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Ostdeutschland Getrennt durch Corona-Verordnung: Leipzigerin ringt um Einreise ihres Partners
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Corona: Leipzigerin ringt um Einreise ihres Partners

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13:13 22.06.2020
Die 37-jährige Susan Wille ist Anfang Mai aus Kanada zurück gekehrt. Ihr kanadischer Lebenspartner darf bisher nicht einreisen.
Die 37-jährige Susan Wille ist Anfang Mai aus Kanada zurück gekehrt. Ihr kanadischer Lebenspartner darf bisher nicht einreisen. Quelle: privat / Dirk Knofe
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Leipzig

Die Bundesrepublik macht auf, Deutsche Urlauber reisen inzwischen auch wieder ins Ausland, um sich zu entspannen. Die Leipzigerin Susan Wille braucht keinen Strand auf Mallorca, sie wünscht sich vielmehr, dass ihr Lebenspartner endlich zu ihr darf. Der wartet seit Wochen vergeblich auf eine Einreisegenehmigung. Im Interview spricht die 37-Jährigen über die monatelange Hängepartie.

Sie sind während der Corona-Krise aus Kanada nach Leipzig zurückgekehrt. Wie hat das funktioniert?

Das war ein lang geplanter Rückzug in meine Wahlheimat Leipzig, den ich nach fast zwei Jahren Kanada mit viel Organisationsgeschick und Überlegung mit meinem Partner umsetzen wollte. Job, Wohnung, Auto – alles hatten wir schon aus der Ferne organisiert. Als die Pandemie im März losging, waren unsere Flugtickets für Mai schon gebucht. Da der Flugbetrieb zwischen Kanada und Deutschland zu keinem Zeitpunkt eingestellt wurde, konnte zumindest ich ganz regulär einen Linienflug nehmen, um hier meine neue Stelle anzutreten. Man sagte mir, als deutsche Staatsbürgerin dürfe ich immer ohne Probleme einreisen, wenn auch unter Einhaltung einer zweiwöchigen Quarantänefrist. Bei meiner Ankunft am Flughafen in Frankfurt war ich allerdings baff, dass sich dort niemand für mich interessierte: Weder mein Name noch mein geplanter Quarantäne-Ort wurden aufgenommen. Es gab nicht mal ein Info-Blatt zur Situation.

Jetzt wohnen Sie nach Ihrer selbst gewählten Quarantäne wieder in Leipzig. Aber immer noch ohne ihren Lebensgefährten. Warum?

Meinen Partner musste ich schweren Herzens und in völliger Ungewissheit in Montreal zurücklassen, denn leider darf er im Rahmen der noch geltenden Corona-Reisebeschränkungen nicht einreisen. Er ist Kanadier, und als Nicht-EU-Ausländer muss er nach wie vor einen sogenannten „dringenden Einreisegrund“ vorweisen. Unser Verlöbnis, der gemeinsame Mietvertrag in Leipzig und eine Erkrankung meinerseits, durch die ich auf seine Unterstützung teilweise angewiesen bin, reichen nicht aus, um eine positive Einzelfallentscheidung zu ermöglichen. Das wurde uns von mehreren Behörden knallhart so mitgeteilt. Auch der Fakt, dass er unsere Wohnung in Montreal aufgeben musste, er hier in Leipzig im Mietvertrag steht und in Kanada nun inzwischen wohnungslos ist, hat da zu keiner Einsicht beim Innenministerium geführt.

Als verheiratetes Paar wäre eine Einreise für ihren Partner aber möglich, oder?

Ja. Und das zeigt die Tragik und Willkür an der ganzen Geschichte: Wir sind verlobt und wollten im Spätsommer in Deutschland heiraten. Bei der deutschen Botschaft in Ottawa empfahl man uns im März, die Heirat vorzuziehen, damit wir als „Familienangehörige“ gelten. Wir haben uns im Standesamt von Montreal angemeldet – das zwei Tage später allerdings coronabedingt schließen musste. In Deutschland wiederum gilt die „Einreise zum Zweck der Eheschließung“ nicht als dringender Einreisegrund, im Gegensatz beispielsweise zur Einreise als Erntehelfer.

