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10:00 06.04.2019
Wer weise ist, weiß, dass sein Verständnis von der Welt nicht ausreicht, um die Welt zu verstehen. Quelle: iStock
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Hannover

Ein Mathematiklehrer und sein Schüler. Sie sprechen über den Unterrichtsstoff. Der Schüler beherrscht die Aufgaben nicht, und er schämt sich deswegen. Der Lehrer merkt das, überlegt kurz und sagt: „Weißt du, wenn du etwas nicht kannst, dann ist das mein Fehler.“ „Bitte?“, fragt der Schüler. „Na ja“, sagt der Lehrer, „es ist meine Aufgabe, dir die Mathematik nahezubringen. Wenn ich das nicht schaffe, habe ich versagt. Nicht du.“

Diese kurze Szene hat sich vor Jahren irgendwo in Deutschland zugetragen. Nicht nur der Schüler war überrascht. Die Kollegen des Lehrers fanden seine Haltung regelrecht befremdlich. Begründung: Es gebe genug Schüler, die einfach nicht lernen wollten, egal, was man ihnen anbiete.

Aber der Lehrer blieb bei seinem Prinzip. Er wusste, dass man Menschen in aller Regel nicht motivieren kann, indem man Druck auf sie ausübt. Druck erzeugt nur Angst oder Gegendruck oder beides, und damit ist keine positive Identifikation möglich.

Wir denken, für Weisheit braucht es Jahrzehnte an Lebenserfahrung

Der Mathematiklehrer war also ein weiser Mann. Und das war auch deswegen überraschend, weil er noch ziemlich jung war, eigentlich gerade erst der Uni entwachsen. Normalerweise muss man, um so etwas wie Weisheit zu entwickeln, doch ein paar Jahrzehnte an Lebenserfahrung ansammeln. Das denken wir jedenfalls meistens.

Die Frage, ob jemand genug im Kopf hat, um eine bestimmte Tätigkeit auszuüben, und die Frage, wie man das misst, beschäftigt die Gesellschaft immer mal wieder. Als Kriterium muss dann oft das Alter herhalten.

Das Amt des Bundespräsidenten kann nur erlangen, wer mindestens 40 Jahre alt ist. Frank-Walter Steinmeier war 61, als er gewählt wurde. Aber war sein Geburtsdatum ausschlaggebend? War es nicht eher sein Auftreten? Steinmeier strahlt Bedächtigkeit aus – genau die Bedächtigkeit, die man sich für das höchste deutsche Staatsamt wünscht.

Weisheit als „Verstandestugend“

Und die man heute beispielsweise Emmanuel Macron wünschen würde. Bei seiner Wahl zum französischen Staatspräsidenten 2017 galt der damals 39-Jährige als junger Reformer, als Garant für Ökologie und Wirtschaftswachstum. So jung und schon so klug! Heute wirkt er eher wie ein verbiestertes Elitebürschchen, das nicht versteht, wieso es nicht von jedermann geliebt wird. Spielt Alter also doch eine Rolle bei der Fähigkeit, Einsichten zu erlangen?

Kommt drauf an. Horst Seehofer ist bald 70. Er hat aber bisher nicht bemerkt, dass er mit seinem ewigen Gezerre um Parteimacht und Ministeramt – nun, sagen wir es behutsam: sein Ansehen nicht eben gemehrt hat. Angela Merkel, fünf Jahre jünger als Seehofer, macht ihm gerade vor, wie man mit Würde abtritt. Und sie stellt damit einmal mehr auch ihre beiden Vorgänger im Kanzleramt in den Schatten.

Im Allgemeinen nennen wir jemanden weise, wenn sie oder er etwas vom Sinn des Lebens versteht. Oder, nicht ganz so hochtrabend: wenn sie oder er in schwierigen Lebensfragen eine gewisse Sicherheit des Urteils an den Tag legt. Aristoteles bezeichnete die Weisheit als eine „Verstandestugend“. Das alttestamentarische „Buch der Weisheit“ definiert die Weisheit (unter anderem) als heilig, zart, klar und menschenfreundlich. Siehe Gandhi. Siehe Hildegard von Bingen. Siehe Dalai-Lama.

Schützt Alter doch ein bisschen vor Torheit? Die ungleichen Präsidenten Frank-Walter Steinmeier (links) und Emmanuel Macron. Quelle: Gregor Fischer/dpa

Geht man bei den sprachlichen Wurzeln des Adjektivs „weise“ weit genug zurück, stößt man auf das Sanskrit-Wort „Veda“, dessen Urbedeutung „sehen“ ist. Man muss also erst mal hingucken, muss sich anschauen, wie etwas aussieht, bevor man es beurteilt. Und was sieht man dann? Der berühmteste Satz zur Weisheit ist der von Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Wer weise ist, weiß, dass sein Verständnis von der Welt nicht ausreicht, um die Welt zu verstehen.

