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Medien & TV „... und alle Rosen sind verwelkt“
Nachrichten Medien & TV „... und alle Rosen sind verwelkt“
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21:59 30.12.2018
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Rostock

Eitelkeit kann fatale Folgen haben. Nur weil sich der Luzerner Unternehmer Anton S. (Roland Koch) mit einer Homestory in einem Hochglanzmagazin feiern lässt, kommt ihm der Deutsche Mike L. (Mišel Matičević) als Rächer der Entlassenen und Arbeitslosen auf die Spur und findet den Weg zum luxuriösen Anwesen der Familie S.  Dieser Ort bildet für „Tatort“-Regisseur Andreas Senn wieder einmal eine Gelegenheit, mit Architektur eine Geschichte zu erzählen. Der Millionärs-Bungalow spielt eine Hauptrolle in der Schweizer Folge „Friss oder stirb“, hier wird es gleich einen Überfall geben. Zunächst aber demonstriert die Dame des Hauses (Katharina von Bock), dass man sich in solch einem postmodernen Ambiente nur mit einem Rotweinglas in der Hand und einem Schubert-Impromptu im Ohr bewegen sollte.

Weil der aufgeblasene Anton S. ausgerechnet einen erlesenen Maserati fährt, der Spuren im Umfeld einer Gewalttat hinterlassen hat, kommen die Kommissare Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) der parallel zur Rächer-Geschichte laufenden Mordsache an der Universität Luzern ermittlungstechnisch näher. Die Hintergründe des Überfalls mit Geiselnahme und die des Mordes werden von Regisseur Andreas Senn und seinem Drehbuchautor Jan Cronauer sehr fein verwoben.

Mehr Atmosphäre als Aufklärung

Mike L., der Mann mit dem Revolver, der ins Luzerner Angeber-Ambiente eindringt und zunächst Antons Gattin und Tochter in seiner Gewalt hat, repräsentiert die Gegenwelt zum Leben im feudalen Glasbunker: den entrechteten Arbeitnehmer, Menschenmaterial einer herzlosen Wirtschaftselite. Dass er seine Forderung – eine Entlohnung, die bis zu seinem Lebensende reicht — nicht durchsetzen können wird, ist von Anfang an klar. Also geht es dem Film mehr um die Atmosphäre als um die Aufklärung eines Falles. Das Haus inszeniert sich selbst als Bühne für die Eskalation von Gewalt. Dazu kommt immer wieder aufdringlich eingespielte Musik, deren Bedeutung sich allerdings kaum erschließt: Ein Chor beglaubigt zunächst mit gregorianischem Gesang die Trostlosigkeit der Landschaft draußen. Als dann die beiden Kommissare dem Revolvermann vor den Lauf geraten, hört man Johnny Cash „Oh Danny Boy“ singen („Der Sommer ist vorbei, und alle Rosen sind verwelkt...“). Rätselhaft. Als die Gattin dem Spuk der Männer, des Anton S. und des Mike L., die inzwischen scheinbar fraternisieren, mit gezielten Schüssen in die Herzgegend ein Ende bereiten will, ertönt Leonard Cohens nölende Stimme mit „Who by Fire“. Noch rätselhafter.

Mysteriös bleibt auch, wie Mike L. all die Schläge auf den Kopf und Schüsse in den Leib überleben kann. Zumindest vorübergehend. Wohl nur, damit er durch ein finales Telefonat mit seinem Sohn einen sentimentalen Schusspunkt unter die insgesamt kühl und mitleidlos erzählte Geschichte setzen kann. Da verwelken am Vierwaldstättersee gleich ganze Rosenbüsche.

Michael Berger