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Panorama Warum uns der Berliner SUV-Unfall so beschäftigt
Nachrichten Panorama Warum uns der Berliner SUV-Unfall so beschäftigt
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14:56 10.09.2019
Brauchen wir SUV in Innenstädten? Nach dem Unfall in Berlin ist eine Debatte entbrannt. Quelle: dpa
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Berlin

Was am Samstag in Berlin geschehen ist, ist eigentlich kaum in Worte zu fassen: Ein SUV rast auf den Gehweg, erfasst vier Menschen. Sie alle sterben – darunter auch ein Kleinkind. Eine weitere Passantin überlebt das Unglück nahezu unbeschadet. Sie verliert ihr kleines Kind und ihre Mutter.

Was folgt, ist eine intensive Debatte über Autos in deutschen Innenstädten – und vor allem: über SUV.

Schon am Sonntag nach dem schrecklichen Unglück fand in Berlin die erste Demonstration gegen die Riesenschlitten statt. Schnell folgten Forderungen aus der Politik: „Solche panzerähnlichen Autos gehören nicht in die Stadt“, sagte beispielsweise der zuständige Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) kurz nach dem Vorfall. Ähnliches forderte kurz darauf die Deutsche Umwelthilfe.

Der stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Oliver Krischer, forderte gegenüber dem „Tagesspiegel“ eine „SUV-Obergrenze“ in deutschen Innenstädten. ARD-Hauptstadtkorrespondent Dirk Rodenkirch nannte die Forderungen in einem Beitrag „populistisch“.

Ohne Frage: Der Unfall an der Kreuzung von Invalidenstraße und Ackerstraße ist eine unfassbare Tragödie. Aber: Unfälle wie dieser sind alles andere als selten. Immer wieder sterben in Deutschland ganze Familien im Straßenverkehr. Regelmäßig werden Kinder von Autos erfasst, beinahe ständig werden Radfahrer oder Fußgänger von Pkw überfahren – und ja: auch von SUV.

Warum erhitzt ausgerechnet dieser Unfall so sehr die Gemüter? Und warum diskutieren ausgerechnet jetzt alle über SUV? Der Versuch einer Erklärung.

Gleich mehrere Konflikte

Möglicherweise zieht der Unfall so viel Aufmerksamkeit auf sich, weil er gleich mehrere schon lange schwelende Konfliktherde vereint und sie jetzt allesamt zum Explodieren bringt.

Es geht hier nicht nur um den Sinn und Unsinn von Riesenkarren wie dem SUV. Es geht hier um die Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern im Straßenverkehr, es geht um unterschiedliche Vorstellungen bei der Verkehrswende, es geht um Einschränkungen und Verzicht im Sinne des Klimaschutzes.

Wie wollen wir künftig in unseren Innenstädten leben? Wie viel Platz soll welcher Verkehrsteilnehmer dabei haben? Wie kriegen wir die Luft sauber – und: Spielt das Auto dabei überhaupt noch eine Rolle? Ein gefährlicher, viel zu großer, umweltschädlicher Porsche, der in Berlin gleich vier Fußgänger tötet – an diesem Fall lässt sich wunderbar die deutsche Verkehrswende durchdiskutieren. So tragisch das Ereignis auch sein mag.

Schizophrene Verkehrspolitik

Bei eben dieser Verkehrswende verhält sich das Autoland Deutschland bisher nämlich ziemlich schizophren. Ein gutes Beispiel dafür sind auch die kürzlich eingeführten E-Scooter in deutschen Großstädten. Kassenarzt-Chef Andreas Gassen forderte beispielsweise ein Verbot der elektrischen Tretroller – wegen der Verletzungsgefahr. Ähnliche Forderungen kamen von Verbänden und aus der Politik.

Was hingegen kaum diskutiert wird: Die größte Gefahr geht gar nicht so sehr von dem kleinen Elektroflitzer aus – sondern vom Automobil. Gleiches gilt übrigens für Fahrradunfälle. Die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Radfahrer ist im vergangenen Jahr gestiegen. In den meisten Fällen waren an diesen Unfällen Autos beteiligt.

Der Twitter-Nutzer @stvrtrb hat sich den Spaß gemacht, in Nachrichtenmeldungen über E-Scooter einfach das Wort Auto einzusetzen. Und schon wird das Problem deutlich.

Die Gefahr des Autos in deutschen Innenstädten verliert sich häufig in Verkehrsdiskussionen – weil das Automobil in Deutschland eine Art Heiligenstatus gepachtet hat. In keinem anderen Land ist das Auto derart verwoben mit der nationalen Identität. Es gehört zur Normalität, dass in deutschen Innenstädten Autos herumfahren, herumlärmen, stinken, Platz wegnehmen und Fußgänger gefährden. Ganz im Gegensatz zum E-Scooter.

Gotteslästerung am Automobil

Am Heiligenstatus des Automobils wird jedoch seit ein paar Jahren massiv gerüttelt. Beim Thema Verkehr ist Deutschland so gespalten wie lange nicht. Die Rufe nach Dieselverboten, Tempolimits und autofreien Innenstädten werden lauter. Und die Selbstverständlichkeit von Privat-Pkw wird massiv infrage gestellt.

Oft kommen diese Stimmen aus den Metropolen: Berliner wollen sich nicht mehr gefallen lassen, dass Riesenkarren ihre Geh- und Radwege blockieren – und dass diese Autos zu allem Überfluss auch noch immer größer werden. Zum ersten Mal wird ernsthaft und in Massen am deutschen Heiligtum Auto gezweifelt.

Auf der anderen Seite steht der urdeutsche Instinkt, der das Automobil mit Freiheit, mit Status, mit Identität gleichsetzt. Und jeder, der daran zu rütteln versucht, ebnet den Weg in die „Ökodiktatur“. Der Kulturen-Clash dieser beiden Gruppen lässt sich derzeit wunderbar auf dem Twitter-Profil von „Welt“-Chefredakteur und Porsche-Fan Ulf Poschardt nachvollziehen.

Der Unfall in Berlin wird etwas ändern

Wie tief die Gräben sind, zeigt sich nun auch in den Diskussionen um den tödlichen Unfall in Berlin. Ein Fall, der das Fass offenbar zum Überlaufen brachte.

Dass ausgerechnet ein tödlicher Verkehrsunfall die Diskussion über das Zusammenleben in deutschen Innenstädten voranbringt, ist zwar in gewisser Hinsicht makaber. Doch die Diskussion ist auch bitter nötig.

Und schon jetzt scheint klar: Dieser Unfall wird etwas verändern. Auch, wenn es wahrscheinlich kein SUV-Verbot sein wird.

Von Matthias Schwarzer/RND

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