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Panorama Wir lieben unser Haustier und essen Billigfleisch: Warum uns Tiere mehr wert sein sollten
Nachrichten Panorama Wir lieben unser Haustier und essen Billigfleisch: Warum uns Tiere mehr wert sein sollten
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19:05 23.02.2019
Wie kommt es, dass wir Milliarden in unsere Haustiere investieren, aber nicht bereit sind, mehr Geld für das Fleisch von Tieren auszugeben, die nicht leiden mussten? Quelle: Oleh Slobodeniuk/iStock
Hannover

Es ging einfach nicht. Tobi arbeitete vor ein paar Jahren auf einem Hof, auf dem man auch Schafe züchtete, und dort wurde eines Tages geschlachtet. Aber der junge Mann brachte es nicht fertig, dabei mitzuhelfen. Und als es dann Koteletts gab, bekam er keines runter. Da sagte er sich: „Wenn du so ein Tier nicht umbringen kannst, kannst du es auch nicht essen.“

Andere Menschen hätten sich in dem Moment vielleicht entschlossen, Vegetarier zu werden. Tobi, der aus Deutschland stammt und in England eine Ausbildung in biologisch-dynamischer Landwirtschaft absolviert hat, traf eine andere Entscheidung.

Er nahm sich vor, nur noch Fleisch von solchen Tieren zu essen, die er selbst getötet hatte. Er machte das, was die Menschen über Jahrtausende gemacht hatten: Er setzte sich der Tatsache aus, dass ein Wesen sein Leben lassen muss, wenn er Fleisch essen will.

Spottpreise und Schlachthofskandale

Tobi ist eine Ausnahme. Aber er ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich in den westeuropäischen Gesellschaften derzeit etwas verändert: Wir nehmen Tiere heute anders wahr als noch vor 40 oder 50 Jahren. Was nicht automatisch heißt, dass wir alle Tiere mehr respektieren.

Ein beliebiger Tag bei Aldi: Niemand schaut beim Regal mit den Fleischpackungen noch genau auf die kleinen Schilder, jeder weiß auch so, dass es spottbillig ist. 500 Gramm Schnitzel, 2,99 Euro. Und während die Leute zur Kasse gehen, assoziieren sie keine kreischenden Tiere, keine Tötungsmaschinerien, kein Blut. Sie denken an das leckere Abendbrot. Und vielleicht noch daran, wie wenig es sie kostet.

Lesen Sie hier: Deutsche kaufen Fleisch am liebsten billig

Dezember 2017: In einem Schlachthof in Düren in Nordrhein-Westfalen werden Tiere nicht ausreichend betäubt vor der Schlachtung. Februar 2018: In Tauberbischofsheim quälen Schlachthofmitarbeiter Rinder mit Elektroschocks. Oktober 2018: In einem Schlachthof in Bad Iburg in Niedersachsen werden kranke Rinder, die man gar nicht mehr schlachten darf, mit der Seilwinde brutal vom Hänger gezerrt, sogar tote Tiere sollen verarbeitet worden sein. Im November 2018 fliegen in Schlachthöfen in Oldenburg und in Laatzen bei Hannover Tierquälereien auf.

Ein Leben im Widerspruch

Wir führen, was Tiere angeht, ein Leben im Widerspruch. Wir finden Lämmer süß. Und wir finden sie lecker. Wir würden unseren Hunden nie bewusst wehtun. Aber wir akzeptieren, dass anderen Tieren wehgetan wird, damit wir sie stückweise auf unsere Teller legen können.

Das war zwar schon immer so. Aber es hat, durch die massive Zunahme des Fleischkonsums und durch die Veränderung der Rolle der Haustiere, neue Dimensionen angenommen. Sicher, auch die Zahl der Vegetarier wächst. Aber es handelt sich um 8 bis 10 Prozent der Bevölkerung. Für die meisten Menschen scheint das keine Option zu sein.

Lesen Sie hier: Sarah Wiener: „Die Lösung kann nicht sein, immer mehr Fleisch zu essen“

Über Jahrtausende, notierte der vor zwei Jahren verstorbene Erlanger Psychologieprofessor Erhard Olbrich, der sich viel mit Mensch-Tier-Beziehungen befasst hat, galten Tiere in erster Linie als Beute, Nahrung, Felllieferant, Gehilfe. Dann fing der Mensch an, genauer zwischen Nutztier und Haustier zu unterscheiden und sich von dem einen ab- und dem anderen zuzuwenden.

Die Entwertung von lebendigen Wesen

Aus der Katze, die man sich zum Mäusefangen geholt hatte, wurde die Katze, die auf dem Schoß liegt und schnurrt. Aus dem Schwein, dass man zu Hause fütterte, bis es fett war, wurde ein anonymes Etwas in einer Lieferkette, das am Ende auch nicht mehr nach Schwein aussah.

Im 19. Jahrhundert haben wir in Deutschland im Schnitt 14 Kilogramm Fleisch pro Jahr und Person gegessen. Heute sind es 60. In den Fünfzigern kostete ein Kilo Fleisch 1,6 Prozent unseres Einkommens, heute sind es noch 0,28 Prozent. Diese (im wortwörtlichen Sinn) Entwertung betrifft aber keine toten Gegenstände aus Porzellan, Plastik oder Metall. Sondern lebendige Wesen.

