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Dresden: Eine Pflegefamilie erzählt von ihrem Alltag 

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17:05 02.01.2022
An den großen, weihnachtlich geschmückten Tisch in der Küche passt zum Kaffeetrinken die ganze Familie.
An den großen, weihnachtlich geschmückten Tisch in der Küche passt zum Kaffeetrinken die ganze Familie. Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

Es ist ein ruhiger Freitagnachmittag in einer 1500-Seelen-Gemeinde, etwa 30 Kilometer von Dresden entfernt. In einem der Häuser, das im Gegensatz zu den grau verputzten der Nachbarn, knallgrün gestrichen ist, bereitet Anja Rietze gerade das Kaffeetrinken vor. Bald versammelt sich ihre ganze Familie um den gedeckten Tisch. Das geht nicht schnell und auch nicht leise – immerhin sind sie zu sechst: Da sind neben Anja Rietze ihr Mann Mario und die vier Geschwister Linus*, Robin*, Mia* und Lisa*. Sie sind vor zwei Jahren aus Dresden hergezogen, um mehr Platz und mehr Ruhe zu haben. Das grüne Haus bewohnt die Familie allein – trotzdem stehen drei Nachnamen am Klingelschild.

Denn die Rietzes sind keine gewöhnliche Familie, nicht nur wegen ihrer Größe. Linus ist adoptiert, seine drei Geschwister sind Pflegekinder, deren leibliche Eltern sich nicht um sie kümmern können. Der extrovertierte blonde Linus mit dem runden Gesicht hat eine Klasse übersprungen, die Ärzte meinen, der Neunjährige habe einen hohen IQ. Sein Bruder Robin, sieben Jahre alt, hat braune Haare und ein schmaleres Gesicht. Er ist etwas stiller, denkt erst nach, bevor er loslegt. Die nächstjüngere Schwester Mia ist vier, und ebenfalls blond. Sie zeigt strahlend auf ein Bild, das sie gemalt hat: „Das ist ein Vogel.“ Ein kleiner Sonnenschein ist auch die beinahe zweijährige Lisa – das war vor einem Jahr noch anders, da war sie blass und still, erzählen die Eltern.

Nach außen, zum Beispiel den neuen Nachbarn gegenüber, treten die Rietzes als ganz normale Familie auf – das sei ihr wichtig, betont Anja, um keinen Vorurteilen ausgesetzt zu sein. Die Kinder wachsen als Geschwister auf, nicht als Halb- oder Pflegegeschwister. „Wir machen das nicht unnötig komplizierter, als es ist“, sagt Mario. Es spiele für sie auch keine Rolle, dass Robin und Mia tatsächlich miteinander verwandt sind, oder dass Linus als Adoptivsohn rechtlich gesehen das einzige „echte“ Kind der Rietzes ist.

Dass die Familie keine biologische ist, machen die Eltern trotzdem nicht zum Geheimnis. Alle vier Kinder wissen, wo sie selbst und auch ihre Geschwister jeweils herkommen. Man dürfe den Kindern ihre Herkunft nicht verheimlichen, sagt Mario, gibt aber zu, dass solche Gespräche nicht leicht seien. Die hätte oft seine Frau übernommen. Die 47-Jährige erklärt die komplizierten Verhältnisse ganz einfach, mit Begriffen, die wohl vielen Adoptivfamilien bekannt sind: Anja und Mario sind „Herzmama“ und „Herzpapa“, dazu haben die Kinder noch eine „Bauchmama“, die sie geboren hat. Der leibliche Vater spiele selten eine Rolle.

Mama Anja spielt mit Mia und Lisa im Mädchenspielzimmer. Quelle: Dietrich Flechtner

Bis die sechsköpfige Familie beisammen war, war es ein langer Weg. Die Mutter erzählt: Nachdem sie und ihr Mann einen Antrag auf Adoption stellen, weil sie selbst keine Kinder bekommen können, warten sie zwei Jahre lang. Paare dürfen sich vor einer Adoption nicht auf das Kind vorbereiten, also beispielsweise kein Kinderzimmer einrichten: Zu groß sei das Risiko, enttäuscht zu werden, außerdem wisse man vorher weder Alter noch Geschlecht des Kindes. Das Jugendamt kontrolliere das.

