reliefbild, aus einfachem Blech gepresst, ein Stück, wie man es auf Flohmärkten findet. Es zeigt Don Quijote. „Das“, sagt Christoph Wonneberger, „ist mein Hausheiliger.“ Tatsächlich? Der Ritter, der gegen Windmühlenflügel kämpfte, als Vorbild? „Man muss immer alles versuchen“, sagt Wonneberger. „Auch, wenn es aussichtslos erscheint.“

Christoph Wonneberger ist ein drahtiger Mann, manchmal wirkt er verschmitzt, seine 75 Jahre sieht man ihm nicht an. Helles Holz in der Wohnung, grüner Tee auf dem Tisch, das Telefon klingelt ab und zu. Wonneberger ist gefragt derzeit. Vor 30 Jahren ist in Leipzig durch die Friedensgebete in der Nikolaikirche und durch die Montagsdemonstrationen, die sich daraus entwickelt haben, das Ende der DDR eingeläutet worden. Pastor Wonneberger hatte die Friedensgebete organisiert. Übrigens auch mit Hilfe aus Engelbostel in der Region Hannover.

Christoph Wonneberger aus Leipzig war am Sturz des Regimes beteiligt.

Eigentlich sei er ja Maschinenschlosser, erzählt er. Wonneberger war Sohn eines Pfarrers, wollte sich abgrenzen vom Vater, lernte was Handwerkliches, konnte aber doch noch studieren: Theologie. Ausgerechnet. Er grinst: „Ich habe gedacht, dass ich mich mit meinem Vater besser streiten kann, wenn ich das studiere.“

Widerstand organisiert

Was er aber vor allem tat, war: Widerstand organisieren. 1977 übernahm er eine Gemeinde in Dresden und kümmerte sich dort um Kriegsdienstverweigerer. Zusammen mit 20 jungen Leuten startete er einen Aufruf zur Einrichtung eines „Sozialen Friedensdienstes“. Andere schlossen sich an, plötzlich lagen 12.000 Eingaben bei den Landessynoden. Erich Honecker nannte die Idee „staatsfeindlich“. Die Stasi legte den operativen Vorgang „Provokateur“ an.

Mit der Stasi hatte Christoph Wonneberger öfter zu tun. Mit 23 hatte er mal irgendwo eine Antenne abgeschraubt, war belangt und als Spitzel verpflichtet worden, hatte sich aber sofort wieder distanziert. Später saßen die echten Spitzel in seinen Gruppen, er wurde immer mal wieder abgeholt. Seine Vorgesetzten sagten, er müsse sich zurückhalten. Er sagt: „Ich bin nicht so ängstlich.“

Nachdem er 1985 nach Leipzig in die Lukasgemeinde gewechselt war, bekam er den Auftrag, die Friedensgebete in der Stadtkirche St. Nikolai zu organisieren. Anfangs saß eine Handvoll Personen in der Sakristei. Aber es wurden mehr, es bildeten sich Arbeitsgruppen zu Menschenrechten, Frauenrechten, Umweltschutz.

Matritzendrucker geschmuggelt

Seit 1986 war die Martinskirchengemeinde Engelbostel-Schulenburg (bei Langenhagen in Niedersachsen) – wie viele andere Gemeinden in West und Ost – partnerschaftlich mit der Lukasgemeinde verbunden. Und weil Pastor Wonneberger Flugblätter druckten wollte, was in der DDR nicht so einfach war, hatten die Engelbosteler einen Matritzendrucker in Einzelteilen gen Osten geschmuggelt. Und für ein anderes Gerät, für das Wonneberger ein Papier zur Legalisierung brauchte, hatte die Martinsgemeinde eine offizielle Schenkungsurkunde fingiert.