Und erst, wenn man das weiß, ist man (manchmal) in der Lage, ein paar der Dinge hinter den Dingen zu erkennen. Die seelischen Wunden hinter der Zerstörungswut eines Jugendlichen. Die innere Leere hinter dem Wortschwall eines Funktionärs. Den verängstigten kleinen Jungen hinter dem ach so groß tuenden Chef. Und dann entwickelt man auch Verständnis für sie. Und Nachsicht mit sich selbst, weil man nie einen anderen völlig begreifen wird.

Mit Klugheit hat das übrigens sehr viel weniger zu tun als mit Gefühl. Klug kann man auch auf gerissene oder sogar verschlagene Art sein. Kant hat Klugheit schlicht für ein Instrument zur Mehrung des eigenen Wohls betrachtet. In keiner Religion aber würde jemand als weise gelten, der den Eigennutz über den der Gemeinschaft stellt.

Erfahrung erleichtert das Verständnis für andere Sichtweisen

Die Hirnforscher, die vor einiger Zeit herausgefunden haben wollten, der Mensch besäße keinen freien Willen und sei nur Ausführender einer Reihe von elektrischen Impulsen in seinem Kopf, sind sicherlich sehr kluge Leute. Aber weise? Sie hätten auch sagen können, bei Musik handele es sich um eine Abfolge differierender Geräusche. Um den Geist und das Gefühl dessen zu erfassen, was man im Konzertsaal hört (oder im Gespräch beim Gegenüber wahrnimmt), braucht es mehr als Klugheit – und mehr als elektrische Impulse.

Es geht auch eigentlich nicht hauptsächlich um Lebenserfahrung, wenn wir annehmen, dass ältere Menschen eher weise sind als jüngere. Die Erfahrung hilft nur in einem einzigen Punkt: Wer lange gelebt hat, hat höchstwahrscheinlich mehr gesehen als ein Jüngerer. Und hält deswegen mehr für möglich, auch Dinge, die nicht ins eigene Lebenskonzept passen. Das erleichtert das Verständnis für andere Sichtweisen. Und deswegen bringen Oma und Opa vielleicht mehr Toleranz als die Elterngeneration dafür auf, wenn die Enkel sich ihre eigenen Lebenswege suchen.

Jüngere treffen schneller Entscheidungen

Die Psychologen und Gerontologen Paul Baltes (2006 gestorben) und Ursula Staudinger (heute an der Columbia University in New York) haben das Thema Weisheit intensiv erforscht. Staudinger hat einmal angemerkt, dass Menschen mit zunehmendem Alter neue Entwicklungen nicht mehr so gut verarbeiten können: „Es besteht die Gefahr, engstirniger zu werden.“ Auf der anderen Seite wüssten alte Leute aus Erfahrung, dass nichts im Leben gewiss sei, und könnten damit besser umgehen als junge.

An der University of Michigan haben Psychologen in einer Studie ermittelt, dass jüngere Menschen schnell Urteile fällen, während Ältere ein Problem lieber erst mal aus verschiedenen Perspektiven betrachten – übrigens unabhängig von Intelligenzquotient, Bildungsstand und ökonomischem Status.

Offenheit fürs Leben und eine Portion Demut

Bei Paul Baltes liest sich das so, dass Weisheit aus einem „reichen Faktenwissen über grundlegende Fragen des Lebens und einem reichen strategischen Wissen über den Umgang mit diesen Fragen“ besteht. Seine Mitarbeiterin Judith Glück, heute Psychologieprofessorin in Klagenfurt, nennt als wichtigste Voraussetzung dafür wiederum die Neugier: dass man sich immer wieder auf neue Erfahrungen, auf andere Denkweisen, auf Veränderungen einzulassen bereit ist.

Für Weisheit braucht man weder einen weißen Schopf noch Falten im Gesicht. Offenheit fürs Leben und eine gehörige Portion Demut reichen völlig. Wenn man dann noch Mitgefühl besitzt, sich davon aber nicht überwältigen lässt, und wenn man sich selbst und die eigenen Ansichten nicht zu wichtig nimmt, sondern immer mal kritisch hinterfragt – dann befindet man sich auf dem besten Weg, weise zu werden. Und wenn man weiß, dass man nie bei diesem Ziel ankommt, ist man fast da.

Von Bert Strebe

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