Als dann der Anruf von der Adoptionsstelle kommt, geht plötzlich alles ganz schnell: Am nächsten Tag besuchen Anja und Mario das Neugeborene im Krankenhaus, vier Tage später nehmen sie es mit, und plötzlich sind sie eine Familie. „Ich bin erst einmal in die Drogerie gegangen und habe die Verkäuferin gefragt: ’Wir kriegen ein Baby, was brauche ich denn alles?’ Die hat mich vielleicht angeschaut...“, erinnert sich Anja lachend.

Linus soll kein Einzelkind bleiben. Weil bei der Adoptionsstelle die Nachfrage groß ist und kinderlose Paare Vorrang haben, probieren sie es mit einem Antrag auf ein Pflegekind. Dafür gibt es einen Fragebogen: Welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Krankheiten dürfe das Kleine denn haben? „Ich war ganz perplex, Kind ist doch Kind!“, meint die Mutter. Hier kommt bald der Anruf und es beginnt die Kennenlernphase mit dem einjährigen Robin. Als das Kind mit einer Bronchitis ins Krankenhaus muss, verbringt Anja so viel Zeit wie möglich an seinem Bett. Und als Robin wieder gesund wird, nimmt sie ihn direkt mit heim.

Zeit, Liebe und Vertrauen sind nötig

Bei den beiden Jungs sollte es eigentlich bleiben. Doch Robins leibliche Mutter ist bald wieder schwanger. „Wir hätten uns wirklich gewünscht, dass sie es diesmal schafft“, sagt Anja, aber den beiden sei auch klar gewesen: Falls nicht, dann nehmen sie dieses Kind auch noch auf, alles andere wäre unfair. Die Rietzes ziehen in eine größere Wohnung um, nur für den Fall.

Während es zunächst aussieht, als würde Robins Mutter das zweite Kind behalten können, hat sich Mario mit dem Gedanken an einen dritten Neuzuwachs, ein Mädchen, so angefreundet, dass die beiden einen weiteren Antrag auf ein Pflegekind stellen. Und dann kommt plötzlich doch die Nachricht: Mia, Robins Halbschwester und inzwischen sechs Monate alt, wurde abgegeben. Die Rietzes nehmen sie auf. Und wieder ist es Mario, der vorschlägt, den laufenden Antrag doch einfach bestehen zu lassen. So kommt vor einem Jahr Lisa in die Familie.

Im ersten halben Jahr in der neuen Familie, erzählt Anja Rietze, sind Pflegekinder meist kleine Engel: höflich, lieb, unkompliziert. Das liegt daran, dass sie sich der neuen Umgebung anpassen und gefallen wollen. Doch diese Phase endet irgendwann; dann beginnt das Kind, das neu gewonnene Vertrauen zu testen. Und dann wird es auch mal laut. Die Eltern haben Verständnis: „Das ist alles keine Absicht, sie wollen uns nicht provozieren, sie suchen einfach nur nach Zuneigung“, sagt Mario. Es brauche hier viel Zeit, Liebe und Vertrauen. „Die Kinder müssen merken, dass sie auch mal bockig sein und sich hinschmeißen können, dass das dazugehört“, sagt Anja.

