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Medien & TV „Wir sind die Welle“: Was will uns Netflix mit dieser Serie sagen?
Nachrichten Medien & TV „Wir sind die Welle“: Was will uns Netflix mit dieser Serie sagen?
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09:18 28.10.2019
Eine Gruppe Jugendlicher gründet „Die Welle“. Was dann passiert, ist in der neuen Netflix-Serie zu sehen. Quelle: Netflix
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Hannover

Es war im April 1967, als der Lehrer Ron Jones das Dritte Reich auf seinem Lehrplan stehen hatte – und nicht weiter wusste. Ein Schüler soll ihm damals die entscheidende Frage gestellt haben: „Wie konnten die Deutschen behaupten, nichts von der Judenvernichtung gewusst zu haben?“ Die Frage soll den Lehrer nicht losgelassen haben – und so entschied er sich, an der Cubberley High School in Palo Alto ein ungewöhnliches Experiment durchzuführen: Er stellte im Kleinen das Nazi-Deutschland von damals nach.

Jones führte Disziplin und Drill im Klassenzimmer ein und lehrte die Schüler, ihrem „Anführer“ zu gehorchen. Schließlich gründete Jones mit ihnen die Bewegung „Die dritte Welle“. Durch das Gemeinschaftsgefühl und einen gemeinsamen Gruß verbreitete sich die Bewegung rasant: Innerhalb von nur drei Tagen war „Die Welle“ für die Schüler von einem Experiment zu ihrem Leben geworden – mit Folgen. Schüler begannen, vermeintliche „Verräter“ zu denunzieren und Klassenkameraden, die nicht an der Bewegung teilnehmen wollten, bloßzustellen. Jones löste das Experiment schließlich auf mit den Worten „Wir hätten sicher alle gute Nazi-Deutsche abgegeben“.

Das Ergebnis des Lehrers gehört spätestens seit den Achtzigerjahren zum Standardrepertoire des Schulunterrichts. Morton Rhue hat das Experiment in seinem Roman „Die Welle“ (1981) nacherzählt. Seit 2008 gibt es auch einen Spielfilm mit prominenter Besetzung (Jürgen Vogel als Lehrer), der das Experiment von Ron Jones darstellt. Und jetzt wagt sich auch Netflix an das Thema.

„Die Welle“ im Jahr 2019

Bei der sechsteiligen Serie „Wir sind die Welle“ handelt es sich jedoch um keine simple Nacherzählung des Romans. Die Produzenten um Jan Berger, Dennis Gansel, Anca Miruna Lazarescu und Mark Monheim haben „Die Welle“ auf allen Ebenen in die Gegenwart geholt – oder, wie man stellenweise vermuten könnte: sogar in die Zukunft.

Ausgangspunkt der Produktion ist nämlich nicht ein Experiment, das die Gefahren des Faschismus darstellen soll. Vielmehr ist der Faschismus schon da. In der ersten Szene wird eine Parteiversammlung der fiktiven NfD gezeigt: eine Rechts-außen-Partei mit blau-rotem Logo – also eine klare Referenz zur AfD. Durch die Straßen ziehen Jugendliche, die Jagd auf türkischstämmige Mitbürger machen oder sie auf dem Schulhof mobben.

Schon in der ersten Szene wird klar, was die neue „Welle“ ist: Sie ist kein Abbild des Faschismus – sie ist ihr Gegenstück. Mitglieder der Bewegung schütten dem NfD-Politiker ein Medikament ins Glas, woraufhin dieser auf der Bühne zusammenbricht und von der Gruppe bloßgestellt wird.

Eine Gruppe Jugendlicher gründet „Die Welle“. Quelle: Netflix

Parallelen zu Fridays for Future

Des Weiteren zeigt die neue „Welle“ Parallelen zu tatsächlichen Jugendbewegungen des Jahres 2019 – zum Beispiel Fridays for Future oder dessen Pendant Extinction Rebellion. Und sie dreht sich praktisch dauerhaft um eine Frage, die nicht besser dazu passen könnte: Wie radikal darf Protest sein?

„Die Welle“ in der Netflix-Serie besteht aus einer Gruppe Jugendlicher, die sich um ihre Zukunft sorgt und mit der politischen Situation nicht zufrieden ist. Viele von ihnen sind Außenseiter, die sich von ihren Mitschülern und der Welt, in der es nur um Konsum zu gehen scheint, ausgeschlossen fühlen. Von dieser kleinen Gruppe entwickelt sich „Die Welle“ zu einer großen Protestbewegung, die jedoch immer radikaler wird. Und schon bald kommt es zu Unstimmigkeiten zwischen den Anführern.

Ausgangspunkt für die neue „Welle“ ist in der Netflix-Serie kein Lehrer, sondern ein neuer Mitschüler: Tristan. Er erscheint in abgeranzten Klamotten zum Unterricht und ist so völlig anders als die anderen: offen, rebellisch, sorgt sich um das Elend in der Welt. Und Tristan kann einfach alles: Er ist wortgewandt, kann Arabisch sprechen und Klavier spielen – und nebenbei gibt er seinen Mitschülern eine neue Sichtweise aufs Leben mit, die in ihnen ein völlig neues Gemeinschaftsgefühl entfacht.

Was wollen uns die Macher sagen?

Die Jungschauspieler um Luise Befort und Ludwig Simon leisten dabei großartige schauspielerische Arbeit: Sie zeigen das Leben auf dem Schulhof, wie es wirklich ist. Nur an wenigen Stellen wirken die Protagonisten etwas überzeichnet. Auch der Punkt, an dem aus einer friedlichen Bewegung eine radikale Gruppierung wird, kommt etwas unverhofft und wird nicht so sorgsam aufbereitet wie in den Originalwerken der „Welle“.

Völlig unklar bleibt zudem, was uns die Produzenten mit der neuen „Welle“ eigentlich sagen wollen. Statt sich näher mit dem Faschismus zu beschäftigen, wie es noch das Original getan hat, werden hier Gruppendynamiken am Beispiel einer radikalen Öko-Gruppe aufgezeigt. Und der Zuschauer sucht verzweifelt nach dem erhobenen Zeigefinger.

Soll das alles Kritik am zivilen Ungehorsam sein? Will man dem Zuschauer verdeutlichen, dass nicht nur rechts, sondern auch links irgendwie schlimm ist? Oder hat man sich darüber gar keine Gedanken gemacht, sondern wollte einfach eine spannende Geschichte erzählen?

Letzteres wäre einem so starken Originalwerk, wie es „Die Welle“ einst war, fast schon unwürdig. Ihr Ziel hätten die Produzenten mit der Story dennoch erfüllt. Denn spannend ist die erste Staffel von „Wir sind die Welle“ allemal.

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Von Matthias Schwarzer/RND

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