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Panorama Oscar am Abgrund: Der Lack ist ab in Hollywood
Nachrichten Panorama Oscar am Abgrund: Der Lack ist ab in Hollywood
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21:48 23.02.2019
Heiß begehrt, aber doch ein bisschen abgegriffen? 34 Zentimeter Höhe, 3,9 Kilogramm schweres Britanniametall und drumherum ein dünnes Mäntelchen aus 24 Karat Gold, das ist der Oscar. Quelle: Imago
Los Angeles

Manchmal ist Hollywood so schnell, dass man sich verwundert die Augen reibt: Harvey Weinstein steht noch gar nicht vor Gericht, da wird er schon zur Theaterfigur. Hollywoodstar John Malkovich will den so tief gefallenen Hollywoodproduzenten auf der Bühne spielen. Er verkörpere „einen Filmmogul, der sich nicht benehmen kann“, sagt Malkovich.

Die Farce „Bitter Wheat“, zu sehen von Juni an in London, werde die Frage stellen, „ob man lachen oder weinen soll“, so der auf abgründige Charaktere spezialisierte Malkovich in einem BBC-Interview. Das hört sich nach einem leichtgewichtigen Theaterabend über jenen Mann an, dem knapp 90 Frauen sexuelle Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung vorwerfen.

Lesen Sie hier: Oscars 2019: Die Verleihung live im TV und Livestream sehen

Unterdessen möchte Brad Pitt mit seiner Produktionsfirma Plan B die Geschichte der Reporterinnen Jodi Kantor und Megan Twohey verfilmen. Die beiden Journalistinnen hatten im Herbst 2017 mit ihren Berichten in der „New York Times“ die Vorwürfe gegen Weinstein aufgedeckt und sich dabei auch von Einschüchterungsversuchen nicht abschrecken lassen.

Die Filmrechte hat sich Pitt schon gesichert. Als Produzent hat er Oscarfilme wie „12 Years a Slave“ ins Kino gebracht. Gut möglich also, dass der einstmals so emsige Oscarsammler Weinstein selbst zur Figur in einem Oscarfilm wird.

Vom Filmemacher zum Bühnensujet: Die Rolle des übergriffigen Produzenten Harvey Weinstein (oben) will John Malkovich spielen. Quelle: Richard Shotwell/AP

Aber: Sind Hollywoods tiefste Abgründe wirklich schon reif fürs Unterhaltungsprogramm? Hat die US-Filmindustrie die Abrechnung mit den übergriffigen „alten weißen Männern“ bereits vollzogen? Oder ist sie einfach wieder zum Tagesgeschäft übergegangen?

Noch im Vorjahr schienen tiefe Risse durchs System Hollywood zu gehen. Immer länger wurde die Liste der Beschuldigten, die ihre Machtstellung sexuell ausgenutzt haben sollen. Namen wie Dustin Hoffman oder Michael Douglas tauchten auf. Der Furor der Bewegung war so groß, dass manche Frau vor einer Hexenjagd gegen das männliche Geschlecht warnte.

Sexismus, Diskriminierung, Missbrauch: Was alle immer schon zumindest ahnten, kam plötzlich auf den Tisch. Die Büchse der Pandora hatte sich geöffnet. Das Entsetzen über all die Geschichten von missbrauchten Frauen – und jungen Männern – war groß. Rund um den Globus hatte die #MeToo-Debatte Folgen, wie etwa den Fall des deutschen Regisseurs Dieter Wedel.

Protest in Schwarz auf Rot

Geschlossen protestierten die Stars in schwarzer Kleidung auf roten Teppichen. Meryl Streep brachte zur Golden-Globe-Verleihung 2018 die Vorsitzende der Nationalen Vereinigung der Hausangestellten mit, um zu demonstrieren, dass Frauen nicht nur in der Kinoindus­trie einen schweren Stand haben. Im Januar rief Glenn Close ebenfalls bei den Globes aus: „Frauen müssen ihren Träumen folgen. Wir müssen sagen: Ich kann das. Ich muss es jetzt tun.“

Schließlich initiierten 300 Hollywoodfrauen die „Time’s Up“-Bewegung und riefen das Ende der Männerherrschaft aus. Hauptverdächtige wie Harvey Weinstein oder auch Kevin Spacey tauchten erst einmal spurlos ab.

