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Medien & TV Wollen Sie mit diesem Mann noch reden, Michael Grynbaum?
Nachrichten Medien & TV Wollen Sie mit diesem Mann noch reden, Michael Grynbaum?
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22:19 29.12.2018
Zerstört Donald Trump, hier bei seiner Auseinandersetzung mit CNN-Reporter Jim Acosta, die freie Presse – oder verhilft er ihr ungewollt zu neuem Ansehen? Quelle: Evan Vucci/AP
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Herr Grynbaum, der Präsident spielt nicht mehr mit. Er schwänzt zum zweiten Mal das traditionelle Dinner mit dem Pressekorps des Weißen Hauses. Wie vergiftet ist die Atmosphäre?

Es ist eine galaktische Ironie, dass ausgerechnet Donald Trump die Party schneidet. Bei ebendiesem Dinner 2011 soll er entschieden haben, für das Präsidentenamt zu kandidieren – weil der damalige Präsident Obama und der Satiriker Seth Myers sich in ihren Reden lustig über ihn gemacht hatten. Trump ist der erste Präsident seit Ronald Reagan, der das Fest ausfallen lässt – und Reagan ist bloß nicht gekommen, weil er gerade von einem Attentäter angeschossen worden war. Allerdings empfinden auch viele Journalisten das Dinner längst als unangemessen kuschelig, als Relikt, das eine falsche Botschaft über das wahre Verhältnis von Journalisten und Regierung aussendet. Es ist vielleicht eine gute Trennung.

Als Donald Trump den berühmten Tweet „Die Fake-News-Medien sind nicht mein Feind, sondern der Feind des amerikanischen Volkes“ absetzte, klang er wie ein Diktator. Wie haben Sie ihn verstanden?

Ich hab nur gedacht: „Darüber werde ich schreiben müssen!“ Wenige Tage zuvor hatte Steve Bannon, damals noch Trumps Chefstratege, die Medien in einem Interview mit mir zum ersten Mal als „Oppositionspartei“ bezeichnet. Das war verstörend und hat es auf die Titelseiten geschafft. Aber die Tatsache, dass die Regierung diese Nachricht in einem Interview mit der „New York Times“ überbracht hat, sagt viel über die Hassliebe des Weißen Hauses zur Presse.

Kann ein Reporter fair über den mächtigsten Mann im Staat berichten, wenn er verbal von ihm verprügelt wird? Wollen Sie mit diesem Mann noch reden?

Viele im Pressekorps, die vom Präsidenten beleidigt worden sind, bleiben einfach ruhig – und sind entschlossener denn je, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Journalisten in Washington und andernorts erleben es immer mal, dass Präsidenten und Politiker aggressiv versuchen, ihre Arbeit zu stören. Aber Reporter sind keine Anwälte: Sie sind Zeugen und sollen Fakten aufzeichnen. Viele der Geschichten, die Kritiker nutzen, um das Weiße Haus anzugreifen, sind von Journalisten aufgedeckt worden, die einfach ihren Job gemacht haben – trotz aller Anfeindungen, die ihnen entgegengeschleudert wurden.

Das Geschäft mit dem Journalismus boomt in den USA. Profitieren Sie als „vierte Macht“ am Ende von den Hasstiraden aus dem Oval Office?

Es gibt einen enormen Hunger nach Einblicken in dieses Weiße Haus. Die Leser sind fasziniert von dem Spektakel darin. Und sie wollen die Wahrheit hinter dem Tun und den Worten des Präsidenten herausfinden. Zeitungen wie die „New York Times“ und die „Washington Post“ erleben einen gewaltigen Anstieg bei Print- und Online-Abonnements. Wir haben jetzt vier Millionen Abonnenten.

Hat sich auch Ihre Arbeit verändert?

Wir haben mehr Reporter, die über das Weiße Haus berichten, als früher. Der Nachrichtentag hat sich in die sehr frühen Morgenstunden ausgeweitet, wenn Trump zu twittern beginnt, und in den späten Abend, wenn Washington versucht durchzuatmen nach dem täglichen Wirbelsturm. Die Flut sozialer Medien macht den Zyklus schneller denn je. Journalisten sind darauf spezialisiert, den Nachrichten zu folgen, aber sogar sie finden es inzwischen schwer mitzuhalten. Durchschnittliche Leser, die sich um Jobs und Familie kümmern müssen, suchen Klarheit in all dem Lärm. Genau da hinein stecken wir jetzt mehr Anstrengungen: den Lesern das Wissen mitzugeben, damit sie informiert mitreden können.

Wie aber gehen Sie mit dem ständigen Strom von Meinungsäußerungen um, die als Fakten maskiert daherkommen?

