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Medien & TV “Tatort: Falscher Hase” aus Frankfurt: Ein Hauch von “Fargo”
Nachrichten Medien & TV “Tatort: Falscher Hase” aus Frankfurt: Ein Hauch von “Fargo”
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20:48 01.09.2019
Ein Schuss - und ein Volltreffer. Birgit "Biggi" Lohmann (Katharina Marie Schubert) bringt unvorhergesehene Ereignisse im Frankfurter "Tatort" ins Rollen. Quelle: HR
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Frankfurt

Volltreffer! Es dauert gerade mal ein paar Minuten, dann ist die Mörderin dieses "Tatort" bereits entlarvt. Zwar tötet sie eher aus Versehen, aber dafür so zielsicher mit einem Schuss genau zwischen den Augen ihres Opfers, dass die Frankfurter Kommissarin Anna Janneke (Margarita Broich) am Tatort ins Staunen gerät. Ihr Kollege Paul Brix (Wolfram Koch) dagegen hält den Treffer bloß für einen Sonntagsschuss. Zu Unrecht, wie sich im Verlauf dieser schwarzhumorigen Krimikomödie, die wegen einiger drastischer Szenen für ganz junge Zuschauer allerdings nicht geeignet ist, noch mehrfach zeigen wird.

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Geschossen hat Biggi Lohmann (Katharina Marie Schubert), ein wahres Nervenbündel und eigentlich eine grundsympathische Figur. Sie ist die Ehefrau des hessischen Solartechnikunternehmers Hajo (Peter Trabner). Und da ihre Firma wegen der billigeren chinesischen Konkurrenz kurz vor der Pleite steht, haben die beiden sich einen todsicheren „Sanierungsplan“ ausgedacht. Ein Versicherungsbetrug soll das Unternehmen nämlich wieder auf die Beine helfen. Daher wird von ihnen ein Überfall vorgetäuscht. Und damit der echt aussieht, wird der gute Hajo in seinem Büro an seinem Schreibtischstuhl gefesselt und von seiner Biggi angeschossen. Was beiden richtig wehtut. Schlimmer noch: Plötzlich betritt ein Wachmann den Raum, der wird im Affekt von Biggi erschossen. Und damit fängt der Schlamassel für die liebe Frau und ihren Knuddelbär erst richtig an.

Ein "Tatort" aus Frankfurt wie "Fargo" von den Coen-Brüdern

Zuschauer, die mit dem amerikanischen Kino gut vertraut sind, wird dieser Film und seine schräge Geschichte vermutlich an die Arbeiten der Brüder Ethan und Joel Coen erinnern. Ähnlich wie beispielsweise in deren Klassiker "Fargo" entwickelt sich nämlich eine überdrehte Krimigroteske mit eigentlich guten Menschen und ziemlich brutal-irren Dumpfbacken. Und ein Spiel, das für alle Beteiligten einfach nicht gut ausgehen kann – obwohl man es zumindest der Biggi und dem Hajo trotz ihrer erstaunlichen kriminellen Energie wirklich von Herzen gönnen würde. So liebevoll gehen die zwei Turteltauben auch nach jahrelanger Ehe miteinander um, und wenn es dem Hajo trotzdem mal richtig schlecht geht, kocht Biggi ihm schnell sein Leibgericht, den titelstiftenden falschen Hasen - übrigens mit Sojasoße und Anchovis, das macht den Hackbraten angeblich besonders saftig.

Ja, in diesem Frankfurter-"Tatort", den die mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Regisseurin Emily Atef ("Drei Tage in Quiberon") inszeniert und geschrieben hat, gibt’s tatsächlich auch Kochtipps. Aber hier ist sowieso vieles möglich und manches so unmöglich, dass man darüber nur amüsiert staunen kann. Die Leichtigkeit und gleichzeitig tragische Tiefe mit der Atef diesen Film in Szene gesetzt hat, ist sehenswert. Und wirklich fast alles ist stimmig: So gibt’s zahlreiche nette kleine Gags, beispielsweise die Radionachricht von einem Trecker, den in dem rekordverdächtig eisigen November, in dem die Geschichte spielt, der Diesel eingefroren ist. Oder die lustigen Folgen der kaputten Heizung in Brix‘ und Jannekes eiskaltem Revier. Auch die Dialoge sind vom Feinsten, weil oft herrlich absurd.

Ein Ausnahme-"Tatort" - mit hochkarätiger Besetzung

Die Handlung ist wendungsreich und steckt voller Überraschungen. Eine kleine Rahmenhandlung kommt plötzlich gegen Ende richtig herzergreifend schön daher. Die auftretenden Möchtegernganoven sind prachtvolle Gestalten und werden zudem von tollen Akteuren wie Godehard Giese, Ronald Kukulies oder Friedrich Mücke verkörpert. Und dann ist da noch Judith Engel als Witwe des getöteten Wachmanns, die so tragisch wirkt, dass auch dies schon fast wieder komisch ist.

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Doch besonders erwähnenswert ist Katharina Marie Schubert, die als besorgte Ehefrau und treffsichere Mörderin wider Willen brilliert. Genau wie zuletzt im Mai, als sie im Stuttgarter "Tatort: Anne und der Tod" eine liebenswerte Altenpflegerin spielte, die es allen recht machen wollte und dabei zur Mörderin wurde. Kurzum: In diesem Ausnahme-"Tatort" gibt es viel zu entdecken, so durchgeknallt chaotisch ist die Welt, mit der Brix und Janneke konfrontiert werden. Und selbst der Staatsanwalt (Werner Wölbern) verhält sich den beiden sehr zurückhaltend agierenden Kommissaren gegenüber äußerst sonderbar. Aber das hat gute Gründe. Volltreffer!