Das Grundvertrauen ist weg

Oft fragen die Kinder: „Was machst du, wenn ich was Schlimmes mache?“, dann antworte sie: „Ich liebe dich trotzdem.“ – „Wenn ich dir Schokolade klaue?“ – „Das macht man nicht, aber ich liebe dich trotzdem.“ – „Und wenn ich jemanden verhaue, liebst du mich dann trotzdem?“ – „Ja.“ – „Aber wie kannst du mich denn da lieben?“ – „Weil ich dich liebe. Weil du mein Kind bist.“ Im Grunde ihres Herzen seien die Kinder verunsichert und traurig, sagt Anja, und ihre Stimme bricht – ein paar Tränen fließen, wenn sie an die Erfahrungen denkt, die die Vier schon machen mussten. Ihr Mann übernimmt: „Wenn eine Pflegefamilie es schafft, das Grundvertrauen des Kindes wiederherzustellen, dann hat sie gewonnen. Das ist nämlich weg.“ Alle vier Geschwister waren maximal ein Jahr alt, als sie in ihre neue Familie kamen – sicherlich können sie sich kaum an die Zeit davor erinnern? Das täusche, erklärt die Pflegemutter: „Die kriegen alles mit. Ob es in der Partnerschaft ihrer Eltern Schläge gegeben hat, ob die Mutti getrunken hat, ob sie nachts nicht da war, ob das Kind mal in die zu heiße Badewanne gelegt wurde...“ Das werde alles gespeichert. Und komme irgendwann ans Licht. Wenn man Glück habe, wisse man schon Bescheid und könne reagieren. „Aber wenn wir Pech haben, stehen wir da und denken uns: ‚Was ist denn jetzt los, warum schreit das Kind auf einmal, wenn es in die Badewanne soll?’“ Für solche Herausforderungen holen sich Anja und Mario Rat bei Hilfsstellen wie der Diakonie oder dem Pflegekinderdienst und wenden das Wissen an, dass sie im Pflegekurs vor der Aufnahme gelernt haben.

Linus trägt als einziges der Geschwister den Nachnamen der Eltern, und auch sein Vorname wurde von ihnen gewählt. Er ist auch das einzige Kind, das bisher von den Eltern erben könnte. Anja und Mario hätten es gern anders: Sie machen trotz der rechtlichen Unterscheidungen keinen Unterschied zwischen ihren Kindern. Auch Robin, Mia und Lisa werden bei der „Herzfamilie“ bleiben, bis sie groß sind: Pflegekinder kommen zwar üblicherweise befristet zu ihren Familien, zwei Jahre lang haben die leiblichen Mütter Zeit, ihre Lebensumstände zu stabilisieren. Passiert das aber nicht, kommen die Kinder in „Dauerpflege“, und die geht bis zur Volljährigkeit. Wenn die drei 18 sind, wollen die Rietzes auch sie gerne adoptieren.

Papa Mario mit Robin und Linus beim Kickern im „Legozimmer“. Quelle: Dietrich Flechtner

Linus’ Adoption lief inkognito, Informationen über die leiblichen Eltern sind also nicht bekannt. Das ist bei den anderen dreien anders: Ihre leiblichen Mütter haben ein Recht auf Umgang mit ihnen. Einmal im Monat gibt es ein Treffen mit der „Bauchmama“ in Dresden. Auf neutralem Boden wie einem Spielplatz, denn die Adresse der Pflegefamilie bleibt zum Schutz der Kinder geheim. „Wir haben ein freundschaftliches, respektvolles Verhältnis zu den leiblichen Müttern. Ihnen fällt es ja nicht leicht, ihre Kinder, die sie lieben, abzugeben“, sagt Anja. Ihnen sei wichtig, dass die Mütter sehen: Sie wollen ihnen ihr Kind nicht wegnehmen. Die Bindung des Kindes zur Mutter wolle und könne man nicht zerstören. „Wir sehen uns als Wegbegleiter der Kinder. Das Kind kann ja nichts dafür, dass die Mutti gerade eine schwere Lebensphase durchmacht“, meint Anja. Dafür dürfe man sie nicht verurteilen, betont Mario: „Wenn man mit den Müttern spricht, sagen sie nie: ’Ich will mich nicht kümmern’, sondern immer: ’Ich kann nicht.’ Das ist ein himmelweiter Unterschied.“ Er fahre nie mit einem schlechten Bauchgefühl zu den Umgängen.

