Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Panorama Rechte quälen und töten Homosexuellen – Gericht wertet Tat nicht als Mord
Nachrichten Panorama Rechte quälen und töten Homosexuellen – Gericht wertet Tat nicht als Mord
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:20 09.06.2019
Das Landgericht Chemnitz. Quelle: Peter Endig/ZB/dpa
Anzeige
Chemnitz

Mehr als ein Jahr nach dem Tod eines homosexuellen Mannes in Aue sind die drei Angeklagten zu Haftstrafen zwischen 11 und 14 Jahren verurteilt worden. Das Landgericht Chemnitz sah es am Freitag als erwiesen an, dass die drei Männer, bei denen rechtsextremes Gedankengut vorhanden sei, ihr Opfer in menschenverachtender Weise getötet hatten. Als Gruppe hätten sie eine Dynamik entwickelt und seien bei ihrer Tat hemmungslos vorgegangen.

Es bestehe ein „unbedingter Tötungsvorsatz“, begründete die Vorsitzende Richterin, Simone Herberger, die Entscheidung der Kammer. Allerdings blieb das Gericht unter der geforderten Strafe der Staatsanwaltschaft – die hatte dem Rädelsführer Terence H. Mord vorgeworfen und lebenslange Haft gefordert. Staatsanwalt Stephan Butzkies begründete dies mit der Heimtücke der Tat. Für die beiden anderen setzte er Freiheitsstrafen von zwölf Jahren und sechs Monaten (Jens H.) sowie 13 Jahren und sechs Monaten (Stephan H.) an. Ihnen warf er Totschlag vor.

Alle Angeklagten waren bei der Tat betrunken

Die Verteidigung plädierte für die beiden Männer auf sieben und acht Monate Freiheitsentzug. Das Tötungsdelikt am 27-jährigen Christopher W. ereignete sich im April 2018. Das Opfer erlitt laut Rechtsmedizinern schwerste Gesichts- und Kopfverletzungen. Der Prozess hatte acht Monate nach der Tat vor dem Landgericht Chemnitz begonnen.

„Diese Erinnerungen werden in den Köpfen bleiben“, sagte Herberger zu den Verurteilten über die grausame Tat, „damit werden sie leben müssen“. Zugleich betonte sie: „Sie haben den ganzen Tag sinnlos verbracht, getrunken und Drogen konsumiert“. Alle Angeklagten seien bei der Tat betrunken gewesen. Der Getötete habe bereits vorher als Opfer in einer Gruppe gelebt, zu der die drei Täter gehörten, obwohl er es selbst nicht so wahrgenommen habe.

Herberger appellierte an die Verurteilten, die Zeit im Gefängnis für eine konsequente Änderung ihres Lebens zu nutzen. Für Jens H. und Stephan H. ordnete sie noch vor dem Haftantritt eine Entzugstherapie im Maßregelvollzug an.

Rechtes Tatmotiv laut Gericht nicht Nachweisbar

Einer der Männer war durch homophobe Äußerungen aufgefallen. Zudem wurde in der Verhandlung die mögliche rechtsextreme Gesinnung der Angeklagten hinterfragt. Für das Strafmaß spielt das laut Staatsanwaltschaft jedoch nur eine untergeordnete Rolle.

Zwar sei rechtsextremes Gedankengut vorhanden, sagte Butzkies nach der Urteilsverkündung. Die Tat sei aber davon zu unterscheiden. Nicht jeder, der rechts ist, werde im Zuge einer Straftat von dieser Einstellung getrieben. Im konkreten Fall in Aue habe sich während der Tat eine Eigendynamik entwickelt. Es war aber Butzkies zufolge gerichtlich nicht nachweisbar, dass ein rechtes Tatmotiv zugrunde liegt. Auch eine Homophobie, die einem der Täter zugeordnet wird, sei nicht der Anlass und Auslöser für dieses Delikt gewesen.

Stephan H. sagte noch im Gerichtssaal, er nehme das Urteil an. Gegen das Entscheidung des Landgerichtes kann Revision eingelegt werden.

Der Fall hatte für Aufsehen gesorgt, weil er in der Statistik der Opferhilfe RAA Sachsen unter politisch rechtsmotivierter Gewaltkriminalität geführt wird. Dem Verein zufolge ist es das 17. Todesopfer rechter Gewalt in Sachsen seit 1990.

Von RND/epd