Es geht um alle Frauen: 2018 bringt Meryl Streep als Begleitung zum Golden Globe Ai Jen Poo mit, Chefin der Gewerkschaft der Hausangestellten. Quelle: Dave Longendyke/ZUMA/dpa

Aber hat sich seitdem auch etwas in der täglichen Arbeit zum Besseren gewendet? Die US-Medienforscherin Martha Lauzen hat mal nachgerechnet: Im Kinojahr 2018, dem ersten nach Weinstein, haben bei nur acht Prozent der umsatzstärksten Filme Frauen Regie geführt. 1998 waren es neun Prozent. All dem Reden über Gleichberechtigung folgten offenbar keine Taten.

Dieser Befund lässt sich auch an der Oscarverleihung am morgigen Sonntag ablesen: Acht Filme sind in der Königskategorie nominiert. Keine einzige Regisseurin ist darunter zu finden. Ein nennenswerter Aufschrei über diese andauernde Missachtung? Fehlanzeige.

Hollywood ist gerade mit anderen Dingen beschäftigt. Der vergoldete Ritter steckt in Nöten, der Glanz blättert. Die US-Studios kämpfen angesichts des Hypes von Streamingdiensten und Computerspielen gegen ihren Bedeutungsverlust.

Eine Zeremonie ohne Zeremonienmeister

Nicht einmal ein Moderator für den immer noch wichtigsten Filmpreis der Welt ließ sich finden, nachdem Komiker Kevin Hart wegen früherer schwulenfeindlicher Bemerkungen abgesprungen war. Jetzt soll eine ganze Starriege die Show nach der Staffelstabmethode über die Bühne bringen. Mit dabei: Daniel Craig, Charlize Theron, Emilia Clarke, Whoopi Goldberg und Javier Bardem.

Endlos wurde darüber gestritten, ob einige Oscarkategorien in die Werbepausen verbannt werden sollten. Nach Protesten aus den eigenen Reihen ist die veranstaltende Academy of Motion Picture Arts and Sciences wieder zurückgerudert – genau wie bei dem Versuch, eine eigene Kategorie für besonders populäre Filme zu schaffen, um Blockbuster stärker zu würdigen.

Es ist nicht einmal gewiss, ob es gelingen wird, die Show auf maximal drei Stunden einzudampfen. So soll das immer wankelmütigere TV-Publikum bei der Stange gehalten werden. Das Zuschauerinteresse hat sich innerhalb von Jahren halbiert. Nun bleiben Oscarpreisträgern vom Gang auf die Bühne bis zum Dankeschön an Mama 90 Sekunden. Das dürfte die Bereitschaft kaum erhöhen, die Sache der Frauen oder auch von Minderheiten mit flammenden Appellen hinaus in die Welt zu tragen.

Die Vereinigung wird bunter

Die Oscar-Academy lässt sich dank Posterboys und Postergirls wie George Clooney und Angelina Jolie gern als Speerspitze des liberalen Amerika feiern, schafft es bislang aber nicht einmal, die sich wandelnde Gesellschaft in ihrer Zusammensetzung zu spiegeln.

Zumindest an diesem Problem wird jetzt mit Hochdruck gearbeitet: Die Vereinigung wird bunter. Im Eilverfahren wurden Afroamerikaner, Latinos, Asiaten, Indigene aufgenommen. Der Anteil der „People of Color“ unter den knapp 8000 Mitgliedern hat sich innerhalb von wenigen Jahren auf 15 Prozent mehr als verdoppelt.

Der etwas andere Favorit: „Roma“ mit Yalitza Aparicio (Mitte), eine schwarz-weiße Netflix-Produktion. Quelle: Carlos Somonte/Netflix

Sollte in diesem Jahr tatsächlich der Netflix-Film „Roma“ über die Geschichte eines mexikanischen Kindermädchens gekürt werden, dürfte Regisseur Alfonso Cuarón das der neuen Vielfältigkeit zu verdanken haben – und, nun ja, vielleicht auch jenen Stars, in deren Anwesen in Beverly Hills Haushaltshilfen aus dem südlichen Nachbarland putzen. Wenn sich damit nebenbei gegen Donald Trumps Mauer protestieren lässt: umso besser.