Erhard Olbrich hat in seinen Aufsätzen herausgearbeitet, dass die Anwesenheit von Tieren in physiologisch und psychologisch messbarer Weise das Wohlbefinden von Menschen steigert. Tiere sind em­pathiebegabt und gehen verschwenderisch damit um. Sie reagieren nicht wie Menschen auf Geld und Macht und äußere Attraktivität, sondern auf das Wesen und das Verhalten ihrer Besitzer.

Fleischerzeugung in Deutschland Quelle: dpa/RND

Hunde und Pferde können psychische Störungen heilen. Tiere lindern Einsamkeit: „Kann ein Mensch überhaupt allein sein, wenn er bei jedem Spaziergang buchstäblich Hunderte Male von seinem Hund angeschaut wird?“, hat Olbrich gefragt.

Was uns das Haustier wert ist, zeigen Statistiken. Fachleute kalkulieren die Futterkosten für Heimtiere in Deutschland auf 3,75 Milliarden Euro. Die Ausgaben für Tierarzt et cetera summieren sich auf 2,1 Milliarden Euro. Ein Hund kostet im Laufe seines Lebens zwischen 12 000 und 20 000 Euro.

Das Fleisch aber, das wir essen, muss billig sein. Wir reden über artgerechte Nutztierhaltung, aber wir bezahlen nicht dafür: Der Anteil an Biofleisch liegt deutlich unterhalb von 2 Prozent – und Bio allein garantiert noch gar keine gute Tierhaltung.

Landwirte denken vorwiegend ökonomisch

Das Problem ist die Masse, das Problem ist der Preis. Daran passen wir die Nutztiere an. Nach wie vor werden jedes Jahr 20 Millionen männlichen Ferkeln in Deutschland die Hoden abgeschnitten, immer noch ohne Betäubung. 95 Prozent aller Schweine kappt man die Ringelschwänze, weil die Tiere sie sich unter den derzeitigen Haltungsbedingungen sonst gegenseitig abbeißen würden. Wir kupieren Legehennen die Schnäbel und mästen Puten so schnell, dass ihre Knochen brechen, weil sie mit dem Wachstum nicht hinterherkommen.

Bauern verstehen die Kritik an solchen Zuständen oft gar nicht, weil sie – notwendigerweise? – vorwiegend ökonomisch denken. Aber es geht eben um mehr als Geld. Der Irrtum steckt schon darin, dass viele Landwirte sich selbst als Fleischerzeuger bezeichnen. Das ist eine Anmaßung. Hansjoachim Hackbarth, emeritierter Tiermedizinprofessor der Tierärztlichen Hochschule Hannover, hat mal gesagt, eigentlich gehöre es verboten, Fleisch über den Preis zu vermarkten.

Der Hang der Lebensmittelbranche zur Vertuschung scheint gebrochen

Auf der anderen Seite bekommen die Landwirte deutlich zu spüren, wie sehr sich die Gesellschaft mental von der Herkunft ihrer Nahrung entfernt hat. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lag der Anteil der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft in Deutschland noch bei 38 Prozent, heute sind es 2 Prozent.

In den Familien weiß einfach niemand mehr aus eigener Anschauung, wo Milch und Fleisch und Getreide herkommen. Zugleich ist es gerade die gut betuchte, gesundheitsbewusste Stadtbevölkerung, die hohe ethische Ansprüche formuliert. Das kann sie, weil sie keinen Hunger mehr kennt.

Lesen Sie hier: Supermarktketten starten einheitliche Kennzeichnung für Fleisch

An den Schlachthofskandalen der jüngsten Zeit kann man aber ablesen, dass sich etwas tut. Die großen Handelsketten haben erklärt, dass sie von Schlachthöfen, die tierschutzwidrige Praktiken anwenden, kein Fleisch mehr kaufen. Dass sie das öffentlich sagen, ist ein Fortschritt. Der frühere Hang der Branche zur Vertuschung scheint durchbrochen.

Wir verlieren unsere Menschlichkeit, wenn wir Tiere schlecht behandeln

Es war aber auch dringend an der Zeit. Ein System, das darauf aufbaut, Lebewesen ausschließlich als Ware zu sehen, muss irgendwann in der Verrohung enden. Wir verlieren unsere Menschlichkeit, wenn wir Tiere schlecht behandeln.

Tobi ist inzwischen 32 und Familienvater. Er isst weiterhin Fleisch. Aber selten. Er hat lange jedes Huhn und jedes Kaninchen, das er essen wollte, selbst getötet. Das macht er jetzt nicht mehr ausschließlich. Aber er weiß, von welchem Hof die Tiere kommen, die er isst, er weiß, wie sie gelebt haben und wie sie geschlachtet wurden.

Und manchmal isst er in einem Restaurant Fleisch, dessen Herkunft er nicht kennt. Ideologie ist ja auch keine Lösung.

Von Bert Strebe

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