Meinung und Sofortanalyse – in den USA bekannt als „hot take“ – befeuern den amerikanischen Nachrichtenfluss immer. Aber die allergrößte Leserschaft finden heute die großen Enthüllungen und ausführliche, in die Tiefe gehende Berichte. Die „Times“ hat 18 Monate investiert, um die Steuervermeidungstaktiken der Trump-Familie offenzulegen. Die Geschichte hatte viele Tausend Worte und hat unsere Website für Tage dominiert. Altmodisches Nachbohren ist immer noch das Beste.

Wie geht das für kleinere Zeitungen?

Leider haben die wenigsten noch die Ressourcen dafür. Großen Zeitungen wie der „Times“ geht es vielleicht blendend, aber die kleineren sterben. Das ist eine große Sorge in Medienkreisen. Lokalzeitungen sind enorm wichtig, um Regionalregierungen zur Rechenschaft zu ziehen und Bürgern zu helfen, ihre Kommune zu verstehen. Gemeinnützige Organisationen wie Propublica haben angefangen, im ganzen Land Reporter zu finanzieren, die über regionale und lokale Politik berichten. Das ist eine gute Sache.

„Die Fake-News-Medien sind nicht mein Feind, sondern der Feind des amerikanischen Volkes“: Donald Trump bleibt sich treu. Quelle: action press

Auch die großen Medienhäuser haben 2016 den Kandidaten Donald Trump massiv unterschätzt. Hat das liberale Amerika geschlafen?

Sehr wenige Amerikaner haben erwartet, dass Trump gewinnt – das gilt auch für seine eigenen Berater. Ich glaube, die schiere Unvorstellbarkeit, dass eine Person wie Trump ins Präsidentenamt aufsteigen könnte, hat falsche Erwartungen geweckt. Die „Times“ und andere haben Trump während des Wahlkampfes sehr genau auf den Zahn gefühlt. Da kann keiner behaupten, die Leute hätten nicht Bescheid über ihn gewusst, als sie ihn wählten. Prognosen aber sind keine Aufgabe von politischem Journalismus. Auch die Leser müssen ihre Erwartungen runterschrauben: Keiner kann die Zukunft vorhersagen. Wirklich guter Journalismus kann aber helfen, unsere Gegenwart besser zu verstehen.

Wenn Trump abtritt, wird dann alles wieder gut? Oder hat sich etwas Fundamentales in der Beziehung von Journalismus und Politik verändert?

Zuerst: Ich glaube, Trump ist eine Ausnahmeerscheinung. Und jeder sollte sich hüten zu glauben, dass er keine zweite Amtszeit gewinnen kann. Unabhängig davon: Politiker im ganzen Land haben Trumps Man­tra von den „fake news“ übernommen. Die Vorstellung, dass korrekte Berichterstattung diskreditiert oder ignoriert werden kann – und dass die Öffentlichkeit das mitmacht – ist in unsere politische Blutbahn eingedrungen.

Geht das Zeitalter der Vernunft also zur Neige?

Als ich Anfang 2016 ins Medienressort wechselte, waren die großen Themen TV-Reichweiten, prominente Moderatoren und der Aufstieg der sozialen Medien. Jetzt bestimmen existenzielle Fragen – ist die Wahrheit tot? – meine Arbeit. Die Türsteher der Information, zusammen mit denen, die ablenken und irreführen wollen, haben enorme Macht über die Zukunft der Gesellschaft. So, wie wir politische Führung in Verantwortung nehmen, so muss die Presse auch Männer und Frauen genau beobachten, die in der Medienindustrie mächtig sind. Was sind ihre Motive, ihre Ziele, ihre Schwächen? Das ist niemals wichtiger gewesen als heute.

Und doch drücken viele ein Auge zu, wenn es etwa um sexuelle Belästigung in der eigenen Industrie geht.

Es ist unangenehm, über die eigenen Kollegen zu schreiben. Aber die Skandale bei Fox, NBC und CBS sind alle dank investigativer Journalisten ans Licht gekommen. Muss mehr getan werden? Ganz bestimmt. Fehlverhalten ist leicht zu ignorieren im eigenen Haus. Doch die Rechnung wird kommen. Die Medienindustrie hat verstanden, dass sie auch sich selbst hinterfragen und kontrollieren muss.

Gibt es eine Lektion aus Amerika im Jahr 2018 für europäische Journalisten, die immer häufiger von Populisten angefeindet werden – unter tätiger Mithilfe von Trumps einstigem Vertrauten Steve Bannon?

Nehmt nichts als selbstverständlich hin. Und hört nie auf, Fragen zu stellen.

Michael M. Grynbaum Quelle: privat

Zur Person: Michael Grynbaum ist Medienredakteur der „New York Times“. Er schreibt über die Schnittstellen von Politik, Journalismus und Kultur. Zuvor hat der Harvard-Absolvent Präsidentschaftswahlkämpfe und die Finanzkrise 2008 für die „New York Times“ begleitet. Er lebt in Manhattan.

Von Susanne Iden/RND

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