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MV aktuell Gedenken an NSU-Opfer: „Papa möchte im Himmel nicht gestört werden“
Nachrichten MV aktuell Gedenken an NSU-Opfer: „Papa möchte im Himmel nicht gestört werden“
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19:26 25.02.2019
Am 25. Februar 2004 wurde Mehmet Turgut in Rostock ermordet. Er gehörte zu einer Reihe von Opfern das NSU. Sein Bruder Yunus legt am 15. Jahrestag Blumen an der Gedenkstätte nieder. Quelle: OVE ARSCHOLL
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„Rebel with a cause“ – „Rebell aus gutem Grund“ steht auf dem T-Shirt von Candan Özer. Das kann Zufall sein, doch es spiegelt ihre Haltung gut wider: Die Witwe von NSU-Opfer Attila Özer ist wütend und enttäuscht. Ihr Mann war ein spätes Opfer eines Bombenanschlags der Rechtsterroristen vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ 2004 in Köln. Die schleppende Aufarbeitung der NSU-Mordserie kann Özer nicht nachvollziehen: „Jahrelang ist gar nichts geschehen.“ Und damit war sie am Montag in Rostock nicht alleine, wo dem Mord an Mehmet Turgut vor genau 15 Jahren gedacht wurde.

Kein Therapieplatz für den Sohn

Mehrfach hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Hinterbliebenen der NSU-Opfer in Berlin empfangen – vor allem für schöne Fotos, wie Özer meint. „Das ganze Geld für die Reisen und die Hotels hätte man lieber in Beratungsstellen für Opfer rassistischer Anschläge stecken sollen“, findet sie. Dass es so etwas in Deutschland bisher nicht gibt, merkt Özer in der eigenen Familie. Lange hatte sie versucht, für ihren bald neunjährigen Sohn einen Therapieplatz zu finden – vergeblich. „Er fragt mich, warum er Papa nicht anrufen kann. Ich antworte dann: Weil Papa im Himmel nicht gestört werden möchte.“

Candan Özer Quelle: OVE ARSCHOLL

Jahrelang habe die Polizei versucht, ihr einzureden, dass der Anschlag, bei dem ihr Mann verletzt wurde, nicht von Neonazis begangen worden sei, sondern im Rahmen eines Bandenkrieges. Auch sei unterstellt worden, ihr Mann habe sie betrogen. Das alles hat Candan Özer verbittert: „Ich weiß nicht, wie ich ein Kind erziehen soll, das Deutschland nicht hassen wird.“

Einfach nur traurig

Ähnlich negative Erfahrungen mit den deutschen Ermittlungsbehörden hat Yunus Turgut, der Bruder des Rostocker Opfers Mehmet Turgut, gemacht. Lange wurde er selbst mit dem Mord in Verbindung gebracht, war sogar in Haft. Er redet deswegen nicht mehr vor der Öffentlichkeit, lässt einen Übersetzer für sich sprechen: „Ich saß 19 Tage in Gefängnis und wurde fünf Jahre lang in der Türkei immer wieder von Polizei und Interpol verhört.“ Freunde und Angehörige hätten sich von ihm distanziert, Nachbarn seien weggezogen. „Sie haben angenommen, irgendetwas wird an den Vorwürfen schon dran sein.“ Er habe kurz davor gestanden, den Mord zuzugeben, nur damit man ihn in Ruhe lässt. Wie es ihm heute gehe, wenn er nach Rostock kommt? „Ich bin einfach nur traurig.“

Mehmet Turguts Cousin Saabettin wünscht sich vor allem, „dass so etwas nicht noch einmal passiert und dass die Mordserie vollständig aufgeklärt wird.“ Einen ganzen Tag zum Gedenken an seinen Vetter, wie er am Montag in Rostock veranstaltet wurde, begrüßt er, aber: „Ich hätte lieber meinen Lieblings-Cousin zurück.“

Abdulkerim Şimşek Quelle: OVE ARSCHOLL

Mit dabei war auch Abdulkerim Şimşek, Sohn des ersten NSU-Opfers Enver Şimşek, der im September 2000 in Nürnberg erschossen wurde. „Uns wurde Aufklärung versprochen, aber das ist nicht passiert“, kritisiert er. Beate Zschäpe, die einzige Überlebende des Mordtrios, sitze zwar im Gefängnis, aber alle Hintermänner seien noch auf freiem Fuß. Besonders aufgebracht ist Şimşek über die Morddrohung gegen die NSU-Opferanwältin Seda Basay-Yildiz durch eine Gruppe, die sich NSU 2.0 nennt. Die Ermittlungen hatten zu einer Chatgruppe geführt, in der Frankfurter Polizisten rechtsextreme Inhalte teilten. „Wie weit soll es noch gehen? Rechtes Gedankengut hat in staatlichen Institutionen nichts verloren“, schimpft Şimşek.

Nicht nur Statisten

Ibrahim Arslan kennt den Unmut der NSU-Hinterbliebenen gut. Er begleitet viele von ihnen schon lange. Arslan hat selbst schreckliche Erfahrungen mit rechtem Terror gemacht: Er überlebte im November 1992 den Brandanschlag in Mölln, bei dem drei Mitglieder seiner Familie starben. Arslan kritisiert, dass in Deutschland zwar viel über die Täter, aber nicht mit den Hinterbliebenen gesprochen werde. „Die Betroffenen müssen in den Vordergrund gestellt werden, sie müssen ihre Geschichten erzählen können. Wir sind die Hauptzeugen des Geschehens, nicht nur Statisten.“

Endliche Zeit

Eher im Hintergrund hielt sich am Montag Martin Kiesewetter. Er ist der Cousin der Polizistin Michèle Kiesewetter, die im April 2007 in Heilbronn erschossen wurde. Erst vier Jahre später konnte der Mord dem NSU zugeordnet werden. Auch die Familie Kiesewetter litt unter falschen Verdächtigungen: „Zunächst wurde angenommen, es handle sich um eine Beziehungstat. Die ganze Familie ist in Verruf geraten“, erinnert sich der Vetter.

Martin Kiesewetter Quelle: OVE ARSCHOLL

Anders als den anderen Hinterbliebenen will Kiesewetter aber abwarten, bis die Ermittlungen in Ruhe abgeschlossen werden, ohne dass dabei zu viel nach außen dringt und so vielleicht wieder die Falschen verdächtigt werden. „Wenn man in die Aufarbeitung zu viel Emotion reinbringt, wird es unsachlich“, fürchtet Kiesewetter. Er trauert im Stillen: „Ich habe sehr schöne Erinnerungen an Michèle. Heute lebe ich die Beziehungen zu Freunden und Familie viel bewusster, denn mit Michèles Tod wurde für mich spürbar, dass die Zeit endlich ist.“

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