Christoph Wonneberger, pensionierter Pfarrer aus Leipzig, der die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche verantwortet hat. Daraus sind die Montagsdemonstrationen hervorgegangen, die zur Wende geführt haben. Quelle: Bert Strebe

Aufrufe zu Friedensgebeten entstanden auf solchen Apparaten, und wenn der Leipziger Superintendent Friedrich Magirius den Pastor ermahnte, dass Flugblätter genehmigt werden müssten, sagte Wonneberger: „Sind schon verteilt.“ Und wenn irgendwo ein Matritzengerät streikte, dann war er ja auch Maschinenschlosser.

Es gab Leipziger, die wollten eine Reform der DDR, andere wollten nichts als raus, manche wollten mehr, andere weniger Politik in der Kirche. Aber überall stieg der Druck. 1988, erzählt Wonneberger und gießt Tee nach, kamen schon Hunderte zum Friedensgebet. In dieser Situation warf Magirius seinen Koordinator Wonneberger raus, der Superintendent wollte das System stützen. Doch was begonnen hatte, war nicht mehr aufzuhalten. Die Gebete gingen weiter, verlagerten sich auf die Straße, wurden zu Kundgebungen.

Ohne Engelbostel keine Wende

Und Wonneberger war zwar nicht mehr Organisator, aber immer mittendrin. Er verfasste den berühmten „Appell“ zur Gewaltlosigkeit an die Sicherheitskräfte vom 9. Oktober 1989 mit dem noch berühmteren Satz „Wir sind ein Volk“. Auf seinen Geräten wurde das alles gedruckt – und heute schlussfolgern die Martinskirchler manchmal augenzwinkernd: Ohne Engelbostel würde die Mauer noch stehen. Der 9. Oktober jedenfalls war der entscheidende Tag. 70.000 Menschen waren auf den Straßen. Kein Schuss fiel. Die Staatsmacht wusste es da noch nicht, aber sie war bereits Geschichte.

Und wer das auch nicht wusste und bis auf weiteres auch nicht mitbekam, war Christoph Wonneberger. Denn am 30. Oktober, er war zu Hause, merkte er, dass er sich nicht richtig bewegen, nicht richtig gucken konnte. Er habe mit großen Augen vor seiner Frau gestanden und kein Wort sagen können, erzählt er. Schlaganfall. Wonneberger kam in die Klinik, und dass die Mauer fiel, spielte für ihn keine Rolle. Ein paar Tage später bekam er Besuch, der damalige Engelbosteler Pastor Manfred Schmidt und seine Frau Klara waren in Leipzig, wo alles drunter und drüber ging. Sie entschieden: Wir nehmen ihn mit.

Zehn Jahre zur Genesung

Christoph Wonneberger erzählt in warmen Worten von dieser Zeit, von den vielen Hilfen, die er bekam, den zugewandten Menschen, an der MHH, bei der Familie, in der zunächst mit Frau und Kindern wohnen konnte, später in der Unterkunft im Kloster Wülfinghausen. Ganz langsam arbeitete er sich wieder raus aus dem Gefühl der Lähmung, aus der Sprachlosigkeit, auch mit Hilfe eines Gesangstherapiekurses in Hamburg, es dauerte ein Jahrzehnt. Die Kirche in Leipzig wollte ihn nicht mehr, er wurde mit 45 pensioniert. Beim Abschiedsgottesdienst konnte er nicht predigen, aber er hat zwei Lieder gesungen, ganz allein.

Inzwischen geht es ihm gut. Sehr selten verrutscht ihm ein Ausdruck, fehlt ihm ein Wort. Er ist immer viel Fahrrad gefahren, und das macht er heute noch, sogar mehr, ist von Paris bis Moskau geradelt. Das die Welt ihn lange vergessen hatte, dass sie glaubte, andere Kirchenmänner aus Leipzig wären die treibenden Kräfte der friedlichen Revolution gewesen, die, die bei der Maueröffnung im Scheinwerferlicht standen, während Wonneberger in der Klinik lag – geschenkt. Er will nicht groß was dazu sagen. Er zuckt mit den Schultern. Er lächelt.

Von Bert Strebe