Die Familie hat einen geregelten Tagesablauf. So gibt es um 15 Uhr Vesper, um 18 Uhr Abendbrot, um 18.30 geht es ins Bett und um 19 Uhr ist Ruhe. Bis etwa 23 Uhr, ab dann komme ein Kind nach dem anderen zu ihnen ins Bett gekrochen. Keines hat jemals in einer fremden Wohnung übernachtet, seit sie hier wohnen, sie wollen nicht. Das Haus ist so bunt wie die Familie: Überall finden sich Stofftiere und andere Spielsachen. Neben weihnachtlich geschmücktem Wohnzimmer und Küche gibt es zwei Badezimmer und einen Dachboden, auf dem die Unmengen an Wäsche trocknen können. Die Mädchen teilen sich ein Schlafzimmer, ganz in Pink, das der Jungs ist in Blau und Grün gehalten. Außerdem gibt es ein Spielzimmer für die Mädchen und ein Legozimmer, mit Tischkicker drin. Und das Schlafzimmer der Eltern mit dem mehr als drei Meter breiten Bett.

„Für uns gibt es nur diese eine Art von Liebe“

Vier Kinder, das weiß wohl jedes Elternteil, sind eine Menge Arbeit. Mario will eigentlich zuhause bleiben und sich in Vollzeit um die Geschwister kümmern. Dann würde die Familie auch noch ein viertes Pflegekind aufnehmen. Der 50-Jährige betreut beruflich behinderte Menschen, Hauptverdienerin ist ohnehin Personalleiterin Anja. Doch obwohl das Gehalt ihm egal ist, muss Mario Rietze weiter arbeiten gehen – um in Rente und Versicherung einzahlen zu können. „Hier tut die sächsische Politik ganz klar zu wenig für Pflegefamilien“, findet seine Frau. Schließlich würden sie, wenn sie könnten, dem Staat die Betreuung eines weiteren Kindes abnehme n, ihm ein liebevolles Zuhause geben.

 In anderen Bundesländern seien Pflegefamilien Angestellte des Jugendamtes, und Erzieherinnen im Kinderheim würden ja auch bezahlt. „Ich will gar kein Einkommen“, betont der Pflegevater, „nur eine Grundsicherung, die können wir alleine nicht stemmen. Mir ist die Begleitung der Kinder zuhause am wichtigsten, ich würde sie jedem noch so gut bezahlten Job vorziehen, wenn ich nur sozial abgesichert wäre.“ Bisher wurde ihm immer gesagt, für so eine Regelung gebe es keine gesetzliche Grundlage. „Da fehlt dem Gesetzgeber die Flexibilität und das menschliche Denken“, bedauert Mario. Natürlich gibt es für die drei Kinder Pflegegeld. „Aber das ist für sie, nicht für uns, das wollen wir dafür nicht verwenden“, sagt Anja resolut. Mario widerspricht dem Irrglauben, Pflegefamilien würden reichlich Geld für die Aufnahme von Kindern bekommen: „Wenn wir das nicht mit Herz machen würden, ich wüsste nicht, wie“.

Durch Corona sei die Familie enger zusammengerückt, es sei ruhiger geworden und irgendwie schöner, erzählt Anja. Die Sechs sind gerne nah beieinander. Oft vergesse sie, dass die Kinder nicht die eigenen sind. Ob sie das selbe fühlt wie eine leibliche Mutter, kann Anja trotzdem nicht beantworten: „Für uns gibt es nur diese eine Art von Liebe.“ Aber das sei in Ordnung. Im Eingangsbereich des Hauses hängt ein Schild, auf dem steht: „Liebe muss nicht perfekt sein. Nur echt.“

*Die Namen der Kinder sind aus Rücksicht auf ihre Herkunft geändert.

Von Linde Gläser