Könnte sich ihr Mann nicht in Deutschland einfach in Quarantäne begeben?

Der gesunde Menschenverstand legt das nahe, und wir haben dies den Behörden auch vorgeschlagen: Sowohl Quarantäne als auch ein selbstfinanzierter Corona-Test. Doch diese Vorschläge wurden ignoriert. Ich denke, andere europäische Länder gehen mit all dem, was uns Corona im Reisevekehr so zumutet, wesentlich nachvollziehbarer um. Nichtverheiratete Paare werden beispielsweise in den meisten anderen Ländern gleichgestellt, wenn sie beweisen können, dass sie seit mehr als einem halben Jahr zusammen sind. Dort sind dann nur Quarantäne und Tests verpflichtend.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) Quelle: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dp

Bei anderen Themen wurde bereits mehrfach juristisch gegen Corona-Verordnungen vorgegangen und Einzelfallentscheidungen erwirkt. Ist das für Sie eine Option?

Meine Anwältin könnte mit den negativen Einreisebescheiden meines Verlobten am Landesverwaltungsgericht in Widerspruch gehen. Auf diesem Weg ist beispielsweise auch die Zwangsquarantäne für Einreisende im Mai gekippt worden. Sie erklärte mir allerdings, dass die Gerichte bei Reisebestimmungen für Nicht-EU-Bürger mit beispielloser Härte vorgehen: Sie erzählte mir von einem Ehepaar, bei dem der marokkanische Partner nach einem Besuch in seinem Heimatland auch immer noch dort festhängt. Dessen Eilantrag über die Wiedereinreise sei regelrecht abgeschmettert worden. Deshalb machen wir uns nicht viel Hoffnung.

Das klingt, als gehe es nicht nur um den Ehe-Status.

Ich denke, einerseits spitzt sich das Familienbild des Bundesinnenministeriums unter Horst Seehofer in der Krise weiter auf die traditionelle Ehe zu. Andererseits agieren die Behörden auch bei binationalen Paaren, die diese rechtlichen Voraussetzungen ja eigentlich erfüllen, sehr streng, wenn ein Partner aus einem visumspflichtigen Land wie Marokko kommt. Misstrauen und Behördenwillkür in Bezug auf Migration gab es vorher schon, aber nun zeigt sich beides auch in der Umsetzung der Krisenverordnungen.

Deutsche Urlauber entspannen sich inzwischen wieder auf Mallorca. Welche Perspektive gibt man Ihrem Lebenspartner?

Da kann ich leider nur bitter lachen: Man gibt ihm und mir gar keine Perspektive. Wir sollen schlicht „abwarten“, während innereuropäisch der touristische Reiseverkehr gepusht wird. Unsere zahllosen Nachfragen bei den verschiedensten Behörden haben uns immer wieder diese Aussage beschert. Deutschland hat seiner Bevölkerung, wie fast ganz Europa, leider keinen transparenten Corona-Stufenplan vorgelegt. Dass das auch anders geht, zeigt Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern.

Wie gehen sie privat mit der Hängepartie um?

Es ist eine mittlere Katastrophe – emotional, aber auch finanziell. Wir haben doppelte Ausgaben für das Wohnen, ständige Umbuchungsgebühren, es summieren sich Anwaltskosten für die Kommunikation mit den Behörden. All das zermürbt uns beide zusätzlich. Wir trösten uns aber damit, dass wir durch die Einhaltung aller Hygieneregeln zumindest noch gesund sind. Der Rest fühlt sich an wie das Leben in einem Kafka-Roman, und ich bin mir sicher, dass es vielen anderen binationalen Paaren und Familien ähnlich geht.

Von Matthias Puppe