Der schwarze Oscarregisseur Barry Jenkins sieht Hollywood zumindest auf dem richtigen Weg. Vor zwei Jahren wurde er erst nach einem peinlichen Briefumschlag-Wirrwarr mit „Moonlight“ vor „La La Land“ zum Sieger gekürt. Nun sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Die Oscar-Academy gilt als konservative Versammlung alter weißer Männer. Aber sie hat mit meinem Film jenen ausgewählt, der von einem schwarzen Jungen erzählt, der mit seiner Sexualität kämpft, in einer brutalen Welt aufwächst und dessen Mutter Drogen nimmt. Die Academy-Mitglieder haben es geschafft, über ihre persönlichen Lebenserfahrungen hinauszuschauen.“

Hoffnungsschimmer für die Frauen

Die „Producers Guild of America“, eine Vereinigung von Filmproduzenten, hat Richtlinien erarbeitet, um sexuelle Übergriffe beim Dreh zu verhindern. Betroffene sollen sich an eigens benannte Vertrauenspersonen wenden können. Und sie sollen lernen, sich gegen Belästigungen zu wehren. Bei diesen Regeln handelt es sich um bloße Empfehlungen. Einige Großproduktionen haben sie aber schon befolgt, darunter das Team von „Wonder Woman 2“, dem ersten Blockbuster um eine Comicsuperheldin. Seit dieser Kinowunderfrau wissen die Studios, dass man auch mit Actionheroinen Millionen verdienen kann.

Hoffnungsschimmer am Horizont entdeckt Margot Robbie, eine der gefragtesten Darstellerinnen Hollywoods. Sie hat beobachtet, dass nicht mehr nur über Frauen im Film geredet, sondern auch in Projekte mit Frauen investiert werde. Jüngst spielte Robbie eine Hauptrolle in „Maria Stuart“ unter der Regisseurin Josie Rourke. „Das alles braucht Zeit, aber ich sehe definitiv Veränderung“, so Robbie.

Ausgezeichnete Vorlage: Brad Pitt produziert einen Film über die Journalistinnen Jodi Kantor (links) und Megan Twohey, die den Fall Weinberg mit aufdeckten. Quelle: Invision/AP InvisionInvision/AP Invision

Die vielleicht schwierigste Aufgabe beginnt erst – die gerichtliche Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe. Juliette Binoche, die Weinstein durch die Arbeit an Filmen wie „Der englische Patient“ kennt, begrüßt die Versachlichung: „Viele Menschen haben sich zu Wort gemeldet. Nun muss die Justiz ihr Werk tun“, sagte die Jurypräsidentin der gerade beendeten Berlinale. Sie erinnerte zugleich an Weinsteins Verdienste als Produzent.

Der vielfach Beschuldigte wartet mit einer elektronischen Fessel auf seinen Prozess. Der Termin wurde jüngst auf Mai verschoben. Klar ist schon jetzt: Viele Fälle sind verjährt.

Kevin Spacey zeigte sich Anfang Januar wenige Minuten für eine erste Anhörung im Verfahren um sexuelle Belästigung eines 18-Jährigen und trug dabei sein berühmtes herablassendes Lächeln zur Schau. Dass er zwischenzeitlich aus der Erfolgsserie „House of Cards“ herausgeschrieben und aus dem schon fertigen Film „Alles Geld der Welt“ herausgeschnitten worden war, schien ihn nicht zu belasten.

„Ich weiß, was ihr wollt“: Oscar-Preisträger Kevin Spacey (links neben seinem Anwalt) gibt sich Anfang Januar während seiner Anhörung vor Gericht süffisant. Quelle: Nicole Harnishfeger/AP

Schon vor seinem Gerichtsauftritt hatte Spacey mit einem ominösen Youtube-Video auf sich aufmerksam gemacht. Darin wendet er sich direkt ans Publikum, so wie man es von seiner diabolischen Serienfigur US-Präsident Frank Underwood kennt: „Ich weiß, was ihr wollt“, sagt er. „Natürlich haben sie versucht, uns zu trennen, aber was wir haben, ist zu stark, zu mächtig.“ Und dann: „Ich habe dir gezeigt, wozu Menschen fähig sind. Ich habe dich mit meiner Ehrlichkeit schockiert, aber vor allem habe ich dich herausgefordert, dich zum Nachdenken gebracht, und du hast mir vertraut – obwohl du wusstest, dass du das nicht tun solltest.“

Millionenfach wurde das Video angeklickt. Was Spacey damit bezweckte? Manche erkannten einen wahnhaften Wirklichkeitsverlust, andere einen Testlauf, ob es ihm gelingen könnte, sich mit seiner genialen Schauspielkunst aus der Bredouille herauszuwinden.

Reaktionen vieler Fans deuteten darauf hin, dass sie ihren Lieblingsbösewicht wieder zurück haben möchten. Bei der Oscarshow am Sonntag müssen sie wohl auf ihn verzichten.

Von Stefan Stosch/RND

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